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"Das schweigende Klassenzimmer": Gedenkminute für die Freiheit

Von Regisseur Lars Kraume erzählt von einer ostdeutschen Abiturklasse, die sich 1956 mit den Akteuren des Ungarnaufstands solidarisch zeigte.
Schulamtsleiterin Kessler (Jördis Triebel) verhört den Schüler Erik (Jonas Dassler). Sie glaubt, dass es einen Anstifter für die Schweigeminute der Abiturientenklasse gab. Foto: Julia Terjung (StudioCanal) Schulamtsleiterin Kessler (Jördis Triebel) verhört den Schüler Erik (Jonas Dassler). Sie glaubt, dass es einen Anstifter für die Schweigeminute der Abiturientenklasse gab.

Eine Minute kann ganz schön lange sein, wenn eine Schulklasse sich dazu entschieden hat, den Lehrer anzuschweigen. Tatsächlich waren es damals, anders als im Film, sogar fünf Minuten, in denen die 12. Klasse der Kurt-Steffelbauer-Schule in Storkow am 29. September 1956 keinen Mucks von sich gab. Nicht, um ihren Geschichtslehrer zu ärgern, sondern aus Solidarität mit den Aufständigen in Ungarn, die gerade von den Panzern der Roten Armee bedroht wurden. Und aus Trauer um den ungarischen Fußballer Ferenc Puskás, der dabei ums Leben gekommen sein sollte. Der im Grunde harmlose Protest hatte für die angehenden Abiturienten dramatische Folgen.

Flucht in den Westen

Denn auch, wenn nach dem Tode Stalins drei Jahre zuvor in der Sowjetunion unter Chruschtschow allmählich die Tauwetter-Periode anbrach, war in der jungen DDR vom politischen Frühling noch nichts zu spüren. „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns“, lautete die politische Devise, und so wurden die 17-Jährigen als Gegenrevolutionäre gebrandmarkt. Der damalige Volksbildungsminister Fritz Lange nahm sich der Angelegenheit an, und da die Schüler sich weigerten, einen Rädelsführer zu benennen, wurde die gesamte Klasse von der Schule geworfen, mit der Gewissheit, dass keiner der Schüler in der DDR je Abitur machen können würde. Von den 19 Beteiligten flohen 16 Jugendliche über Berlin in den Westen. Und es sollte 50 Jahre dauern, bis einer von ihnen diesen Moment des folgenschweren Widerstands in einem Buch zusammenfasste.

Nun hat Lars Kraume dieses Buch von Dietrich Garstka als Vorlage für seinen Film „Das schweigende Klassenzimmer“ genommen, auch weil der Regisseur in dem rebellischen Aufbegehren und der Zivilcourage der Jugendlichen ein zeitloses Thema sah. Kraume hat die Handlung von Storkow nach Eisenhüttenstadt verlagert, das damals noch Stalinstadt hieß – eine sozialistische Vorzeigesiedlung, die um das Hüttenwerk herum gebaut wurde und den Arbeitern eine Wohnqualität bot, von der die Stahlkocher im Ruhrgebiet nur träumen konnten. Gezielt bricht Kraume mit den stereotypen Bildern grauer DDR-Tristesse, mit denen Kino und Fernsehen immer wieder kokettieren. Und auch sonst ist „Das schweigende Klassenzimmer“ sichtbar um Differenziertheit bemüht, ohne den Konflikt zwischen den Jugendlichen und dem unterdrückerischen Gesellschaftssystem herunterzudimmen.

Als Theo (Leonard Scheicher) und Kurt (Tom Gramenz) bei einem Kinoausflug nach Westberlin die „Wochenschau“-Bilder von den Aufständen in Ungarn sehen, kehren sie aufgewühlt und voller Tatendrang nach Hause zurück. Auch die Mitschüler sind empört über die Ereignisse, und obwohl sich einige nicht ganz sicher sind, beteiligt sich die ganze Klasse an der Schweigeminute. Der junge Rektor Schwarz (Florian Lukas), der, aus proletarischen Verhältnissen kommend, den Schulleiterposten übernommen hat, würde die Angelegenheit als Jugendstreich hinnehmen. Aber Schulamtsleiterin Kessler (Jördis Triebel) bekommt Wind von der Sache, und wenig später fährt Minister Lange (Burghart Klaußner) mit einer schwarzen Limousine auf den Schulhof.

Lange ist ein überzeugter Kommunist, der für seine politischen Ansichten von den Nazis ins KZ gesteckt wurde. Wütend öffnet er den Hemdkragen und zeigt den Schülern die Narbe am Hals von jener Schlinge, an der die SS ihn aufgeknüpft hat. Die Opposition der Jugendlichen gegen den antifaschistischen DDR-Staat ist für ihn ein unverzeihlicher Affront.

Kollektive Verweigerung

Klaußner spielt diesen Parteigenossen nicht als ideologischen Betonkopf, sondern als emotionalen Überzeugungstäter, in dessen Weltanschauung sich die im Dritten Reich erlittenen Qualen tief eingeschrieben haben. In zahlreichen Verhören wird versucht, einen Rädelsführer ausfindig zu machen, den man an den Pranger stellen könnte. Deutlich wird hier noch einmal das perfide System vor Augen geführt, das bei Verrat und Selbstbezichtigung Vergebung verspricht und immer stärkere Sanktionen auffährt, als die Schüler sich kollektiv verweigern. Besonders überzeugend agieren die jungen Darsteller, die den jugendlichen Idealismus mit Leben füllen und die moralischen Entscheidungen der Schüler differenzieren.

„Das schweigende Klassenzimmer“ wird sicherlich noch ein langes Leben im Schulunterricht führen. Denn es gibt nur wenige Filme, die den historischen Abstand zur DDR-Geschichte derart glaubwürdig verringern. Herausragend

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