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Gefangen im Paradies

Samu Haber, der Deutschen liebster Finne, lässt in der Festhalle Frauenherzen höher schlagen und nicht nur die Damenwelt vor Glückseligkeit quietschen.
Samu Haber, der charismatische Frontmann von „Sunrise Avenue“, betört in der Frankfurter Festhalle. Foto: Julian Sajak Samu Haber, der charismatische Frontmann von „Sunrise Avenue“, betört in der Frankfurter Festhalle.

Aufgeregt im Halbdunkel blinkte es schon vor zwei Jahren, als „Sunrise Avenue“ nach 2014 schon zum zweiten Mal in der Frankfurter Festhalle gastierten. Ein aus kleinen Glühlämpchen auf Sperrholz montiertes selbstgebasteltes Herz flackerte wie wild, über rund 100 Minuten lang in die Höhe gehalten von einem weiblichen Fan. Auch diesmal halten sowohl die Herzdame als auch die Glühlämpchen zäh und wacker durch, wie auch so manch andere unermüdliche Trägerin von Plakaten und Flaggen mit knapp formulierten Liebesbekundungen eines mehrheitlich aus der Damenwelt sich rekrutierenden Publikums. Von ganz jung und in Begleitung zumindest eines Erziehungsberechtigten bis hold mit Freund, Freundin oder Ehepartner im Schlepptau reicht die Palette der weiblichen Besucherschar. Unterfüttert durch einen erklecklichen Anteil an Herren, denen männliche Lebensabschnittsgefährten mehr als weibliche zusagen. Auch da pochen die Herzen kollektiv höher.

Treuherziger Dackelblick

Sind sie doch alle gekommen, um ihn zu bestaunen und bewundern: Samu Haber, Vokalist, Rhythmusgitarrist und Komponist der 1992 in Urbesetzung gegründeten finnischen Formation „Sunrise Avenue“. Ein Herzensbrecher in Dunkelblond mit attraktiver Jungmännervisage, der sein Gardemaß von 1,93 Meter ganz in Jeans verpackt hat. Mit treuherzigem Dackelblick und hohem Bemutterungsfaktor wird er in den kommenden 100 Minuten nicht halb so viel plaudern, wie er es seit 2013 als Coach der TV-Castingshow „The Voice Of Germany“ tut. Da übertrumpfte der längst an die bildschöne Freundin Vivianne Raudsepp vergebene 41 Jahre alte Haber in spontan witzig-ironischer Authentizität zeitweilig sogar der Deutschen liebsten Iren, Rea Garvey, in der Publikumsgunst. Seiner Teilnahme an der nach wie vor beliebten Castingshow dürfte auch jener Popularitätszuwachs geschuldet sein, der just zu dem Zeitpunkt quantensprungartig zunahm und „Sunrise Avenue“ in die ganz großen Hallen dieser Republik führte, als Haber sich 2013 erstmals gegen gutes Geld als Coach zur Verfügung stellte.

Natürliches Charisma nennt sich die wohl nicht erlernbare Tugend, die, ob jung, ob alt, allesamt gleich über Geschlechterschranken hinweg laut aufschreien, heftig applaudieren, textsicher mitsingen und sich im Viervierteltakt wiegen lässt, sobald sich Samu Haber auf der Zunge des weit in den Zuschauerraum ragenden Laufstegs blicken lässt. Da suggeriert der Sänger augenscheinlich Nähe, selbst wenn er sich dann nur über Belangloses wie die Kuppel, die Größe und die Schönheit von Frankfurts Gudd Stubb auslässt.

Naturgewalten im Clip

Weit weniger Aufmerksamkeit seitens des Publikums zuteil wird den vier Bandkollegen. Namentliche Erwähnung durch Haber finden Sologitarrist Riku Juhani Rajamaa, Bassist Ilkka Raul Ruutu, Schlagzeuger Sami Tapio Osala und Keyboarder Osmo Ikonen ohnehin erst kurz vor dem Finale mit „Hollywood Hills“.

Auch sonst spielt das Quartett eine untergeordnete Rolle in der eher unspektakulären, ganz auf die musikalischen Werte ausgerichteten Darbietung von „Sunrise Avenue“. Während die High-Tech-Kulissen überdimensionale Videoclip-Impressionen zwischen Naturgewalten und den Musikern abspulen, schlurft das Quintett durch einen repräsentativen Querschnitt aus fünf bislang erschienenen Studioalben mit Fokus auf dem aktuellen Werk „Heartbreak Century“. Eine sich mehr oder minder am Bereich Pop und Rock sowie deren Unterarten orientierende Mixtur.

Liebeseuphorie

Vom Pathos ergriffene Hymnen – mal balladesk bedächtig, mal mitreißend treibend, aber stets im Ohrwurmmodus – tummeln sich im handwerklich grundsoliden Konzept mit lyrischen Kernaussagen zumeist zwischen Liebeseuphorie und Trennungsschmerz. Oft wiederholte Refrains, mit zusätzlichen „Oh-Ho-Ho“-Stadienchören bestückt, sorgen für einen hohen Identifikationswert. Vom voluminösen Einstieg „Prisoner In Paradise“ an reihen sich im Reißverschlussverfahren Charthits wie „Lifesaver“, „Fairytale Gone Bad“ und „I Don’t Dance“ an diverse Alben-Tracks. Samu Haber wechselt zwar häufiger von der Akustik- zur E-Gitarre, jedoch tanzt seine stoische Ruhe und Entspanntheit nicht einmal aus der Reihe. Unaufgeregter lässt sich ein 20-Song-Pensum im großen Rahmen mit Glanzlichtern wie „Beautiful“, „Question Marks“, „Never Let Go“ und „I Help You Hate Me“ trotz auf Autopilot laufender Dauer-Charme-Offensive nicht präsentieren.

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