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Neuer Roman von Herman Koch: Geheimnisvoller Tod eines Lehrers

Herman Kochs Romane sind böse, hintergründig und echte Pageturner. Das gilt auch wieder für seine Neuerscheinung „Sehr geehrter Herr M.“.
Herman Koch. Herman Koch.

Ein Lehrer verschwindet spurlos. Im Roman des Schriftstellers M. wird er ermordet. Jahrzehnte später interessiert sich dessen Nachbar plötzlich für den alten Fall.

Im Mittelpunkt des Buches stehen ein in die Jahre gekommener Bestsellerautor, zwei Schüler und ein Lehrer, der eines Tages auf unerklärliche Weise spurlos verschwindet.

Ausgespähtes Leben

Und dann ist da noch ein mysteriöser Nachbar, der das Leben des Schriftstellers bis ins kleinste Detail verfolgt und ihm einen Drohbrief schreibt: „Ja, ich habe etwas mit Ihnen vor, Herr M.“ Doch was genau? Der Unbekannte jedenfalls, so viel steht fest, ist einer jener zynischen und kühl sezierenden Zeitgenossen, wie sie so typisch sind für das Werk des Niederländers Herman Koch. Er findet offenbar nichts dabei, seinen berühmten Nachbarn und dessen junge Frau zu belauschen und so ihren banalen Alltag zu rekonstruieren: „Heute Morgen sind Sie früher auf als sonst. Als ich Sie ins Bad gehen hörte, war es auf dem Wecker neben meinem Bett neun Uhr. Den Geräuschen nach zu urteilen, haben Sie eine Duschwanne aus Edelstahl und einen verstellbaren Drehkopf – am liebsten mögen Sie einen breiten Strahl.“ Dann stellt er sich in seiner boshaften Fantasie vor, wie M. langsam das Wasser über seinen alten, runzeligen Körper laufen lässt.

Vom Werk des Schriftstellers hält der Nachbar allerdings nicht viel, er findet es mittelmäßig und so veraltet wie den Mann selbst: Nach seinem Tod werde man ihn und seine Bücher schnell vergessen, behauptet er. Nur zwei Werke seien überhaupt der Erinnerung wert: ein Roman über die deutsche Besatzungszeit sowie „Abrechnung“. Für dieses Buch ließ M. sich von einem wahren Fall inspirieren, der vor vier Jahrzehnten für Schlagzeilen sorgte: Ein Lehrer, der ein Verhältnis mit einer Schülerin hatte, tauchte nach einem Besuch in ihrem Ferienhaus nie wieder auf. Die Schülerin und ihr gleichaltriger Freund standen unter Mordverdacht, doch konnte ihnen nichts nachgewiesen werden.

In dem Roman dagegen ist die Sache eindeutig: Die beiden Schüler schmieden ein Komplott und bringen den nervenden Lehrer um die Ecke. Die Tat erscheint im Rückblick durchaus plausibel. Zumal damals ohnehin eine gewisse Lehrerverachtung an der Schule grassierte. „Lehrer sind im Allgemeinen gescheiterte Existenzen“, heißt es an einer Stelle. „Gebrochen und frustriert.“ Ihr Leben sei eigentlich schon „an dem Tag zu Ende gegangen, an dem sie sich entschlossen hatten, das Unterrichten zu ihrem Beruf zu machen“. Einige Lehrer werden zu Opfern makabrer Scherze der Schüler, ihre hilflosen Reaktionen voyeuristisch auf Film gebannt. Ist in einer solchen Atmosphäre nicht auch ein Mord denkbar? Der neugierige Nachbar scheint da einiges zu wissen . . .

Die Menschen sind eitel

Herman Kochs Buch ist fintenreich und komplex gebaut und erhöht so die Dramatik und Spannung für den Leser. Der Autor spielt souverän auf verschiedenen Ebenen, wechselt von der Gegenwart zur Vergangenheit, von der Fiktion zur Realität, vertauscht die Perspektiven und hält den Leser so in Atem bis zur überraschenden Auflösung am Schluss.

Gemütlich ist seine Welt nicht, eher bitterböse und gespickt mit eitlem, schwachem oder aber zynischem Personal. Gut und Böse, Schwarz und Weiß lassen sich nicht so einfach voneinander trennen. Auf die eine oder andere Weise sind letztlich alle Täter.

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