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Literatur: Gekrächze aus dem Abgrund: Monika Maron verschafft der Krähe einen unheimlichen Auftritt

Von Monika Marons jüngstes Werk handelt von Fantasien über Flüchtlingsmassen, Gewalt und Krieg in den Straßen. Am besten, man schlägt den Kragen hoch.
Monika Maron blickt skeptisch auf das, was in diesen Tagen in Deutschland und der Welt passiert. Foto: Klaus-Dietmar Gabbert (dpa) Monika Maron blickt skeptisch auf das, was in diesen Tagen in Deutschland und der Welt passiert.

Krähen sind, anders als zum Beispiel Meisen oder Wellensittiche, düstere Vögel. Das liegt an ihrem schwarzen Gefieder, aber auch an ihrem Krächzen, das im Winter über abgestorbene, neblige Landschaften schallt. Krähen sind ungewöhnlich intelligent. Sie können auf raffinierte Weise Walnüsse knacken. Die melancholischen Vögel machen sich aber auch gern an toten Tieren zu schaffen. Sie sind Aasfresser. Wenn man sie aufschreckt, hüpfen sie flügelschlagend und wie mit schweren Gliedern davon. In der nordischen Sage hocken zwei, Hugin und Munin, auf den Schultern von Göttervater Odin, der bei Wagner Wotan heißt und der Gott des Krieges und der Toten ist. In Monika Marons neuem Roman sitzt eine einbeinige Krähe mitten im Wohnzimmer von Mina Wolf.

Mina Wolf wiederum sitzt in einer Straße in Berlin und arbeitet an einer Festschrift über den Dreißigjährigen Krieg. Dabei wird sie gestört von einer Nachbarin, die den ganzen Tag auf dem Balkon steht und grauenvoll singt. Falsch und krächzend exekutiert sie Opernarien, dass es zum Gotterbarmen ist – eine menschliche Krähe mit entsetzlicher Stimme. Diese Frau wird bald zum Ärgernis der beschaulichen Straße. Ruhe und Ordnung sind gestört. Die Nachbarschaft gerät in Aufruhr. Es bilden sich Bürgerinitiativen. Es kommt zu Demonstrationen. Die einen wollen die lästige Dame aus der Wohnung vertreiben, was aber nicht gelingt, weil sie als Behinderte besonderen Kündigungsschutz genießt. Die anderen plädieren für Toleranz und ergreifen Partei für die offensichtlich verwirrte Mitbürgerin. Der Konflikt zwischen den verschiedenen Fraktionen eskaliert schnell. Taxifahrer gehen auf Audifahrer los, Kinder werden aufgehetzt. Am Ende kommt es zu einer schlimmen Tat. Und Mina Wolf?

Die alleinstehende Fünfzigerin aus dem Osten beobachtet alles eher aus der Distanz. Ihre Arbeitsstunden verlegt sie in die Nacht, den Gesang der Nachbarin verschläft sie. Sie trinkt Gin Tonic und wirkt auf seltsame Weise gealtert, einsam, verbittert. Die Welt um sich herum nimmt die Stubenhockerin vor allem als Bedrohung wahr, über Zeitungen, Fernsehen und Internet.

Krieg und Gewalt

Was sie in ihrem kleinen Lebenskreis erfährt, stammt aus zweiter Hand und verwandelt sich in ihrem Kopf in ein apokalyptisches Szenario von muslimischen Flüchtlingsmassen, verschleierten Frauen, fremdländischen lüsternen jungen Männern, die nachts in den Berliner Straßen lauern, von Krieg und Gewalt auf den Schlachtfeldern deutscher Städte und nahöstlicher Wüsten. In ihrem irrlichternden Kopf wabern Nebel der Angst, diffuse Stimmungen des Unheils, Chaos, Zerstörung, Untergang. Sie vermischen sich mit Schreckensbildern des Dreißigjährigen Kriegs aus den Büchern, die Mina liest, in denen Landsknechte durch Europa ziehen, plündern, vergewaltigen und brandschatzen, bis der Kontinent in Trümmern liegt, öde und menschenleer. Und so deutet Mina die Zeichen ihrer überreizten Gegenwart als Vorankündigungen eines kommenden Weltkriegs. Auf einmal sitzt die Krähe auf dem Balkon. Mina nennt sie Munin.

Monika Maron (76, „Flugasche“, „Stille Zeile Sechs“, „Animal triste“) zählt zweifellos zu den besten deutschen Schriftstellern. Nur wenige beherrschen eine so schwerelose, lichte, wohlklingende Sprache wie sie. Bis 1988 lebte sie in der DDR, bevor sie in den Westen übersiedelte. Die deutschen Zustände waren stets das Thema ihrer Romane und Erzählungen. Zuletzt machte sie mehr mit politischer Publizistik und scharfer Kritik an Merkels Flüchtlingspolitik als mit Literatur von sich reden. Aus ihrer Furcht vor dem Islam und ihrer Ablehnung ungeordneter Migration macht sie keinen Hehl. Sie hat Angst vor der Zerstörung der deutschen Kultur und bekundet offensiv ihre Sympathie für einen starken Nationalstaat. Das ist legitim, und dafür mag es Gründe geben. Man muss sich nicht lange mit literaturtheoretischen Gedankenspielen aufhalten, um zu erkennen, dass Mina Wolf auch Monika Maron ist. Aber – wer ist die Krähe?

Unwertes Leben

Natürlich auch Mina Wolf und Monika Maron, dazu noch Gott. Ein mythischer Vogel jedenfalls: Munin (Erinnerung) erhebt sich von Odins Schultern, fliegt durch Räume und Zeiten, zurück bis in den Dreißig-jährigen Krieg, und bringt schaurig-abgründige Wahrheiten mit in Minas Wohnzimmer. Von jungen Söldnern, die einst nicht so zartbesaitet waren wie politisch korrekte Fernsehjournalisten heute, von marodierenden Totschlägern mit Sinn für hübsche Landschaften und gute Verpflegung. Vom Sterben derer, die nur noch ein unwertes Leben erleiden, weil sie zu schwach geworden sind für den Daseinskampf in einer ewig neu gebärenden Natur. Beunruhigende, tragische Einsichten fürs bürgerliche Publikum treten da zutage, Einsichten, die verschüttet sein sollen unter einer bereinigten Sprache und gegen die sich Mina erst wehrt.

Munin ist ein Philosoph, und die ins Metaphysische ausgreifenden Gespräche mit der von Fleischwurst angelockten Krähe verwirren Minas Kopf noch mehr als der Gin und die Berichte über islamistischen Terror. Maron will politisch sein und auf das Beben der Gegenwart reagieren.

Der Roman ist ihr zwar nicht zum plumpen Pamphlet geraten. Ein wenig Humor und Ironie sind Maron geblieben. Und doch ist „Munin oder Chaos im Kopf“ ein schwaches Buch, weil ihm jene Distanz zum Sujet fehlt, die es erlaubt hätte, den Stoff groß zu behandeln.

Man ärgert sich, in welch heidnisch-mythischen Qualm, in welch abseitigem Schmarrn sich der Roman verirrt, in welch dumpfen Stereotypen Mina Wolf und Monika Maron es sich bequem machen. Oft ist es, als krächzte heiser eine alte Krähe aus kahlem Geäst. Man möchte den Kragen hochschlagen und einfach weitergehen.

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