Lade Login-Box.
E-Paper
Abo & Service Immo Stellen Trauer

MMK1 Frankfurt: Geschichte verstehen mittels Geschichten

Mathieu Kleyebe Abonnenc beschäftigt sich mit der kolonialen Vergangenheit Europas. Er versteht seine Arbeit als Zeugnis privater und politischer Verflechtungen.
Die Szene aus dem Film „Sector IX B“ (2015) von Mathieu Kleyebe Abonnenc zeigt ein Insekt auf einem Mädchenschenkel. Die Szene aus dem Film „Sector IX B“ (2015) von Mathieu Kleyebe Abonnenc zeigt ein Insekt auf einem Mädchenschenkel.
Frankfurt. 

Er spürt der Geschichte nach, indem er Dokumente sammelt und daraus fiktive Geschichten macht. So kommt er am ehesten der Wahrheit nahe, meint Mathieu Kleyebe Abonnenc. Der 39-jährige Künstler ist einer von zwei Gewinnern des 17. Baloise-Kunst-Preises. Der jährlich verliehene Preis des Schweizer Versicherungskonzerns ist mit 30 000 Euro pro Künstler recht gut dotiert und soll dabei helfen, ihr Schaffen für eine Weile unbeschwert fortführen zu können.

Bereits seit 1999 wird der Preis an junge Künstler vergeben, wobei je zwei Museen für drei Jahre mit von der Partie sind. Sie stellen einige, aber nicht alle Mitglieder der Jury und erhalten dafür als Schenkung ein Werk der Preisträger. Das Frankfurter Museum für Moderne Kunst (MMK) ist nun zum zweiten Mal dabei. Im vergangenen Jahr erhielt John Skoog, der zuvor an der hiesigen Städelschule studiert hatte, den Preis für seinen Film über einen Sonderling in seiner schwedischen Heimat.

Nun stellt Mathieu Kleyebe Abonnenc seine Arbeit über die Kolonialgeschichte Afrikas und Europas mit ihren bis heute nachwirkenden Verstrickungen im MMK 1 vor, dem Haupthaus unweit des Domes. Das Museum erhielt Abonnencs Film „Sector IX B“ von 2015 als Schenkung. Doch in Absprache mit der Kuratorin Anna Goetz wurde die bis 8. Januar nächsten Jahres laufende Schau erweitert. So sind ein knappes Dutzend Schwarz-Weiß-Fotos und einige Zeichnungen zu sehen, die alle von Emile Abonnenc stammen, dem Großvater des Künstlers.

Insekten und Amulette

In den 1930er Jahren arbeitete er im zentralafrikanischen Staat Gabun und in Französisch-Guyana, dem französischen Übersee-Departement auf dem südamerikanischen Kontinent. Als dortiger Gesundheitsbeauftragter beschäftigte er sich mit der Übertragung von Krankheiten durch Insekten. Doch Emile Abonnenc interessierte sich auch für die Ethnologie und erwarb damals in Gabun rund 50 Objekte, darunter Masken, Pfeifen, Amulette und andere kleine Dinge des alltäglichen, rituellen oder religiösen Gebrauchs. Erst in den 70er Jahren fotografierte er all diese Objekte, die sein Enkel größtenteils kennt, da viele im Haus des Großvaters hingen.

Eine Auswahl dieser kleinformatigen Fotos ist im MMK 1 versammelt, auch einige Zeichnungen von Moskitos. Diese Insekten sind ein gutes Biotop für viele Krankheiten, die dann leicht auf den Menschen übertragen werden können. Allerdings macht Mathieu Kleyebe Abonnenc – übrigens in Französisch-Guyana geboren, nun aber in Rom lebend – aus dieser privaten Geschichte seines Großvaters eine kollektive Geschichte, die uns alle angeht. Der Künstler tritt folglich nicht als eigener Erzähler oder Akteur auf, er ruft vielmehr das historische Erbe von anderen Menschen wach, die ihm nicht immer ihm nur nahestehen, wie sein Großvater. Der Ausstellungstitel „Mefloquine Dreams“ spielt auf das Medikament Mefloquin an, das zur Vorbeugung und bei Erkrankung an Malaria verwendet wird. Allerdings ist es sehr umstritten, da es zu Depressionen und Angstzuständen führt. In Abonnencs Film nimmt die Protagonistin, eine junge Ethnologin, just dieses Präparat, das inzwischen teilweise vom Markt genommen wurde. Sie will sich schützen, und sie will sich einfühlen in die Gemütswelt der früheren Afrika-Reisenden. Aber je länger sie über ihre Arbeit nachdenkt – erst in der senegalesischen Hauptstadt Dakar, dann in Paris –, desto mehr stellt sie die Grundbedingungen ihrer Disziplin in Frage.

Fragen an Forscher

Doch das Ende des knapp 45-minütigen Filmes bleibt offen, die Wissenschaftlerin scheint also nicht alles hinzuwerfen. So bündelt der Film all die Fragen, die sich Forscher heute stellen: Wie geht man mit kolonialen Objekten um? Wie präsentiert man sie? Und, wichtigste Frage, sollten sie wieder in ihre Herkunftsländer zurückkehren? Antworten hat auch Abonnenc nicht parat, aber er sensibilisiert zumindest für ein lange und bis heute verdrängtes Thema. Mehrfach zitiert wird dabei der französische Schriftsteller und Ethnologe Michel Leiris, der selbst in den 30er Jahren auf Forschungsreise in Afrika war.

 

Museum für Moderne Kunst (MMK 1), Domstraße 10, Frankfurt. Bis 8. Januar 2017, dienstags bis sonntags 10–18 Uhr, mittwochs 10–20 Uhr. Eintritt 12 Euro. Telefon (069) 212-304 47.
Internet www.mmk-frankfurt.de

 

Zur Startseite Mehr aus Kultur

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2016 Frankfurter Neue Presse