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Geschichten von der Bar

„Das Leben ist gut“ heißt der neue Roman des erfolgreichen Schriftstellers – ein Wohlfühlbuch über das wahre Leben.
Der Schweizer Schriftsteller Alex Capus am Tresen seiner „Bar Galicia“ im schweizerischen Olten. Foto: Thomas Burmeister (dpa) Der Schweizer Schriftsteller Alex Capus am Tresen seiner „Bar Galicia“ im schweizerischen Olten.

Wirklich wichtige Dinge geschehen nicht im Internet. Freundschaft und Liebe brauchen reale Orte, meint Alex Capus. Dafür hat er sich eine Kneipe zugelegt. Eine gute Entscheidung, wie sein neuer Roman zeigt.

An heißen Sommertagen wandert Alex Capus gern mal barfuß, mit Badehose und T-Shirt, von seiner Bar zur nahen Aare. Für ein erfrischendes Bad im Fluss bei der alten Oltener Holzbrücke. Leute schmunzeln, manche winken ihm zu. „Grüezi, Alex, geht’s gut?“ Die Antwort lautet „Ja“. Wem das zu knapp ist, der kann die ausführlichere Variante nun im neuen roman des 55-Jährigen neuem Roman nachlesen: „Das Leben ist gut“.

Der Titel ist Programm. Das Buch ist eine Liebeserklärung an das Leben. Eine höchst willkommene in diesen vertrackten Zeiten der Terrorangst und des oberflächlichen Chattens. Ein Buch, das uns das Wunderbare im Alltäglichen neu entdecken lässt. Obendrein eine augenzwinkernde Ehrbezeugung an die Nachbarschaftskneipe als Ort der Beziehungspflege: „In einem lebendigen Gemeinwesen, in einer funktionierenden Demokratie müssen die Menschen sich an einem physischen Ort frei begegnen können, man sollte seine Freunde nicht nur bei Facebook haben“, lässt er seinen Romanhelden sagen.

Zugleich ist dies der bislang am stärksten autobiografische Roman des – neben Martin Suter – seit Jahren kommerziell erfolgreichsten Schweizer Schriftstellers. Wie sein Ich-Erzähler, der Buchautor Max, ist Capus neben der Schriftstellerei mit Herz und Seele Gastwirt. Anders als Max steht er freilich nicht täglich, sondern nur montags hinter dem Tresen seiner „Bar Galicia“.

Im Buch heißt die Bar „Sevilla“. Sie ist das Zentrum von Anekdoten, die Capus zu einem Mosaik aus Liebe und Freundschaft, Treue und Zuverlässigkeit, Achtung vor Träumen und Leistungen seiner Mitmenschen und der Nachsicht für ihre Fehltritte zusammenfügt.

Von der Ehefrau getrennt

Zum ersten Mal seit 25 Jahren schlafen Max und seine Frau Tina nicht im selben Bett. Die Strafrechtsdozentin – Capus’ Frau Nadja im wirklichen Leben ist Juristin – nimmt das Angebot einer Gastprofessur für ein Jahr an der Pariser Sorbonne an. Max, der Bodenständige, bleibt lieber im heimischen Olten. Der Name der Kleinstadt im Kanton Solothurn wird nicht erwähnt, aber geübte Capus-Leser erkennen den Ort rasch wieder.

„Natürlich wird Tina in Paris auch Männern begegnen, das kann nicht ausbleiben“, überlegt Max. Eifersucht will er nicht an sich herankommen lassen. Wenn schon, dann solle sie wenigstens ihren Spaß haben „während der zehn, zwanzig Minuten oder dreißig Minuten, die diese Dinge gewöhnlich dauern“.

Aber würden sie einander nackt gefallen, seine Tina und der Lover, von dem Max nie erfahren wird, ob es ihn überhaupt gibt? „Könnte er Tinas Rundungen an den Hüften lieben, wie ich sie liebe? Diese Rundungen hat sie sich mit mir angesessen und nicht mit ihm, und die kleinen Schwangerschaftsstreifen sind von meinen Kindern und nicht von seinen.“

Im wirklichen Leben sind es fünf. Im Buch haben Max und Tina nur drei. Warum das, wenn schon so viel Autobiografisches eingeflossen ist? Capus’ Antwort sagt viel über seine Arbeitsmethode: „Dass es fünf sind, hätte ja kein Menschen geglaubt. Da denken die Leute, ich sei in einer Sekte oder so. Wenn sie in der Fiktion nicht funktionieren, tun Fakten nichts zur Sache.“

Echte Freundschaft

Den großen schwarzen Stierkopf gibt es wirklich. Er hängt über dem Tresen, bei Capus ebenso wie bei Max. Sein alter Freund, der Spanier Miguel, will ihm dafür einen viel zu hohen Preis berechnen – 5000 statt der 500 Franken, die er höchstens wert ist. Doch eine echte Freundschaft, über Jahrzehnte gewachsen, zerbricht auch daran nicht.

Eingerahmt vom Spannungsbogen der Abreise Tinas nach Paris und ihrem ersten Wochenendbesuch daheim lässt uns Max teilhaben an den Schicksalen seiner Gäste. Alte Freunde und Bekannte zumeist. Miguel, der in finanzielle Schwierigkeiten geraten ist. Der Maurer Sergio, der Türke Ismail, Max’ einstiger Lehrer Toni und dessen amerikanischer Freund Tom, der im Vietnamkrieg war und auch schon mit Krokodilen in den Everglades gekämpft hat.

Viel mehr Drama gibt es nicht. Gelegentlich vielleicht ein wenig Wehmut. Eine Jacke hängt seit langem am Garderobenständer. Niemand nimmt sie weg. Sie erinnert an einen Stammgast, der sie einst vergaß und in derselben Nacht starb.

Ist so ein Buch ein Wagnis in dieser Zeit der Reizüberflutung? Eher das Gegenteil: Capus zeigt uns das Schöne in der Einfachheit, führt uns witzig und pointenreich den Wert von Freundschaft, Aufrichtigkeit, Verwurzelung vor Augen. Damit ist „Das Leben ist gut“ ein Buch, auf das viele gewartet haben dürften, selbst wenn sie das gar nicht wussten.

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