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Neue Ausstellung im Städel Museum: "Geschlechterkampf" im Städel Frankfurt: Liebe bis aufs Blut

Von Das Frankfurter Städel zeigt eine große Ausstellung über den „Geschlechterkampf“ Warum haben es Männer und Frauen miteinander so schwer? Das Städelmuseum zeigt, wie sehr dieses Thema Künstlerinnen und Künstler zwischen 1860 und 1945 umtrieb.
Adam und Eva. Adam und Eva.
Frankfurt. 

Leidenschaft, Verführung, Liebe bis in den Tod: Es könnte alles so schön, so harmonisch und innig sein. Könnte. Dann nämlich, wenn es nicht den Betrug gäbe, die verschmähte Liebe, die Eifersucht, den Nebenbuhler und noch so manchen anderen tückischen Fallstrick. Dabei sind wir heute so aufgeklärt wie nie, Toleranz gegenüber Rollenmodellen gehört zu den vornehmsten Tugenden moderner Gesellschaften. Wer sich heute bei Facebook anmeldet, kann wählen sichen 60 (!) verschiedenen Bezeichnungen seiner Geschlechtszugehörigkeit. Doch die Freiheit, die damit einhergeht, ist so zerbrechlich, als hätten wir nicht 150 Jahre um Gleichberechtigung und gegenseitige Achtung gerungen, sondern erst gestern damit angefangen.

Die Augen für diesen Prozess öffnet das Städel mit einer ebenso großen wie spektakulären Sonderschau. Auf zwei Stockwerken zeigt sie, wie schon die ersten Emanzipationsbemühungen das Verhältnis der Geschlechter ins Wanken bringt. Die erste deutsche Verfassung nach der Paulskirchenversammlung gestand den Frauen noch keinerlei Rechte zu. Für politisch interessierte Zuschauerinnen gab es allerdings eine „Damengalerie“, wie der neue Städeldirektor Philipp Demandt zur Eröffnung der Ausstellung ausführte. Die ersten Bilder, die sich mit dem Thema Emanzipation auseinandersetzten, kamen erst später: In den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts. Und noch lange waren es ausschließlich Männer, die dieses Thema angingen. Und die zeichneten natürlich am liebsten: Frauen.

Schrecklich – schön

Frauen allerdings, die nicht länger „nur“ schön waren, sondern meist schön und furchterregend zugleich: Mit prächtigen Darstellungen der Ursünde und der anschließenden Vertreibung aus dem Paradies beginnt die Schau: Franz von Stucks Verführungsszene „Adam und Eva“ mit gewaltig-gefährlicher Giftschlange gehört ebenso zum Entrée wie „Das verlorene Paradies“ vom selben Künstler (beide 1897) und eine attraktive „Lilith“ mit rotblonder Mähne des weniger bekannten John Collier von 1889.
 

Herrlichen Schätzen begegnet man quer durch die ganze Schau, von Pierre Bonnards großartigem Ehe-Selbstbildnis „Der Mann und die Frau“ (1900) über Gustave Moreaus faszinierende Mythenfantasie „Ödipus auf Reisen“ (1888) bis zu den schaurig-schönen Eifersuchtsbildern Edvard Munchs, von Max Klinger bis Man Ray und von Corinth und Slevogt bis zu Frida Kahlo.

Diesen bekannten Namen sind aber immer wieder auch weniger bekannte gegenübergestellt, die Beachtung verdienen und zeigen, wie tiefgreifend und universal das Thema des Kampfs der Geschlechter in allen nachfolgenden Jahrzehnten in den Künstler- und zunehmend auch Künstlerinnenseelen wütete. Wie der Karikaturist Thomas Theodor Heine die Eheschließung als Akt der „Exekution“ darstellt, ist von bösem Witz. Drastisch, wie Félicien Rops Sexualität als unbarmherzigen Lustkampf inszeniert. Und dann endlich die Frauen: Jeanne Mammen, die die Frau als Verführerin zeigt, den Mann unwiderstehlich anziehend – und ihm dann das Herz bricht. Hannah Höch spielt, von der neuen Freiheit der Weimarer Jahre geprägt, mit Mann-Frau-Klischees. Frida Kahlo schließlich gehört zu den herausragenden Künstlerinnen, die Geschlechtsstereotypen aufgriff und mit Idealen von Androgynität experimentierte.

Nackte Bedrohung

Was soll man schließlich von Oskar Kokoschka halten, der sich, nachdem ihn die männerbetörende Alma Mahler-Werfel verlassen hatte, 1918 allen Ernstes eine Puppe nach ihren Maßen anfertigen ließ (von der er sehr bald sehr enttäuscht war)?! Und was von der Fotografin Lee Miller, die 1930 eine amputierte Brust auf einem Teller anrichtete, inklusive Essbesteck? Schönheit und fleischliche Vergänglichkeit, Liebe und tödlicher Hass sowie, nicht zu vergessen, Lust und Lustmord, liegen nicht fern voneinander.
Mehr als 180 Werke vereint die Schau, hinzu kommen Filme, meist aus den 20er und frühen 30er Jahren, die mit den Klischees von der zarten, hilflosen Frau und dem starken, überlegenen Mann auf unterschiedliche Weise spielen: Der Film „Extase“ mit Hedy Lamarr gehört dazu, der 1930 nicht nur wegen Lamarrs Nacktheit für einen handfesten Skandal sorgte, sondern auch, weil Eva darin ihren Emil betrügt und sich einem einfühlsamen und männlichen Adam hingibt.
Im Jahr 1896 sorgte Richard von Krafft-Ebing mit seinem Buch „Psychopathia sexualis“ für Aufsehen, Sigmund Freud entwarf in dieser Zeit die Psychoanalyse, und unzählige weitere mehr oder weniger wissenschaftliche Lehren über das verkorkste Verhältnis von Mann und Frau schossen wie Unkraut aus dem Boden. Als der Fotograf František Drtikol 1913 eine schöne Nackte am Kreuz fotografierte, konnte er, ohne mit der Wimper zu zucken, die Überzeugung äußern: „Der Mann ist zur Hälfte Gott und zur Hälfte Tier. Die Frau ist einzig und allein Tier.“

Und heute? Alles besser?

Auch, wenn sich manches geändert haben mag: Allzu weit entfernt haben wir uns von solchen Anschauungen bis heute nicht. Salome, Judith und Lilith hießen die Männermörderinnen der Antike, die vor 120 Jahren wieder einmal eine Auferstehung erlebten. Dass wir uns immer noch schwer tun mit effeminierten Männern und machohaft auftretenden Frauen, dass das Gender-Marketing derzeit ein Revival erfährt und Frau-am-Herd- oder -im-Job-Diskussionen immer noch nicht der Vergangenheit angehören, zeigt, wie aktuell das Thema bis heute ist.
               
Städel, Frankfurt, Schaumainkai 63. Bis 19. März. Geöffnet Di–So 10–18, Do und Fr bis 21 Uhr. Tel.: (069)6 05 09 80. Internet: www.staedelmuseum.de. Eintritt 14 Euro, Familienkarte 24 Euro


 

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