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Ausstellung: Gesellschaftliche Umbrüche gibt es selten ohne Gewalt

Von Das Badische Landesmuseum in Karlsruhe zeigt bis 11. November, wieso, weshalb und warum Revolutionen stattfinden – eine Ausstellung, die sich auch für Nicht-Historiker eignet.
Eine französische Jakobinermütze vom Ende des 18. Jahrhunderts. Eine französische Jakobinermütze vom Ende des 18. Jahrhunderts.

Großherzog Wilhelm II. unterschätzte die Zeichen seiner Zeit. Noch wenige Monate vor der Novemberrevolution 1918 mahnte er zur Geduld, auf dass der Erste Weltkrieg bald ein versöhnliches Ende finden werde. So berichtet es der erste badische Staatspräsident Anton Geiß (SPD) als Augenzeuge. Doch dann kam es auch vor dem Karlsruher Schloss zu Schießereien. Die herzogliche Familie floh, die rote Fahne wurde gehisst.

Hundert Jahre später weht vom Schlossturm abermals die Farbe der Revolution: Erstmals können Besucher sogar selbst auf dem Schlossbalkon die Revolution ausrufen – per Megafon. Drinnen lädt das Badische Landesmuseum zur Jubiläumsausstellung „Revolution für Anfänger*innen“, um den Besucher mit einem Kurzfilm in das Thema einzuführen und gedanklich an verschiedene Revolutionsorte mitzunehmen – sogar auf einen Luxusliner.

Thron auf Sperrholzhaufen

Wahrhaft revolutionär ist auch das Ausstellungskonzept: So findet sich der großherzogliche Thron, erkennbar an zwei goldenen Löwen, auf einem großen Sperrholzhaufen wieder. Schräg gegenüber strahlt der Alte Fritz – oder vielmehr sein glanzvolles angeschossenes Porträt. Ironie der Geschichte: Friedrich der Große rettete den Großherzog. Eine Kugel, die wohl eher dem badischen Friedrich zugedacht war, durchschlug das Bildnis seines preußischen Idols.

„Wir wollten die alte barocke Dauerausstellung ausräumen, neu gestalten und zeigen ihre Reste jetzt in der Sonderausstellung“, erklärt Kurator Oliver Sänger. Bevor die Holzstöße auf dem Schutthaufen der Geschichte landen, bieten sie den Rahmen für Uniformen, Jakobinermützen und Menschenrechtserklärungen. Schockierender Höhepunkt: Eine Guillotine, jedoch keinesfalls aus der Französischen Revolution. „Die stammt aus der französischen Besatzungszeit nach dem Zweiten Weltkrieg, mit ihr wurden Todesurteile der Rastatter Prozesse vollstreckt“, erklärt Sänger.

Natürlich kommen die Revolutionen in Baden an mehreren Stellen zur Sprache: So rief Friedrich Hecker 1848 zum bewaffneten Aufstand in Konstanz, nachdem er mit Struve im Vorparlament der Frankfurter Paulskirche gescheitert war. Der „Heckerzug“ wurde jedoch schon im Südschwarzwald besiegt. Erfolgreicher war Anton Geiß: Nach dem Thronverzicht des Großherzogs wurde er 1919 als Erster badischer Staatspräsident.

Ansonsten verzichtet die Ausstellung auf eine chronologische Abhandlung der großen Revolutionen und geht dafür der grundsätzlichen Frage nach, weshalb scheinbar kleine Auslöser unter großem Druck zu solchen Umstürzen führen. Im Film klingt auch der eigentliche Ursprung des Wortes an: Als Nikolaus Kopernikus 1543 „De revolutionibus orbium coelestium“ schrieb, ging es ihm um die Umdrehung der Himmelskörper. Dass er mit seiner Theorie das Weltbild auf den Kopf stellte, sollte sich erst später zeigen. Ähnlich könnte es sich mit der digitalen Revolution verhalten – auch wenn sie schon jetzt vieles radikal umkrempelt.

Umsturz per Internet

In der Ausstellung ist die Digitalität durch Smartphones vertreten, die Revolutionslieder wie die „Internationale“ ebenso spielen wie Videos vom Arabischen Frühling. Denn heute geht die Revolution durch das Internet um die Welt. 1848 brauchte es dafür noch Kuriere und Flugschriften: Doch als die Franzosen in Paris Jahrzehnte nach ihrer ersten großen Revolution von 1789 abermals auf die Barrikaden gingen, ließen sich die Deutschen davon anstecken: Ihre Revolution führte zum Paulskirchenparlament. Die dort verabschiedete Verfassung sollte die Gesetzgebung der Weimarer Republik ebenso prägen wie die der jungen Bundesrepublik.

Zu jeder Revolution gehören auch charismatische Führer und eingängige Symbole, die die Massen bewegen und zu Ikonen stilisiert werden: Schwarz-rot-goldene Hausschuhe und Schlafsäcke, T-Shirts mit dem Bildnis Che Guevaras oder das Konterfei Friedrich Heckers auf der Wanduhr – die Grenzen zwischen Kunst und Kitsch sind fließend. Doch Hecker, Che Guevara und Lenin mögen als glorreiche Helden auf einem Wandgraffito auch daran erinnern, dass der Sturm auf die Paläste selten ohne Gewalt und Terror abgeht. Die Herrschenden räumen kaum freiwillig das Feld.

Tatsächlich gilt die deutsche Revolution von 1989, ausgelöst durch die verfrühte Grenzöffnung wegen einer Kommunikationspanne von ZK-Sekretär Günter Schabowski, als die friedlichste. Die russische Revolution forderte eine Million Tote, die chinesische Revolution gar 30 Millionen. Ein blutiger Einschnitt, der das Land um Jahrzehnte zurückwarf.

Fortschrittsträume

Dabei wollen die stürmenden Massen nach dem Umsturz den Fortschritt, ein neues Welt- und Menschenbild- oder zumindest die Rückkehr in die Normalität mit mehr Freiheiten. Hier scheiden sich radikale von gemäßigten Revolutionären.

Georges Danton starb als Gemäßigter, Maximilien Robespierre als Radikaler durch den eigenen Terror – am Ende fraß die Revolution beide Kinder.

Kurator Sänger kündigt an, auch künftige Ausstellungen moderner, interaktiver und somit auch ein bisschen revolutionärer zu gestalten. „Doch die Barockabteilung werden wir trotzdem wieder einrichten, weil das unsere Schlossbesucher erwarten“, verspricht er. Denn Friedrich Hecker konnte die stolze Residenz nicht stürmen. Doch endete er deshalb als Märtyrer am Baum, wie ein Kampflied mutmaßt? Keineswegs! Der gescheiterte Revolutionär emigrierte als Viehzüchter in die USA, wo er später im Bürgerkrieg kämpfte.

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