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Poetikvorlesung mit Ulrike Draesner: Gespenster und Kanalschwimmer

Von "Grammatik der Gespenster" hat die Lyrikerin und Romanautorin ihre Gedanken betitelt. Es geht ihr darum, zu erforschen, wie Literatur entsteht.
Ulrike Draesner, radikal in der Sprach- und Selbsterforschung, zwar nicht während der Poetik-Vorlesung, die hatte sie stehend und ohne Kaffee zu absolvieren, aber immerhin doch: Poesie lesend. Ulrike Draesner, radikal in der Sprach- und Selbsterforschung, zwar nicht während der Poetik-Vorlesung, die hatte sie stehend und ohne Kaffee zu absolvieren, aber immerhin doch: Poesie lesend.

Sie meint das wirklich ernst: Ulrike Draesner will in ihrer Literaturvorlesung zum innersten Kern von Dichtung vordringen: ins Reich des ewigen Geheimnisses also, will erkunden, warum überhaupt ein literarischer Text entsteht, wo die Quelle der Fantasie, der Ursprung eines Textes liegt. Dafür braucht es Hartnäckigkeit, man muss sich behaupten, immer wieder neu ansetzen, den Wörtern auf der Spur, dem Klang, und dem, was im Schriftstellerkopf zusammenschießt zur leitenden Erzählidee. Das sind die titelgebenden Gespenster. Unsichtbar, aber stets anwesend fordern sie ihr eigenes Recht ein.

Ulrike Draesner ist hartnäckig, da gibt es keinen Zweifel. Sie stammt aus einer längst untergegangenen schlesischen Brauereidynastie. Die warb anno dunnemals markig: „Wirft uns das Bier auch nieder, wir trinken morgen wieder“. Das waren Zeiten! Niedergeworfen zu werden und morgens trotzdem aufzustehen: Das gehört auch zum Schriftstelleralltag der Brauerei-Urahnin, wenn auch ganz bestimmt nicht aus alkoholischen Gründen: Doch wer weiß, vielleicht gibt es da unsichtbare Spuren?

Denn als ihr, die seit Herbst 2015 als „poet in residence“ in Oxford lebt, die Idee kam, über einen Mann zu schreiben, der es sich in den Kopf setzt, den Ärmelkanal zu durchschwimmen, da hielt sie zunächst die gutgemeinte Besorgnis von Freunden ab: Kennst du dich denn so gut mit dem Schwimmen aus? Nein, kannte sie nicht, und so ruhte der Plan viele Jahre lang. Zugleich aber wuchs der Trotz: „War Kleist denn je ein Prinz gewesen?“, fragt sie nun, zurecht: Wäre Literatur nur, was sich auf Selbsterlebtes berufen kann – man könnte den Großteil des Kanons entsorgen.

Durch den Ärmelkanal

Der Fantasie eine Bresche zu schlagen, das war Draesners Mission in dieser ersten Stunde. Wobei schnell klar wurde, dass Fantasie für sie nicht freies Herumerfinden ist. Im Gegenteil: Eine Geschichte, die funktioniert und stimmig ist, ist an zahlreiche Notwendigkeiten gebunden, es gibt die der Wörter, des Satzbaus, der Stimmungen, der Perspektive wie natürlich auch die der Handlung und ihrer Folgen.

An Charles, den sie eingangs im Museum of Natural History vorstellt, klein und staunend vor riesigen Dinosaurierskeletten, machte sie das akribisch deutlich, forscht ihm in alle möglichen und unmöglichen Verästelungen hinterher.

Und dann erging es ihr wohl ähnlich wie in dem Lyrikband „Subsong“ von 2014, einer sehr experimentellen Sprach- und Klang-erforschungsreise in Buchform. „What is poetry?“ heißt eine Gedichtüberschrift, ziemlich zum Schluss. Doch ausgerechnet unter diesem sehr theoretischen Titel wird Draesner so handlungsprall wie kaum je zuvor. Auf einmal nämlich, wenn alle Möglichkeiten ausgelotet und Grenzen immer wieder überschritten wurden, schießen Sprache, Laut, Satz und Handlung zusammen zur Geschichte. Dem Geheimnis auf die Spur zu kommen heißt immer auch: es als solches zu akzeptieren.

Wer das als Widerspruch empfindet, der wird auch mit Draesners Maxime, in der Literatur das Unsagbare sagen zu wollen, nicht viel anfangen können. Wer sich aber einzulassen bereit ist, trifft hier auf eine Autorin, die es ernst meint: ernst mit sich, ernst mit ihren Zuhörern und ernst mit der Literatur. In ihrem Vortrag hüpft die Multiinstrumentalistin auf der Wörtertastatur, die nicht nur Gedichte und Romane schreibt, sondern auch Essays, Biografisches, munter von der Theorie der Textentstehung in die Praxis des literarischen Produkts und wechselt dabei den Tonfall dem Anlass gemäß. Mal flapsig, dann wieder diskursive Rollenmodelle durchspielend, ist ihr Credo: Man muss nur scharf genug stellen, um die Gespenster zu sehen.

Scharf genug gestellt, konnte auch Charles nach Jahren schließlich zu seinem Ärmelkanalschwimmerleben erwachen – trotz aller Einwände von Ulrike Draesners wohlmeinenden Freunden. Es ist wie mit der Brauerei: niedergeworfen, aufgestanden, immer wieder. Soviel zur Erzählung. In den nächsten Vorlesungen wird es weitergehen mit dem Roman, der Lyrik, der Übersetzung und dem Schreiben nach der Natur.

 

Campus Westend, Hörsaal 1, Frankfurt, bis 7. Februar, immer dienstags, 18.15 Uhr. Am 23. Januar liest Draesner um 19.30 Uhr im Literaturhaus Frankfurt

 

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