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Konzert: Gianna Nannini: Italiens Rockröhre ist den Tränen nah

Die 63 Jahre alte Rocksängerin Gianna Nannini erweist sich beim Deutschlandtour-Auftakt in der Alten Oper als ein noch immer leidenschaftlich brodelnder Vulkan.
Gianna Nanninis umjubelter Auftritt in der Alten Oper: leidenschaftlich und voller Power wie eh und je. Foto: Sven-Sebastian Sajak Gianna Nanninis umjubelter Auftritt in der Alten Oper: leidenschaftlich und voller Power wie eh und je.

In der Frankfurter Alten Oper behält bei Veranstaltungen deutsche Ordnung stets die Oberhand: Alle platzieren sich brav in ihre Sitze, Türen öffnen sich nach Konzertbeginn nur, wenn Applaus ertönt, beflissene Damen in roten Kostümen erteilen dreisten Hobbyfotografen Rügen, und vor allem steht niemand in der Gegend rum. Weder an der Seite noch mitten im Publikum.

Sämtliche ungeschriebenen Regeln ad absurdum führt eine kleine drahtige 63 Jahre alte Italienerin mit noch immer Energie für Zehn. Pünktlich entert sie samt erstklassig deutsch-italienischem Oktett inklusive Chordamen-Trio die schmucklose Bühne. Kaum ertönt zum Einstieg das Perkussion-Intro von „Latin Lover“, 1982 unter der Co-Ägide des deutschen Produzenten Conny Plank in Köln mit der verstorbenen „Can“-Schlagzeuglegende Jaki Liebezeit, Annie Lennox und Annette Humpe eingespielt, geht ein gewaltiger Ruck durch die ausverkaufte Alte Oper: Binnen Sekunden befindet sich nicht nur ein Großteil des Publikums im Innenraum auf den Beinen. Und auch im Olymp erheben sich leidenschaftlich Entfachte unmittelbar von ihren Sitzen.

Balladeske Glanzlichter

Ganze Arbeit leistet der rhythmische Emotionsschürer mit ungestümer Rock-’n’-Roll-Affinität. Von Null auf 100 bringt die Hymne auf Stereotypen des attraktiv passionierten Machos aus mediterranen Gefilden den kollektiven Betriebsmodus in die Gänge. Textsicheres Mitsingen, vehementes Mitklatschen, passioniertes Tanzen und grenzenloser Jubel verwandeln die Halle im Nu in eine gigantische Partylandschaft, als befänden sich alle irgendwo im Stiefelland und nicht inmitten von Good Old Germany. Eine schier grenzenlose Euphorie, wie sie sonst nur im Zugabenteil zu spüren ist.

Massiv stürmen die Wagemutigen unter der Besucherschar nun ausgerechnet jenen Bereich, wo sonst eigentlich erst zum Finale von der gestrengen Security Aufenthaltserlaubnis erteilt wird: direkt vor der Bühne. Es herrscht kompletter Ausnahmezustand. Mit den balladesken Repertoire-Glanzlichtern „Fenomenale“, „Cinema“ und „Piccoli Particolari“ bremst die komplett in Weiß gekleidete Gianna Nannini Übermut, Temperament und Passion des Publikums zuerst einmal wohlweislich aus. Eine Bühnenstürmung durch die Fans möchte wohl niemand riskieren – auch nicht das italienische Nationalheiligtum. Kaum haben sich die kollektiv aufgebrachten Gemüter ein wenig beruhigt, folgen mit „I Maschi“, „Ragazzo Dell’ Europa“, „Fotoromanza“ und „Profumo“ weitere erstklassige Ohrwürmer aus dem reichhaltigen Repertoire, so dass die Betriebstemperatur erneut überzukochen droht.

Irgendwo in Rom

Gianna Nanninis herzliche Begrüßungsrede aus deutschen und italienischen Brocken mit Sätzen wie „Francoforte, ich liebe dich“ eignet sich ebenso wenig als Stimmungsdämpfer wie die typischen Italo-Canzones „Suicidio D’Amore“, „Pensami“ und „Io“. Bei einer angerockten Version von Domenico Modugnos „Volare (Nel Blu, Dipinto Di Blu)“, 1958 ein dritter Platz beim damals noch blutjungen Eurovision Song Contest, befinden sich alle imaginär unter schönstem Sonnenschein an einem Frühlingstag irgendwo im pittoresken Rom.

Für „Sei Nell’Anima“ greift die Nannini selbst zur Akustikgitarre. Mit „Meravigliosa Creatura“, dem mit langem Instrumentalteil versehenen „Notti Senza Cuore“ sowie dem hypnotisch zwischen Hardrock und Elektro oszillierenden „Contaminata“ folgen weitere Beispiele dafür, warum Nanninis Canzones über Dekaden hinweg keinerlei Patina angesetzt haben. Mittlerweile hat Nanninis Garderobe von Blütenweiß nach Tiefschwarz gewechselt. Mit „Hey Bionda“, „America“, „Bello E Impossibile“ und „Scandalo“ geht es auf die Zielgerade. Längst brodelt es nicht nur in Nannini wie bei einem Vulkan kurz vor der Eruption. Mit „Amore Gigante“ sagt Gianna Nannini offiziell Adieu.

Für das verrockte „Lontano Dagli Occhi“, Coverversion von Sergio Endrigos Hit von 1969, die bedächtige Ballade „Aria“ sowie „Un’Estate Italiana“, offizieller WM World Cup Song 1990, den sie einst im Duett mit Kollege Edoardo Bennato trällerte, kehrt Gianna Nannini noch einmal zurück. Tief berührt und den Tränen nah von den grenzenlosen Ovationen – La Nannini Fenomenale! Ein Höhepunkt im noch jungen Konzertjahr 2018.

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