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Gibt es eine Renaissance der Operette?

Am schwersten ist das Leichte - besagt eine alte Bühnenweisheit. Und trotzdem haben in jüngster Zeit - kurz vor der Sommerpause an den Theatern - zwei Stars der Berliner Kultur-Szene gewagt, Operetten zu inszenieren.
Die Operette «Ball im Savoy» in der Komischen Oper in Berlin. Foto: Nicolas Armer Die Operette «Ball im Savoy» in der Komischen Oper in Berlin. Foto: Nicolas Armer
Berlin. 

Barrie Kosky, der Intendant der Komischen Oper, brachte Paul Abrahams «Ball im Savoy» mit Dagmar Manzel, Katharine Mehrling, Helmut Baumann und großem Ensemble auf die Bühne. Und Herbert Fritsch, den Kritiker für seine Regie-Arbeiten «Die (s)panische Fliege» und «Murmel Murmel» euphorisch feierten, veralberte an der Volksbühne das etwas plumpe und schmissige Werk «Frau Luna» nach einem Libretto von Heinrich Bolten-Baeckers, mit der Musik von Paul Lincke («Das ist die Berliner Luft»).

«In Berlin ist in der vergangenen Saison ein Zentrum entstanden, das die Öffnung des Musiktheaters für zeitgemäße unterhaltsame Formen mit großer Überzeugungskraft vorantreibt», sagt Detlef Brandenburg, Chefredakteur des Theatermagazins «Die Deutsche Bühne» in Köln.

Vor allem die Komische Oper habe sich unter ihrem neuen Chef Kosky den Crossover zwischen «E» und «U» auf die Fahnen geschrieben. «Wobei diese Öffnung nicht nur auf die Operette zielt, sondern auch auf neue szenische Lesarten bekannter Repertoire-Stücke. Doch auch anderswo wird die Operette neu entdeckt: am Münchner Gärtnerplatztheater zum Beispiel. Und in Wien hat man sie sowieso nie vergessen.»

Allerdings, betont Brandenburg, werde oft die Tatsache verdrängt, dass an manchen kleineren und mittleren Stadttheatern die Operette (und auch das Musical) einen festen Platz im Spielplan sowie die Gunst des Publikums besitze. «Das wurde bloß vom Feuilleton nie so richtig beachtet», meint Brandenburg. «Insofern ist die "Wiedergeburt" der Operette zum Teil ein Medienphänomen, zum Teil tatsächlich der Innovationskraft von Regisseuren oder Intendanten wie Herbert Fritsch, Barrie Kosky oder Josef E. Köpplinger zu verdanken.»

Apropos Köpplinger: Zu seinem Auftakt brachte der neue Chef vom Staatstheater am Gärtnerplatz die Operette «Im weißen Rössl» auf die Bühne - mit Maximilian Schell als Kaiser. Der nur scheinbar kitschige «Rössl»-Stoff mit Tourismussatire-Potenzial soll dieses Jahr auch wieder ins Kino kommen. Die Neuverfilmung von Christian Theede mit dem Titel «Im weißen Rössl - Wehe, du singst» und Stars wie Diana Amft, Armin Rohde oder Fritz Karl soll am 7. November starten.

Kosky sagte kürzlich dem Berliner Stadtmagazin «tip»: «Es ist zehnmal schwerer, "Frau Luna" oder "Ball im Savoy" auf die Bühne zu bringen als den "Ring der Nibelungen"» Das Magazin titelte passend dazu: «Operette sich, wer kann». «Diese Form von Timing und blöden Witzen und Leichtigkeit herzustellen, ist einfach nicht ganz leicht.» Das Genre Operette habe in der Hochkultur früher mehr Respekt genossen. «Im Paris Jacques Offenbachs war die Operette eine subversive, radikale Kunstform» - eine Mischung aus Late-Night-Show und politischer Satire, oft mit halbnackten Darstellern.

Doch der Nationalsozialismus hat auch bei den weniger subversiven Wiener, Budapester oder Berliner Operetten eine wichtige Tradition zerstört. Kosky im «tip»: «Die Nazis haben die Operette arisiert. Sie haben der Operette den Jazz, das Jüdische, das Schwule genommen.»

Viele Musiktheater in Deutschland setzen Operetten nach wie vor fast nur zu Silvester auf den Spielplan - oft Walzerseligkeit mit dem Johann-Strauss-Werk «Die Fledermaus». In der kommenden Spielzeit kommt «Die Fledermaus» zum Beispiel an der Oper Köln zu Ehren (Premiere geplant am 29. Dezember). In Düsseldorf soll dagegen im Dezember Emmerich Kálmáns «Die Csárdásfürstin» Premiere feiern, im Theater Dortmund im Januar Franz Lehárs «Der Graf von Luxemburg».

Und in Berlin dreht Kosky in der kommenden Spielzeit richtig auf. Der Australier bietet - nicht zuletzt in Abgrenzung zu den anderen Hauptstadt-Häusern Staatsoper und Deutsche Oper - mehr Operette. Mit Nostalgie habe dieses Revival aber nichts zu tun («Wir reden hier nicht von Andrew Lloyd Webber oder "Mamma mia"»).

Zu den Premieren der Saison 2013/14 gehört im März die 1933 uraufgeführte Stilmix-Operette «Clivia» von Nico Dostal mit den Kleinkunst-Stars Christoph Marti, Tobias Bonn und Andreja Schneider (auch bekannt als Geschwister Pfister). Außerdem spielt die amerikanische Entertainerin Gayle Tufts kurz vor Weihnachten die Hauptrolle in Kálmáns Operette «Die Herzogin von Chicago».

(Von Gregor Tholl, dpa)
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