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Joan Baez wird 75: Glaube an die Weltverbesserung

Mit ihren Folksongs war sie einst bekannter als Bob Dylan. Beim Woodstock-Festival von 1969 lauschte ihrer hellen Sopranstimme eine ganze Generation.
Wie andere mit dem Gewehr, so kämpft Joan Baez mit der Gitarre. Noch immer tritt sie weltweit auf, wie hier vergangenen März in Rom. Foto: imago stock&people (imago stock&people) Wie andere mit dem Gewehr, so kämpft Joan Baez mit der Gitarre. Noch immer tritt sie weltweit auf, wie hier vergangenen März in Rom.
Für junge Menschen dürfte die ganze Geschichte wie ein etwas verblichenes Bilderbuch wirken. Protestmärsche, Vietnam, die Hoffnung auf Weltfrieden. Die Songs von Bob Dylan. Zehntausende, die dem Traum des schwarzen Baptistenpredigers Martin Luther King lauschen. Und mittendrin Joan Baez, schwarzhaarige Königin des politischen Folk, die am heutigen Samstag (9. Januar) 75 Jahre alt wird. Es sind goldene Erinnerungen. Doch wie aktuell sind diese Lieder noch? Wächst eine neue Joan Baez heran? Oder verlagert sich der Aktivismus endgültig ins Internet, stirbt der Protestsong aus? Joan Baez selbst tritt immer noch auf. Im Sommer gibt sie drei Konzerte in Süddeutschland, eines davon am 22. Juli in Regensburg bei den Thurn-und-Taxis-Schlossfestspielen.

Sanfte Kämpferin

Die junge Frau aus dem New Yorker Stadtteil Staten Island hatte den heranrollenden Weltruhm wohl kaum vermutet, als sie 1959 beim Newport Folk Festival im Alter von 18 Jahren ans Mikrofon trat. Ihr ein Jahr später erschienenes Solo-Album sollte zum Kassenschlager werden, beim Woodstock-Festival 1969 gehörte sie bereits zu den Stars. Rund 50 Alben brachte Baez allein in den USA heraus. Schnell wurde die Unbekannte mit dem zarten Gesicht, dem dunklen Haar und dem hellen Sopran zur madonnenhaften Gestalt, zur musikalischen Friedensstifterin in einer von Kriegsgrauen und rassistischer Gewalt gepeinigten Welt. Den damals noch unbekannten Bob Dylan habe bei ihren Konzerten erst niemand hören wollen, erinnert sich die Sängerin in der Dokumentation „Joan Baez: How sweet the Sound“ von Mary Wharton. „Sie waren da, um ihre makellose kleine Jungfrau Maria zu hören.“

Verklungene Balladen

Joan Baez im Jahr 1965 mit Bob Dylan auf einer Bank in London. Bild-Zoom Foto: imago stock&people
Joan Baez im Jahr 1965 mit Bob Dylan auf einer Bank in London.

Während dann auch Dylans Karriere durch die Decke schoss und die Liebesbeziehung der beiden in die Brüche ging, bewahrte Baez sich ihren politischen Aktivismus, den sie bei ihm seither oft vermisste. „Ich bekam Angst, was passieren würde, wenn ich ins Räderwerk des Kommerz geraten würde“, sagte Baez damals. Nach ihrem Leben als Star gefragt, antwortete sie einmal: „Wenn ihr Etiketten braucht, dann wäre ich als erstes ein Mensch, als zweites Pazifistin und als drittes Folk-Sängerin.“

Chile, Argentinien, Kambodscha – stets waren es die Rechte der Armen, Unterdrückten und Bedrohten, die Baez umtrieben. 1972 sang sie an Weihnachten aus einem Luftschutzkeller in Hanoi (Vietnam), später trat sie im Westjordanland und im Gaza-Streifen (Naher Osten) auf, 1989 unterstützte sie die „Samtene Revolution“ in Prag. Bis heute, da ihre schwarzen, langen Haare weiß geworden und kurzgeschnitten sind, sind die Botschaften von Joan Baez politisch geblieben. Ihren spanischen Nachnamen hat sie von ihrem eingewanderten mexikanischen Vater, einem Physiker, der für die Rüstungsindustrie tätig war. Die Mutter war Schottin.

Doch was, wenn die alten Balladen verklungen sind? Die heutigen Demonstranten, die wegen Todesschüssen weißer Polizisten auf Afroamerikaner in den USA auf die Straße ziehen, stimmen weder „We Shall Overcome“ noch „The Night They Drove Old Dixie Down“ oder „Oh Happy Day“ an. Auch die Spirituals der Sklavenbefreiung wie „Kumbaya“ oder „Swing Low“, die Baez-Anhängern vor Jahrzehnten Kraft spendeten, fehlen heute im Repertoire. Die Hippie-Generation hat ihren Einfluss verloren und hört ihre Songs von damals in den Oldie-Radiosendungen.

Rassismus von heute

Doch neue (amerikanische) Protestsongs gibt es durchaus. „Wir wollen nur die Ketten ablegen“, singt Rapper J. Cole in „Be Free“. Komponiert hatte er den Titel nach einem Besuch in Ferguson (Bundesstaat Missouri). Dort hatte der Tod des schwarzen Teenagers Michael Brown die alte Debatte über Rassismus in den USA neu entfacht. Auch Lauryn Hills „Black Rage“, Alicia Keys’ „We Gotta Pray“ und D’Angelos Album „Black Messiah“ können als Antwort auf Unruhen in Ferguson sowie später in Baltimore, New York, Chicago und anderswo in den Vereinigten Staaten gehört werden. Questlove, Schlagzeuger der „Roots“, rief Musiker und andere Künstler im Dezember 2014 dazu auf, eine Stimme ihrer Zeit zu sein. „Wir brauchen neue Dylans. Wir brauchen neue ,Public Enemies’. Neue Simones.“ Ihre Werke müssten Fragen stellen, Lösungen bieten und immer die Wahrheit erzählen.

Baez selbst zeigt sich angesichts dessen skeptisch. „,Occupy’-Leute haben lange versucht, ein Kampflied für ihre Bewegung zu schreiben, vergeblich“, sagte sie dem „SZ Magazin“ vergangenes Jahr etwa über die Bewegung ,Occupy Wall Street’, die soziale Ungleichheiten abschaffen und Zockergeschäfte von Banken begrenzen sollte. „Es müssen schon viele Tausend Songs komponiert werden, damit eine einzige Hymne darunter ist.“

Gewissen aus dem Internet

Bob Dylan und Nina Simone hatten es insofern leichter, als der Kampf für Frieden und gegen Gewalt zu einer einzigen weltumspannenden Bewegung verschmolz. Heute laufen etliche Bewegungen parallel ab. Und obwohl Menschenrechtler, Pazifisten, Tierschützer, Datenschützer, Überwachungsgegner und andere irgendwie alle einer Meinung sind, machen sie sich auch wechselseitig Konkurrenz. Und weil man mit einem Hashtag „schnell sein Gewissen erleichtern“ kann, wie Baez der „Welt“ vergangenen Mai sagte, wird es schwieriger, Zehntausende zum Protestmarsch zu animieren.

„Die Leute wünschen sich die Sechziger zurück, aber das wird nicht passieren“, sagte Baez im „SZ Magazin“. „Wer schreibt das neue ,Imagine’? Keiner. Und wer wird die neue Joan Baez? Niemand.“ Die jetzt 75-Jährige dürfte recht behalten. Ihre große Zeit war eine andere Zeit. Doch mundtot wird sich die neue Generation von Musikern deshalb nicht machen lassen. „Die einzige Art, wie ich meine Meinung sage, ist durch Musik“, stellte D’Angelo zur Veröffentlichung seines neuen Albums klar. „Und ich will meine Meinung sagen.“

 

Thurn-und-Taxi-Schlossfestspiele, Emmeramsplatz 5, Regensburg. 22. Juli, 20.30 Uhr. Karten zu 96,80 bis 138,80 unter Hotline 01806-57 00 70. Internet www.eventim.de

 

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