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Silbermond mit neuem Album: Globuli, die glücklich machen (sollen)

Die Band „Silbermond“ trumpft auf ihrem Album „Leichtes Gepäck“ mit Balladen in allen Varianten auf – und bleibt durchweg im seichten Genre.
Gehen baden mit Balladen: „Silbermond“. Gehen baden mit Balladen: „Silbermond“.
Bautzen. 

Ja, sie haben großen Erfolg. Jaja, sie haben sich diesen großen Erfolg hart erarbeitet. Jajaja, sie sind trotz des großen Erfolgs noch sehr sympathisch, bescheiden und knuddelig. Die Musiker von „Silbermond“ machen offenbar alles richtig, sie sind zu deutschen Superstars gewachsen, engagieren sich für den Weltfrieden und gegen den Rechtsextremismus. Und doch gibt es etwas, was in diesem Zusammenhang Unbehagen auslöst: die Musik, die Texte.

Reden wir nicht drumherum: Auch das fünfte Album der Bautzener Band kann diese Bedenken nicht zerstreuen, eher im Gegenteil. „Leichtes Gepäck“ trägt leider schon ungewollt im Titel, was den Hörer erwartet: ein sauber und ordentlich verschnürtes Bündel an luftiger Harmlosigkeit, kuscheliger Herzigkeit und zarter Bockigkeit. Die Last des Lebens, die Erdenschwere, der Druck des Alltags und die Masse der Optionen, das Elend, der Jammer, die Mühe, das Leid, die Qualen und Sorgen schrumpfen bei „Silbermond“ zu einem handlichen Päckchen, das wenig in geringen Dosen bietet, aber damit sehr viele glücklich macht. Das lässt nur einen Schluss zu: Die Band versteht sich auf die heilpraktische Kunst der Homöopathie. Sie verabreicht Globuli.

Während die Globuli aus Zucker hergestellt werden, besteht die Musik von „Silbermond“ aus Balladen. Beides ein oft und viel konsumierter Trägerstoff – dank des produktiven Einsatzes der Arzneimittelindustrie einerseits und der Pop-Industrie andererseits. Über die Wirksamkeit ist sich die Wissenschaft jedenfalls bei den Globuli einig. Scheinmedikamente hier, Scheinkunst da: Wenn’s denn trotzdem hilft. „Silbermond“ bieten immerhin eine vielfältige homöopathische Produktpalette an: Balladen im langsamen und mittleren Tempo, Voll- und Halbballaden, Gitarren- und Piano-Balladen, Pop- und Rock-Balladen. Einige Balladen sind mit reichlich Pathos versehen, andere mit noch mehr.

Werden wir konkreter: Die Balladen erzählen von Mut und Angst, Heimat und Entschleunigung, widerlichem Glück und der Zeit, zu tanzen. Die Power-Ballade „Lass mal“ schlägt vor, doch Brecht zu lesen und nicht TV zu glotzen, es bleibt aber bei den guten Vorsätzen. Die Orchester-Ballade „Fische im Teich“ beklagt, dass sich alles verändert und doch alles gleich bleibt. Die titelgebende Pop-Ballade „Leichtes Gepäck“ sieht in der Wohnung nur noch ein „Kabinett aus Sinnlosigkeiten“, was einen Anlass gibt, mal durchzusortieren, aufzuräumen, Ballast loszuwerden (nicht nur die Wohnung betreffend). Der programmatische Satz des Albums findet sich ebenfalls hier: „Eines Tages fällt dir auf, dass du 99 Prozent nicht brauchst“. Wie wahr: Das ist im Leben so wie in der Musik.

Die 1998 gegründete Band versetzt ihre zwölf neuen Songs mit allen wichtigen Zutaten: ein bisschen Politisches, ein bisschen Privates, ein bisschen Konsumkritik, ein bisschen Liebeslyrik, ein bisschen Realitätsflucht, ein bisschen Hoffnung. Die Texte, die dabei entstehen, sind mehr pragmatisch als poetisch, sie leben von ihren guten Absichten, verpackt in griffigen Stereotypen, Einsichten, Metaphern. Dass dennoch nicht immer alles problemlos zu verstehen ist, liegt an Sängerin Stefanie Kloß, neuerdings Jurorin bei der Castingshow „The Voice of Germany“. Im Bemühen, alles aus ihrer Stimme herauszuholen, ist sie sehr konsequent. So wird ambitionierter Gesang zur Leistungsschau, der Ausdruck vor allem über Technik definiert.

Eine Therapie mittels umarmender Balladen: Wenn es die Menschen glücklich macht – warum nicht.

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