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Gottgleiche Schönheit

Die schönste Berlinerin ist einäugig, kommt aus Ägypten und hat rund 3300 Jahre auf dem Buckel. Am Nikolaustag 1912 erblickte sie dank deutscher Ausgrabungstätigkeit erneut das Licht der Welt. Heute ist die farbig bemalte Büste der Nofretete der ganze Stolz des Neuen Museums.
Standfigur der Nofretete aus Kalkstein, gefertigt um 1340 vor Christus. Standfigur der Nofretete aus Kalkstein, gefertigt um 1340 vor Christus.
Berlin. 

Bislang wurde die wegen ihrer farbigen Bemalung und herausragend guten Erhaltung einzigartige Büste nur mit wenigen weiteren Spitzenstücken aus den 1911 bis 1914 erfolgten Grabungen in Tell el-Amarna präsentiert. Das ändert sich nun aus Anlass des Entdeckungsjubiläums der "bunten Königin", wie sie Ausgräber Ludwig Borchardt nannte. Damals hatten die deutschen Archäologen rund 5500 Funde zugesprochen bekommen und nach Berlin geschafft. Die weitaus meisten Stücke – Kleinteile aus dem Alltagsleben, Trümmer und Fragmente – blieben unbearbeitet in den Depots liegen. Erst im Vorfeld der großen Sonderschau wurden rund 600 von ihnen aus den Kisten geholt, entstaubt und restauratorisch versorgt.

Alleiniger Gott

Die um internationale Leihgaben bereicherte Jubiläumsschau ist der sogenannten "Amarna-Zeit" gewidmet. Der Name ist vom Ausgrabungsort Tell el-Amarna abgeleitet, etwa 400 Kilometer nördlich von Theben am östlichen Nilufer gelegen. Dort befinden sich die Ruinen der altägyptischen Stadt "Achet-Aton". Sie wurde von Pharao Amenophis IV., der von 1351 bis 1334 vor Christus herrschte, als neue Hauptstadt gegründet. Anlässlich des Umzugs in die neue Residenz 1343 v. Chr. nahm Amenophis IV. den Namen "Echnaton" an. Die deutsche Übersetzung des Herrschernamens lautet: "Einer, der dem Aton wohlgefällig ist". Vor Echnatons Herrschaft war Aton eine unter vielen der in Ägypten verehrten Gottheiten gewesen. Der neue Pharao aber sorgte für einen unerhörten Umsturz der alten Glaubensvorstellungen, indem er Aton zum alleinigen Gott erklärte. Als seine Verkörperung galt die Schöpfungskraft des Lichts, von dem alles Leben auf Erden abhängt.

In der Kunst wurde Aton durch eine Sonnenscheibe mit Strahlenarmen repräsentiert. Das zeigt das ausgestellte Relief einer Stele: Echnaton und seine Hauptfrau Nofretete bringen unter der Sonnenscheibe Opfergaben dar. Auch die so farbenfrohen wie naturnahen Tier- und Pflanzenmotive der ausgestellten Keramikgefäße und Fragmente von Fliesen aus privaten Wohnbauten und königlichen Palastanlagen huldigen der Schöpfungskraft des Lichtgottes Aton.

Pferdescheuklappe

Besonders umfangreich vertreten sind Funde aus einem Komplex von Wohnungen und Werkstätten, denen ein gewisser "Thutmosis" vorgestanden haben soll. Auf dem Areal wurde nämlich das Bruchstück einer Pferdescheuklappe gefunden. Sie trägt die eingeritzte Inschrift: "Der Gelobte des guten Gottes, der Aufseher der Arbeit, der Bildhauer Thutmosis." In zwei kleinen Kammern seiner Werkstätten wurde Spektakuläres entdeckt. Die ausdrucksvollen Gipsmodelle der Gesichter und mehrheitlich unvollendeten Steinskulpturen von Privatleuten und königlichen Personen gehören zu den bedeutendsten Funden altägyptischen Skulpturenschaffens überhaupt.

Ramponiertes Gesicht

Zwei Fundstücke aus den Werkstätten des Thutmosis fallen aus dem Rahmen: Die Büsten Echnatons und Nofretetes sind nämlich als einzige vollkommen farbig gefasst. Mit der Auffindung der Büste des Pharao am 6. Dezember 1912 begann die spektakuläre Fundserie. Entdecker Borchardt notierte ins Fundtagebuch: "Gesicht leider recht ramponiert." Denn Echnatons Büste war in mehrere Stücke zerschlagen worden.

Zurückzuführen ist das vermutlich auf die Verdammnis der Herrschers durch seine Nachfolger, die sich von dessen Aton-Kult abgewendet und die alte Götterwelt wieder eingeführt hatten. Wunderbar gut erhalten aber wurde die Büste der Nofretete ausgegraben. Borchardt schwärmte: "Dieses Gesicht ist der Inbegriff von Ruhe und Ebenmaß."

Allerdings fehlt rätselhafterweise die Einlage des linken Auges. Es soll nie eingesetzt worden sein. Borchardt veranlasste das zu der Theorie, das zweite Auge sei unnötig gewesen, da die Büste den Bildhauern als Modell für Bildnisse der Königin gedient habe. Die wacklige Theorie aber ist längst zur Lehrmeinung geworden.

Der Name "Nofretete" bedeutet: "Die Schöne ist gekommen." Friedrike Seyfried, die Direktorin des im Neuen Museum untergebrachten Ägyptischen Museums, urteilt: "Die Ebenmäßigkeit ihrer Gesichtszüge, ihr langer schlanker Hals, die perfekt ausgearbeiteten Details, die vom siebten Halswirbel bis zu den Fältchen unter den Augen nichts vermissen lassen, sowie ihre unvergleichliche Farbigkeit haben die Büste zu einer Ikone der Schönheit werden lassen." Was aber kann gesichert über die historische Persönlichkeit ausgesagt werden? So gut wie nichts. Das Datum der Hochzeit mit Amenophis/Echnaton und das Alter der Braut sind unbekannt. Nofretete gebar dem Pharao sechs Töchter. Ihre letzte bislang aufgefundene schriftliche Erwähnung stammt aus dem sechzehnten Regierungsjahr Echnatons, der ein Jahr darauf starb.

Der zweite Teil der Schau ist der Entdeckungsgeschichte und der Karriere der Nofretete im 20. Jahrhundert gewidmet. Die vom Archäologen und Bauforscher Ludwig Borchardt geleiteten Ausgrabungen in Tell el-Amarna fanden im Auftrag der unter dem Protektorat Kaisers Wilhelms II. stehenden Deutschen Orient-Gesellschaft statt. Die war vom preußisch-jüdischen Kaufmann und Mäzen James Simon mit dem Ziel der Finanzierung von Ausgrabungen zugunsten deutscher, insbesondere Berliner Museen gegründet worden. Die Kosten für die Grabungen in der Ruinenstadt Achet-Aton trug ausschließlich Simon. Damals war die Teilung der Grabungsfunde zwischen Ägypten und den Ausgräbern üblich.

Rückgabeforderungen

Bei Borchardt und Simon war die Befürchtung groß, dass sich der Vertreter des Ägyptischen Antikendienstes für den Fundteil, dem die Büste der Nofretete angehörte, entscheiden würde. Doch der reklamierte andere Stücke für Ägypten.

Simon gab die ihm zugefallenen Stücke zunächst als Dauerleihgabe in die Ägyptische Sammlung des Neuen Museums, bevor er sie ihr 1920 übereignete. Ihren ersten öffentlichen Auftritt hatte die Büste der Nofretete dort 1924. Aber kaum war sie ausgestellt, begannen die Rückgabeforderungen. Da bei der Fundteilung alles mit rechten Dingen zugegangen war, wurde die Restitution aus moralischen Gründen verlangt: Bei der Entscheidung des Vertreters des Ägyptischen Antikendienstes gegen die Büste der Nofretete habe es sich um einen bedauerlichen Irrtum gehandelt, den es rückgängig zu machen gelte.

Ein lukratives Tauschangebot wurde 1930 von ägyptischer Seite unterbreitet: Zwei außergewöhnliche Objekte aus dem Kairoer Museum gegen Nofretete. Die deutsche Seite war einverstanden. Eine Welle der Empörung ging durch die deutsche Presse und verhinderte das Tauschgeschäft. Drei Jahre später hing das weitere Schicksal der Büste von zwei Nazi-Größen ab. Um den ägyptischen König Fuad I. als Verbündeten für das Dritte Reich zu gewinnen, kündigte der preußische Ministerpräsident Hermann Göring ihm die Büste der Nofretete als Staatsgeschenk an. Doch Reichskanzler Adolf Hitler pfiff den Alleingang Görings zurück. Trotz aller nach wie vor bestehenden ägyptischen Begehrlichkeiten scheint eine Rückgabe heute ausgeschlossen, denn die Büste der alten Ägypterin ist gleichsam zum deutschen Kulturgut geworden.

Neues Museum, Museumsinsel Berlin. Vom 7. Dezember bis 13. April 2013. Täglich 10 bis 18 Uhr, Do 10 bis 20 Uhr. Eintritt 14 Euro. Katalog 24,95 Euro.

Telefon (030) 2 66 42 42 42.

Internet www.imlichtvonamarna.de

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