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Staatstheater Darmstadt: Gretchen spielt das unschuldige Mauerblümchen

Von Bettina Bruinier inszenierte am Staatstheater Darmstadt Goethes „Faust. Erster Teil“ in teils schönen Bildern, aber ohne Zug und Sog und Rhythmus.
Faust (Samuel Koch) in Mephistos Armen (Robert Lang). Foto: Foto Wil van Iersel Faust (Samuel Koch) in Mephistos Armen (Robert Lang).
Darmstadt. 

Weiß der Deibel, warum „Faust“ „Faust“ heißt und nicht „Gretchen“. Die Gretchen-Handlung umfasst zwei Drittel der Szenen, ein Drittel der Druckseiten. Sie peppt den „Faust“ auf, der umstandskrämerisch beginnt (Zueignung, Vorspiel, Prolog im Himmel) und sich vor Gretchen anfühlt wie eine endlos bunte Exposition: Osterspaziergang, Studierzimmer, Auerbachs Keller, Hexenküche.

Zwar schiebt Goethe noch drei Szenen in den Gretchen-Block ein. Fausts laue Reue („Wald und Höhle“) retardiert, „Walpurgisnacht“ und „Walpurgisnachtstraum“ (sein Spiel von Oberon und Titania) kupferte Goethe aber von Shakespeare („Macbeth“, „Sommernachtstraum“) ab. Im Gretchen gar glüht klar Ophelia nach. Wie diese von Hamlet, wird Gretchen von Faust verführt und vom Soldaten-Bruder gescholten, der sie rächen will und fechtend umkommt. Wie Ophelia rutscht Grete singend in Wahn und Tod. Marthe kommt dem kupplerischen Polonius nahe.

Lauter weiße Ballons

Soviel Vorspruch muss sein, um mit Inbrunst zu sagen: Gretchen immerhin, gespielt von Katharina Susewind, ist ihr und Regisseurin Bettina Bruinier gelungen. Mareile Krettek (Bühne und Kostüme) zieht Margarete unschuldige Mauerblümchen-Kostüme an, doch glänzt die verhalten Aufspielende dafür mit dem klassischen Liedvortrag „Meine Ruh ist hin, mein Herz ist schwer, ich finde sie nimmer und nimmermehr“ in der Schubert-Vertonung. Kein Gretchen am Spinnrade ist das, sondern eine Hausmusikerin am Klavier unter lauter weißen Ballons auf der Drehbühne, was der Inszenierung leider einen revuehaften Marshmallow-Touch verleiht.

Loben ließe sich noch Robert Langs Mephistopheles, den Krettek und die Maske erst auf quirlig-lästigen Anzugträger mit gebranntem Scheitel und Hörnchen-Touch bügeln, um ihn dann in bockshafte Leoparden-Leggins zu hüllen, als lasse der Täuscher sein Blendwerk fallen, je mehr er sich Faustens Seele sicher wähnt. Mephistos Mischung aus Frechheit, Pudel-Züngeln, Hit-Gesang („Feeling God“ von „Muse“) und subalternem Beamtengeist im Weltenplan spielt er vor Gottes Stimme aus dem Off im sehr verkürzten Prolog und später ansprechend in Körpersprache und Diktion.

Bruiniers entscheidende Ideen betreffen Fausts Vervielfachung, den Choreinsatz und den Umgang mit dem Text. Summend wie ein Kolibri tändelt die Regie von Textblümchen zu Textblümchen und nippt überall am Nektar: viel Steinbruch, wenig Drama. Den Revue-Eindruck begründet das genauso mit wie der riesige Spiegel, der von oben her ins Geschehen kippt und Draufblicke gewährt, was trotz Ansätzen im Stück (die ideale Frau im Zauberspiegel) eher an Bordell-Interieurs erinnert. Auch die Ballons knüpfen vage ans Stück an, denn eine Ballonfahrt, hui wie modern!, zählt zur originalen „Faust“-Bildsprache.

Faust ist geteilt in den reflektierenden Samuel Koch und den vierschrötigen Mann der Tat, Christian Klischat. Kochs gelähmter Körper wird mit je wechselnder Symbolik mal mit dem andern Faust, mal mit Mephisto siamesisch zusammengeschnallt, umhergetragen und in Positionen gehievt, dass dem Vers „Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust“ Bedeutungsnuancen zuwachsen. Die Paare Faust/Grete und Mephisto/Marthe docken so zum flotten Vierer an, noch bildkräftiger: der Teufelspakt mit Doppel-Faust plus Teufel. Schön, wie Bruinier Darsteller und Chor, der auch mal Regenmäntel trägt, in Wechselrede und Chorsprechen mit Leben erfüllt. Revuehaft auch die Gestalten Yana Robin la Baumes, deren Kostüme als Marthe, Hexe, Lieschen, „Faust-2“-Homunculus sexuelle Wunschbilder abdecken.

Übrigens setzt dieser „Faust“ nach dem Prolog mit dem „Bürgerchor“ auf Baumstämmen im Wald ein, als sei der „Erdgeist“ (Natur, Erkenntnistrieb) vorweggenommen, und setzt sich im Osterchor mit verschmiertem Lippenstift und weiteren Auftritten fort. Auch Florian Federl wuselt umher und bleibt als Valentin, Bauer und so weiter immer ein barttragender Studienrat im blauen Anzug. Einen geschlossen Entwurf vermisst man: Zuvieles ist nur knapp angerissen, zu trivial gestaltet Bruinier ihre Keilereien.

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