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Zum 75. Geburtstag: Günter Wallraff, der Mann, der alles Mögliche war

Von In „Industriereportagen“ und Büchern wie „Ganz unten“ deckte er die miesen Arbeitsverhältnisse am Fließband auf. Und auch zum „Vampir von Sachsenhausen“ führten ihn seine Recherchen.
Der Journalist Günter Wallraff im März bei einer Veranstaltung  im Rahmen des Literaturfestivals Lit.Cologne auf der Bühne. Man sieht: In dem Mann lodert noch immer die Glut. Foto: Henning Kaiser (dpa) Der Journalist Günter Wallraff im März bei einer Veranstaltung im Rahmen des Literaturfestivals Lit.Cologne auf der Bühne. Man sieht: In dem Mann lodert noch immer die Glut.

Es war im Jahr 1966 und noch mitten im Kalten Krieg. Da hörte man plötzlich von einem Reporter, der sich in Fabriken einschlich, unter Decknamen am Fließband arbeitete und notierte, wie sich sein Chef gegenüber seinen Kollegen verhielt. Er protokollierte, welche Sicherheitsvorkehrungen ohne Rücksicht auf drohende Verletzungen nicht eingehalten wurden, und wie oft Überstunden zu machen waren, ohne dass sie bezahlt würden. Sofort lag der Vorwurf „Spion“ in der Luft. Nicht in Anlehnung an die tatsächlichen Industriespione, sondern in Anspielung auf jene unheilvollen Geheimagenten, die seinerzeit noch im geteilten Berlin zwischen Ost und West wechselten.

Höflich nachfragen

Günter Wallraff hieß der Reporter, der zum verdeckten Journalisten geworden war, um „die da oben“ ungestört aus der Sicht von „denen da unten“ beobachten, ertappen und durch Veröffentlichung des gewonnenen Wissens sittlich anklagen zu können. Die damalige Unerhörtheit von Wallraffs versteckter Vorgehensweise kann man sich heute kaum mehr vorstellen. Der Enthüllungsjournalismus nach amerikanischem Vorbild war im Deutschland der 60er noch fern. Journalist zu sein bedeutete, sachlich zu recherchieren, höflich bei den Verantwortlichen nachzufragen, im Zweifelsfalle auch eindringlich. Doch sich an eben jene Orte zu begeben, an denen Verstöße vermutlich oder tatsächlich stattfanden, war unüblich – und auch vielfach unmöglich. In der verhältnismäßig verschlossenen Bonner Republik war es nicht wie später bei Michael Moore, Amerikas beruflichem Nachfahren von Günter Wallraff, der völlig unverkleidet mit Windjacke, Baseballkappe und Mikrofon in Behörden und Ämter stürmte oder die Kongressabgeordneten gleich auf der Straße zur Rede stellte: ein Allwettermann der offenen US-Demokratie.

Wallraffs Bestseller „Ganz unten“. Bild-Zoom
Wallraffs Bestseller „Ganz unten“.

Schon früh ist der in Burscheid bei Köln geborene Wallraff zum Eindringling in prekäre Verhältnisse geworden. Nach einer Buchhändlerlehre schrieb er Reportagen für die Gewerkschaftszeitung „Metall“ und die Frankfurter Satirezeitschrift „Pardon“, begab sich aber recht bald in Großbetriebe, nicht ganz unvorbelastet: Sein Vater hatte bei Ford am Band gearbeitet. Aber Wallraff schaute nicht nur den Fabrikarbeitern über die Schulter, sondern auch den Journalisten auf die Finger. Als „Der Mann, der bei ,Bild‘ Hans Esser war“, erkundete er die Arbeitsweise von Deutschlands größter Boulevardzeitung, die in den 70ern deutlich abstach von den bürgerlichen Tageszeitungen, die sich zugutehalten konnten, mehr den Kopf als den Bauch anzusprechen. Das Ergebnis war eine Dokumentation darüber, wie aus der Wahrheit eine Ware wird, beliebig herstellbar für die Verkäuflichkeit auf dem Nachrichtenmarkt.

In diesem Zusammenhang beschrieb Wallraff auch, wie die Frankfurter „Bild“-Redaktion angeblich mit dem „Vampir von Sachsenhausen“ verfuhr, einem Schüler, der mutmaßlich mit den Körpersäften einer Klassenkameradin experimentierte. Schlagzeile: „Deutscher Schüler trank Mädchenblut“. In Frankfurt verbrachte Wallraff außerdem vor zehn Jahren unerkannt einen Tag als Obdachloser. Geradezu aufrüttelnd wirkte sein Report „Ganz unten“ über die Benachteiligung von Gastarbeitern in der bundesdeutschen Gesellschaft. Hierfür hatte sich der Enthüller in den Türken Ali verwandelt, mit Schwarzhaarperücke und Schnurrbart. Ähnlich geschminkt lief Wallraff durch seine filmische Dokumentation „Schwarz auf Weiß“. Darin reiste er als Flüchtling aus Somalia durch Deutschland und testete die Reaktionen braver Bürger.

Ministerialrat Kröver

Wer Wallraff bei derlei Aktionen sieht, der spürt, dass er nicht nur von Reportereifer getrieben ist. Er verkörpert einen besonderen Furor, fast schon eine Besessenheit. Seine Nachforschungen wirken nicht ergebnisoffen, sondern nur noch auf den Nachweis einer bereits von ihm vermuteten Tat oder Täterschaft bedacht. Ein gewisses moralisches Überlegenheitsgefühl schwingt darin mit. Des öfteren ist Wallraff denn auch die Verletzung von Gesetzen vorgeworfen worden. Amtsanmaßung etwa, nachdem er sich als „Ministerialrat Kröver“ ausgegeben hatte. Doch die Richter urteilten milde, der Getarnte habe im Interesse der Allgemeinheit gehandelt. Großen Mut bewies Wallraff wiederum, als er sich zu Zeiten der griechischen Militärjunta für die Freilassung politischer Häftlinge an eine Säule in Athen kettete – und dafür 14 Monate in Haft kam.

So schillernd und gelegentlich irritierend er in seiner Persönlichkeit also sein mag (in Zusammenhang mit seiner Wehrdienstverweigerung wurde ihm Abnormität attestiert), so sehr wird er für seine Arbeitsmethoden bewundert. „Wallraffen“ ist mittlerweile als Verb in die deutsche Sprache eingegangen.

In der Fernsehsendung „Team Wallraff – Reporter undercover“ hat der Investigator noch jüngst zusammen mit Nachwuchsreportern Luxushotels, Altenpflegeheime und Fernbusunternehmen ausgespäht. So viel steht also fest: Der in Köln Lebende, der am 1. Oktober (Sonntag) 75 Jahre alt wird, in dritter Ehe verheiratet ist und fünf Töchter hat, wird nicht ruhen, solange er nicht die ewige Ruhe findet.

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