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Rockkonzert: Gute Zeiten, harte Zeiten

Nach einem geglückten Bandreset startet die schwedische Indierock-Formation „Mando Diao“ in der Frankfurter „Batschkapp“ neu durch.
Björn Dixgård, der Frontmann von „Mando Diao“, gibt alles in der Frankfurter „Batschkapp“. Foto: Sven-Sebastian Sajak Björn Dixgård, der Frontmann von „Mando Diao“, gibt alles in der Frankfurter „Batschkapp“.

Mittendrin im Konzert, zwischen dem beatlesken „All My Senses“ und dem Schepper-Ohrwurm „Dancing All The Way To Hell“, erinnert sich Bassist Carl-Johan Fogelclou an eine Anekdote aus der Sturm- und Drangphase der fünf Vorzeigeschweden: Nach dem ersten Auftritt im Frankfurter Club „Cooky’s“ geschah es, dass die gesamte Truppe Platz an der Bar mit dem riesigen Tresenspiegel im Hintergrund nahm und unmittelbar wusste: Der imposante Anblick, der sich den Herrschaften aus Borlänge da anbot, wird das Cover zum zweiten Album „Hurricane Bar“ (2004).

Falsche Abzweigung

Bei so viel Anflug von Nostalgie bekommt der eine oder andere Wegbegleiter, der seinerzeit schon im „Cooky’s“ mit dabei war und sich nun in der ausverkauften „Batschkapp“ wie in einer Sardinenbüchse dicht gedrängt tummeln muss, ein ganz besonderes Leuchten im Blick, und es wird einem ganz wehmütig warm ums Herz. Ja, die gute alte Zeit, als das Doppelfrontduo Björn Dixgård und Gustaf Norén noch gemeinsam am Mikrofon agierte und dabei den Anschein erweckte, als betrachte man gerade John Lennon und Paul McCartney im zweiten „Beatles“-Kino-Abenteuer „Help“, besaß Magie, Charisma und jede Menge Talent.

Doch Norén strich 2015 die Segel. Und das nach einer reichlich seltsamen Entwicklung, die der künstlerische Werdegang von „Mando Diao“ nahm, nachdem die Truppe erst jahrelang als unkonventionelle Indierock-Lieblinge mit Händchen für klassisches Pop-Bewusstsein galt, aber nach dem Mainstreamwerk „Give Me Fire!“ samt ausgekoppeltem Chart- und Discohit „Dance With Somebody“ die falsche Abzweigung genommen hatte.

Fortan verstiegen sich Dixgård und Norén in abenteuerlichen bis bizarren Experimenten, darunter ein Album in schwedischer Sprache, ein weiteres namens „Ælita“ mit Stil-Hybridblüten aus Disco, Synthpop, Elektrorock und New Wave sowie befremdlichen Bühnenspektakeln im Kunstkonzeptmodus.

Die angemessene Strafe folgte auf dem Fuße: Anstatt wie bislang die geräumige Jahrhunderthalle zu bespielen, dürfen die in der Besetzung leicht modifizierten „Mando Diao“ in der „Batschkapp“ wieder Club-Bühnenluft schnuppern. Und das keineswegs unvorbereitet. Zog Nach-wie-vor-Frontmann Björn Dixgård, dem der Gitarrenneuzugang Jens Siverstedt zur Seite steht, doch mit dem aktuellen Album „Good Times“ die längst fällige Notbremse: Endlich wieder knackig prägnantes Songmaterial zwischen Indierock, Britpop und Garagenbeat liefert das achte Studiowerk – fast so wie in jener Ära, als die Band sich hierzulande ihre Fangemeinde aufbaute.

Dementsprechend kurzweilig geraten die mehr als 100 Minuten Nettokonzert des sich als Einheit präsentierenden Ensembles. Jedes Bandmitglied trägt sein Scherflein bei zum Gelingen des Neustarts: Schlagzeuger Patrick Heikinpieti markiert das wütende Rock-’n’-Roll-Animal, das gelegentlich hinter seiner Schießbude bis an den Bühnenrand vordringt, um die ohnehin schon vom ersten Song „San Francisco Bay“ an aufgewühlte Fanmasse noch weiter zu euphorisieren. Bassist Carl-Johan Fogelclou plaudert, dann und wann assistiert von Keyboarder Daniel Haglund, gerne mal in fast akzentfreiem Deutsch. Und Neugitarrist Jens Siverstedt wirkt schon so integriert, dass ihn so manche unwissende Fanseele gar für Gustaf Norén hält. Dass ausgerechnet Björn Dixgård immer wieder wie eine Aufziehpuppe „We are Mando Diao“ brüllt, ließe sich immerhin mit einer Art Existenzpanik erklären.

Nahtlos mischen die nach wie vor spielfreudig energetischen „Mando Diao“ Neues mit Altem, unter Ausklammerung allzu extremer Exotenklänge der vergangenen Jahre. Dass dabei das Klangbild ein wenig zu laut und übersteuert gerät, könnte weniger an der Band selbst als an den akustischen Verhältnissen am Ort liegen. Nach wie vor präsentieren sich „Mando Diao“ als eine Formation mit vielerlei musikalischen Gesichtern: „White Wall“ oszilliert zwischen „Beatles“ und „The Clash“, in „You Got Nothing On Me“ spiegelt sich Iggy Pop wider, und „Down In The Past“ geht satt ins Ohr.

Exzellenter Soul

Wohlplatzierte Verschnaufpausen liefern die Balladen „Break Us“ und „Mr. Moon“. Als die Hymne „Gloria“ nach Vollendung auf Geheiß von Dixgård noch einmal von den Fanchören in die Länge gezogen werden muss, ahnt man: „Mando Diao“ befinden sich auf der Zielgeraden. Einmal die Mitsingode „Hit Me With A Bottle“ noch, dann geht es in den Zugabenteil. Nach dem exzellenten Psychedelik-Soul von „Brother“ und der Tanzorgie „Shake“ lässt sich das Unvermeidliche nicht länger hinauszögern: Noch einmal gibt die Band Vollgas bei einer meterlangen Fassung von „Dance With Somebody“.

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