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Hamburg feiert Naganos „Frau ohne Schatten”

„Die Frau ohne Schatten” ist Richard Strauss' kühnstes, aber auch sperrigstes Opernwerk. An der Hamburger Staatsoper brachte Kent Nagano das gewaltige Lehrstück um Selbstsucht und Mitmenschlichkeit mit überwältigendem Erfolg neu heraus.
Für die Strauss-Oper „Die Frau ohne Schatten” gab es begeisterten Premierenbeifall. Foto: Markus Scholz Für die Strauss-Oper „Die Frau ohne Schatten” gab es begeisterten Premierenbeifall. Foto: Markus Scholz
Hamburg. 

Schlicht gesehen ist Richard Strauss' Opernwerk „Die Frau ohne Schatten” Fantasy pur. Um den Zeitgeist zu bedienen, hätte man für das von Hugo von Hofmannsthal erfundene Märchenspiel um den Geisterfürsten Keikobad nur die aktuellsten Licht- und Videoshow-Effekte auffahren müssen.

Doch Hamburg entschied sich gegen galaktisches Feuer. Auf der Bühne nichts weiter als lange nackte Stangen, die wie kommunizierende Röhren aus der gleißenden Höhe des Geisterreichs in die Tiefe der Menschenwelt stoßen.

Ein symbolstarkes Netz-Werk, das signalisierte: Hier geht es nicht nur um den Kampf zweier vorgeblich feindlicher Sphären, hier geht es ums Miteinander, um humanen Zusammenschluss. Ganz so, wie es Hofmannsthals Libretto vorgab und Strauss es mit der ingeniösen Verflechtung seines gesamten Themen-Materials musikalisch realisierte. Es war ein Glück des Premierenabends, dass Kent Nagano am Pult der vorzüglichen Philharmoniker just diese grandiosen Verflechtungen und Überlagerungen aufs Bezwingendste hörbar machte.

Regisseur Andreas Kriegenburg, mit dem Nagano schon mehrfach in München zusammengearbeitet hatte, hielt das hochkomplexe Bühnen-Geschehen mit unterschiedlichem Gelingen in Fluss. Durchaus schlüssig kehrte er die psychologische Glaubwürdigkeit vor allem des Färber-Paares heraus, dem die kinderlose Kaiserin, Keikobads Tochter, den menschlichen Schatten der Fruchtbarkeit abjagen muss, um den Kaiser vor tödlicher Versteinerung zu retten.

Es ist ein verzweifelter Kampf gegen das zerstörende Gift der Selbstsucht, von der allein der Färber Barak frei ist. Er war denn auch in der Person des strahlkräftigen Andrzej Dobber der große Kraftpol dieser Inszenierung. Wobei ihm mit Lise Lindstrom eine höchst attraktive junge Färberin zur Seite stand, die einmal nicht als keifende Hyäne vorgeführt wurde, sondern von Beginn an als liebesfähig und wandlungsbereit. Die Kalifornierin sang die Partie mit erregender Intensität.

Die stärkste Identifikationsfigur der Hamburger Neuproduktion aber war die Kaiserin der Emily Magee. Sie gab dem hochdramatischen Prozess des Verzichts zugunsten des leidenden Färberpaares mit anrührendster Leidenschaft Stimme und Gestalt. Der heldisch auftrumpfenden Amme der Linda Watson war sie so ein glanzvoller Widerpart, während Roberto Sacca den Kaiser vor allem geschmeidig und elegant hielt.

Kriegenburg hätte freilich der Färberin und der Kaiserin nicht auch noch Doubles beigeben müssen, die zudem in Krankenbetten über die Bühne geschoben wurden. Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs, unter traumatischem Gebär-Zwang: ziemlich dick aufgetragen.

Das Finale mit den ewig ballspielenden Kindern und den beiden Paaren auf blütenweißen Parkbänken trieb gar ungehindert in den Kitsch. Nur gut, dass Nagano bei aller bombastischen Verzückung die Balance hielt, ohnehin vor Schärfen und grellen Attacken nicht zurückschreckte. Es gab langen, begeisterten Premierenbeifall.

(Von Barbara Sell, dpa)
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