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Neuerscheinungen: Heißes Pflaster Berlin – gestern und heute

Lebendige und spannende Kriminalromane über die Weimarer und die Berliner Republik von Kerstin Ehmer, Volker Kutscher & Kat Menschik sowie Yassin Musharbash – das findet sich in unserem kriminalistischen Monatsüberblick.
Volker Kutscher ist in diesem Monat mit einer Koproduktion bei den Mords-Büchern vertreten. Foto: Oliver Berg (dpa) Volker Kutscher ist in diesem Monat mit einer Koproduktion bei den Mords-Büchern vertreten.

Berlin, Anfang der 1920er Jahre: Im eher ärmlichen Wrangelkiez wird ein reicher jüdischer Bankier erschlagen aufgefunden. Ein Raubmord? Womöglich politische Motive? Oder eine familiäre Sache? Kommissar Ariel Spiro, frisch aus der Provinz nach Berlin versetzt, ermittelt. Schon vom ersten Tag an steigt ihm die Hauptstadt mit ihrem Tempo und ihren Möglichkeiten zu Kopf und verleitet ihn zu allerlei Leichtsinnigkeiten.

Es sind die frühen Jahre der Weimarer Republik, die Erinnerungen an den Ersten Weltkrieg noch frisch, und die Kräfte, die die junge Demokratie aushöhlen wollen, hochaktiv. Es ist eine Gesellschaft im Umbruch, geprägt von großen sozialen Unterschieden, großen Hoffnungen, neuen Freiheiten. Wer es sich leisten kann, genießt das Nachtleben: Schimmy und Jazz, Cocktails und Kokain, sexuelle Freizügigkeit, Männer in Frauenkleidern, Damen im Smoking.

Etwas aufgesetzt

„Der weiße Affe“ ist das lebenspralle Krimidebüt von Kerstin Ehmer, Modefotografin und Betreiberin der Victoria Bar in Berlin. Atmosphärisch dicht, bunt, sinnlich und temporeich schildert sie die quirlige, kurzlebige Republik in einer wunderbaren Sprache, die einen sofort in jene Jahre versetzt. Das entschädigt für den etwas aufgesetzten Kriminalplot.

1927 spielt „Moabit“ von Volker Kutscher und Kat Menschik. Der schmale Roman ist die Vorgeschichte zu Volker Kutschers Kriminalroman „Der nasse Fisch“, der wiederum die Vorlage der TV-Serie „Babylon Berlin“ bildet. Aus drei verschiedenen Perspektiven wird in „Moabit“ das Geschehen geschildert und ergänzt: Adolph Winkler, Chef eines Ringvereins von Berufsverbrechern, der zu Beginn der Geschichte noch im Gefängnis Moabit einsitzt, wird das Opfer seiner Prinzipientreue, mit ihm gerät auch der aufrechte Gefängniswärter Christian Ritter in Gefahr, und Charlotte Ritter, die Tochter des Gefängniswärters, hat die entscheidenden Hinweise, was tatsächlich geschehen ist.

Die Story ist gut gefügt, doch die eigentliche Sensation des Buches sind die Zeichnungen von Kat Menschik. Menschik, die unter anderem die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ optisch prägt, gibt im Verlag Galiani Berlin eine eigene Reihe heraus, in der sie Bücher illustriert, unter anderem nun „Moabit“. Angelehnt an die Gestaltung der Groschenhefte der zwanziger Jahre greift sie Stichworte aus der Geschichte auf und setzt sie in Bilder um, die an Werbeanzeigen der Zeit erinnern. Verletzt sich eine Figur, findet sich daneben eine Annonce für Hansaplast. Das ist ungeheuer liebe- und kunstvoll gemacht. Hier stimmt alles, von der Farbgestaltung bis zum zweispaltigen Druck einschließlich Figurenzeichnung. Hoch charmant!

Zum Islam konvertiert

Sehr heutig ist der Roman „Jenseits“ von Yassin Musharbash. Es ist der zweite Thriller des IS-Spezialisten der Wochenzeitung „Die Zeit“. Im Zentrum des Politthrillers steht ein junger Deutscher, der zum Islam konvertiert ist und sich dem IS, dem „Islamischen Staat“, angeschlossen hat, der nun aber den Kontakt zu deutschen Behörden sucht, um bei seiner Rückkehr eine Strafminderung gegen Insiderinformationen einzutauschen.

Musharbash erzählt knapp und ökonomisch: Straff und konzentriert zeigt er in Rückblenden und anhand von Erinnerungen verschiedener Figuren den Weg des Mannes in die Radikalisierung und die Ernüchterung angesichts der grausamen Realität. Musharbash schildert die Rivalität staatlicher Stellen untereinander, den Konkurrenzkampf von Journalisten innerhalb von Redaktionen, zeigt, wie in der Berichterstattung Karriereambitionen und Klickzahlen den Vorrang vor Moral erhalten. Das geschieht unaufgeregt, kenntnisreich und spannend, ohne zu moralisieren und ohne anklagenden Zeigefinger. Nüchtern bei aller Brisanz, packend trotz kluger Distanz.

 

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