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Nachruf: Hilmar Hoffmann machte Kultur für die Stadtgesellschaft

Von Er hat das Museumsufer erdacht, das erste Kommunale Kino Deutschlands gegründet und an den Städtischen Bühnen das Mitbestimungsmodell erprobt.
Hilmar Hoffmann, hier in seinem Haus in Frankfurt-Oberrad, war bis zuletzt in der Stadtgesellschaft gegenwärtig und sein kulturpolitischer Rat gefragt. Foto: Heike Lyding (epd) Hilmar Hoffmann, hier in seinem Haus in Frankfurt-Oberrad, war bis zuletzt in der Stadtgesellschaft gegenwärtig und sein kulturpolitischer Rat gefragt.

Um die Bedeutung von Hilmar Hoffmann für die Stadt Frankfurt zu ermessen, muss man sich nur vorstellen, wie er die Sache mit den sanierungsbedürftigen Städtischen Bühnen angegangen wäre. „Hilmar“, wie der hochgewachsene Bremer mit der Künstlermähne nicht nur von seinen sozialdemokratischen Genossen genannt wurde, hätte schon kurz nach Bekanntwerden der Baufälligkeit von Oper und Schauspiel seine entschiedene Meinung dazu geäußert. Er hätte zudem eine kühne Idee ins Spiel gebracht (etwa: spektakulärer Neubau der Oper, Sanierung des Schauspiels am Willy-Brandt-Platz). Er hätte sich für seine Überlegungen Unterstützung in der eigenen Partei, im Magistrat und im Oberbürgermeisteramt gesucht, die nötige Finanzierung mit Hilfe eines Sonderplans durchgesetzt und nach zwei, drei Jahren den ganzen „Laden“ (so seine mutmaßliche Wortwahl) neu eröffnet.

Ohne Kommissionen

Denn das war die gezielte Art und Weise, wie der jetzt gestorbene ehemalige Kulturdezernent vorging: beim Museumsufer, bei der Alten Oper und bei den vielen anderen Kultureinrichtungen, die er geschaffen hat, mit weitem Blick voraus, mit untrüglichem Sinn fürs wirkungsvoll Wesentliche, mit politischer Professionalität und jener persönlichen Durchsetzungsfähigkeit, die sein Amt in einer wachsenden Großstadt verlangt. Unvorstellbar, dass Hilmar Hoffmann sich hinter fremden Gutachten, fachlichen Kommissionen, architektonischen Empfehlungen aus anderen Städten oder gar Verzögerungstaktiken zurückgezogen hätte, wie es in der heutigen Frankfurter Kulturpolitik zu beobachten ist.

Hilmar Hoffmann 1984 vor dem Leinwandhaus am Frankfurter Weckmarkt, in das damals eine Galerie einzog. Bild-Zoom Foto: Thomas Wattenberg (dpa)
Hilmar Hoffmann 1984 vor dem Leinwandhaus am Frankfurter Weckmarkt, in das damals eine Galerie einzog.

Unter einem Oberbürgermeister Peter Feldmann allerdings, so viel steht fest, hätte es auch niemals einen Kulturdezernenten Hilmar Hoffmann gegeben. Einer wie „Hilmar“ konnte nur zur Entfaltung gelangen, weil er auf die Entschlossenheit und das politische Format eines Oberbürgermeisters Walter Wallmann traf. Stets offen und unaufgeregt sachlich im Umgang sowie klar in den Formulierungen, war Hilmar Hoffmann ein nüchterner Typ, der die Kultur wertschätzte, ohne Hang zum Lukullischen oder Opulenten zu entwickeln.

Mit Wagemut

Wallmanns Ehrgeiz, aus dem neureichen, aber doch kleinstädtisch wirkenden Frankfurt der 70er Jahre eine Stadt mit geschichtlichem Selbstbewusstsein und gesellschaftlichem Geltungsanspruch zu machen, fand in Hilmar Hoffmann den passenden Sozius. Gemeinsam handelten die beiden nach der Überzeugung, dass die Vorstellung immer der erste Schritt zu deren Verwirklichung ist und sich dann schon das nötige Geld und die Hilfskräfte finden werden. Das Kommunale Kino, als erstes seiner Art in ganz Deutschland in Frankfurt gegründet, war für den filminteressierten Stadtrat Hilmar Hoffmann das zunächst wichtigste Vorhaben. Das „KK“, wie es anfangs hieß, wurde zur Keimzelle des nunmehrigen Filmmuseums, das als Deutsches Filmmuseum sogar vom Bund mitfinanziert wird.

Hilmar Hoffmanns Erfolgsprinzip war der Wagemut, auch wenn das tatsächliche Ergebnis durchaus nicht immer das allerbeste war: Bis heute beispielsweise leiden viele der unter seiner Führung gegründeten Museen an verwinkelten, für Ausstellungen ungeeigneten Räumlichkeiten und schleppen erhebliche Folgekosten mit sich, vor denen Zweifler von vorneherein gewarnt hatten. Wenn Frankfurter Kulturfunktionäre heute von der „Einzigartigkeit“ des Museumsufers schwärmen, dann ist oft mehr überbordender Lokalstolz als Wirklichkeitssinn dabei. Als hätten München und Berlin nicht die weitläufigeren Museumsinseln und Museumsmeilen.

Hilmar Hoffmann war einer der bekanntesten Kulturpolitiker Deutschlands. Jetzt ist er im Alter von 92 Jahren gestorben.
Hilmar Hoffmann Kommentar: Kultur für alle

„Kultur für alle“ hieß das Schlagwort der 70er Jahre, das von niemandem so nachdrücklich in die Gesellschaft getragen wurde wie vom damaligen Frankfurter Kulturdezernenten Hilmar Hoffmann.

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Dass Hilmar Hoffmann ein „Amtsträger“ war, merkte man ihm nicht an. Er, der mit der Schauspielerin Brunhild Huelsmann verheiratet war, fühlte sich der Frankfurter Bohème zugehörig, auch wenn die sehr bescheiden war und im „Künstlerkeller“ gegenüber den Städtischen Bühnen oft mit einem einzigen großen Tisch auskam. Für das Sprechtheater und die Oper war der am 25. August 1925 geborene Hilmar Hoffmann in seinen 20 Amtsjahren zwischen 1970 und 1990 der Über-Intendant, obwohl er niemals Herrschaftsattitüden gezeigt hätte. Das heikle Mitbestimmungsmodell am Schauspiel unter Peter Palitzsch, die Streitigkeiten zwischen Spartendirektoren, Generalmusikdirektoren und Geschäftsführern oder aber der Abgang von Rainer Werner Fassbinder als Leiter des Theaters am Turm nach nur acht Monaten waren zugleich Unglücksfälle und Lehrstücke der Diplomatie. Die Folgen des Opernbrands, der eine versehrte Spielstätte hinterließ und das Ausweichen ins Bockenheimer Depot notwendig machte, wurden von Hilmar Hoffmann geradezu nebenbei bewältigt. Dramatisch ging es hingegen im Fassbinder-Streit um die Uraufführung von dessen Stück „Der Müll, die Stadt und der Tod“ zu. Hier zeigte sich sogar ein Riss zwischen Hilmar Hoffmann und Walter Wallmann. Hoffmann sprach sich zwar gegen die Inszenierung des von der Jüdischen Gemeinde als antisemitisch empfundenen Werks aus, aber wollte „keine Zensur“ ausüben. Doch Wallmann erwirkte die Absetzung.

Für die Alternativkultur der 70er Jahre gründete Hilmar Hoffmann das Künstlerhaus Mousonturm. Auch hier sollte das Äußere des Gebäudes für das Innere stehen: eine Fabrik als Werkstatt der experimentellen Bühnenkunst.

Chef von Goethe

Am Ende schien der Kulturdezernent freilich müde geworden. 1990 schied er freiwillig aus dem Amt, obwohl er bis 1994 wiedergewählt worden war. Wie tief reichten die Meinungsverschiedenheiten mit dem damaligen neuen Oberbürgermeister Volker Hauff? Die Gründe für das Auseinandergehen sind im Nebulösen geblieben. Es hieß, die finanziellen Spielräume für den Kulturmann seien kleiner geworden. Drei Jahre später übernahm er die Präsidentschaft der Goethe-Institute. Auch dort aber schrumpften die Etats. Während unter Hoffmanns Leitung weltweit 19 neue Niederlassungen öffneten, mussten 38 schließen. Auch hier kündigte Hilmar Hoffmann schließlich seinen Rückzug an. Diesmal hatten ihm Finanzminister Hans Eichel und Außenminister Joschka Fischer die Arbeit erschwert. Hoffmann musste zuletzt immer öfter Sponsoren umwerben. Bundespräsident Johannes Rau bezeichnete ihn in seiner Abschiedsrede denn auch als „begnadeten Bettler“.

Hilmar Hoffmann und Petra Roth.
Trauer um Kulturpolitiker "Hilmar Hoffmann hat Frankfurt neu erfunden"

Parteiübergreifend sind am Wochenende Hilmar Hoffmanns Verdienste um die Kulturstadt Frankfurt gewürdigt worden. Der frühere Kulturdezernent ist am Freitag im Alter von 92 Jahren gestorben.

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Nun ging es für den Pensionierten verstärkt ans Bücherschreiben. Immer wieder beschäftigte sich Hilmar Hoffmann mit der Kinokunst. Bemerkenswert, wie differenziert er etwa die Filmemacherin Leni Riefenstahl beurteilte. Sie wegen ihrer Nähe zum Nazi-Regime radikal zu verdammen, schien ihm zu simpel. Also würdigte er die Ästhetik der Regisseurin („Triumph des Willens“) und versuchte, die Zwiespältigkeit ihrer persönlichen Lebensgeschichte zu erfassen. Was es für ihn selbst bedeutet hatte, unter den Nationalsozialisten aufzuwachsen, als junger Mensch ihrer Faszination zu erliegen und sich nach dem Krieg aus der ideologischen Umklammerung zu befreien, hat Hoffmann zuletzt in seinem Buch „Generation Hitlerjugend“ umrissen. Es war sein vielleicht persönlichstes literarisches Werk neben seinen Erinnerungen „Ihr naht Euch wieder, schwankende Gestalten“, mit Schilderungen zwischen Schuldbekenntnis und Selbstfreisprechung. In weiteren Sachbüchern und Bildbänden würdigte Hoffmann „Die großen Frankfurter“ um sich herum, „von Karl dem Großen bis Friedrich von Metzler“, oder aber „Frankfurts Stardirigenten“, von Georg Solti bis Christoph von Dohnányi und Gary Bertini. Aktiv blieb der frühere Stadtrat aber auch als graue Eminenz, als Ratgeber jüngerer Kulturpolitiker.

Im Garten des Geistes

Für Felix Semmelroth als einen seiner Nachfolger war er ein besonders wertvoller Gesprächspartner. Semmelroth hatte als Literaturreferent bei Hoffmann im Kulturdezernat gelernt, was es heißt, Entscheidungen zu treffen, zu verteidigen, zu verändern und irgendwann zur Ausführung bringen zu lassen.

In seinem Arbeitszimmer und seinem Garten in Oberrad schien Hilmar Hoffmann, der nun mit 92 Jahren gestorben ist, zuletzt täglich von 10 bis 13 und 15 bis 18 Uhr vor sich hin zu arbeiten wie der berühmte Candide, die Romanfigur des Philosophen Voltaire. Dieser Candide gelangte zu der Einsicht, dass am Ende, wenn alle Großtaten entweder vollbracht oder aber unverwirklicht geblieben sind, nichts übrig bleibt, als sein eigenes kleines Beet zu bestellen. Aber auch darin, so Candide, könnten Zweck, Nutzen und Erfüllung liegen.

 

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