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Fasching: Hinter der Maske: Was Karneval mit Erotik zu tun hat

Von Sich ein "zweites Gesicht" zu geben, ist ein Mittel der Verwirrung und Verführung in Kunst, Kultur und Erotik. Das Bedürfnis nach Schutz, die Lust an der Verwandlung und das Streben nach Selbstbefreiung sind die stärksten Antriebe für den Wunsch, sich eine Maske aufzusetzen.
Peter Hofmann als Entstellter mit Maske in „Phantom der Oper“. Foto: Stefan Hesse Peter Hofmann als Entstellter mit Maske in „Phantom der Oper“.

Vor wenigen Tagen erst ging ein Plakat der New Yorker Aktionsgruppe „Guerilla Girls“ durch die Medien. Es zeigt eine restlos entblößte Frau mit struppiger Gorilla-Maske, ausgestreckt auf einem Bett wie die berühmte schöne „Odaliske“ des französischen Malers Dominique Ingrès. „Müssen Frauen nackt sein, um ins Museum zu kommen?“, steht in herausfordernden Buchstaben unter dem Aktbild. Eine spöttische feministische Anfrage ans New Yorker Metropolitan Museum, zu dessen Sammlung das Gemälde von Ingrès gehört. Die Antwort kann nur postwendend an die „Guerilla Girls“ gehen. Denn diese Kampfmädchen protestieren mit dem Affenkopf grundsätzlich gegen „männliche Vorherrschaft“ in der Kunst. Die weibliche Vorherrschaft wäre ihnen wohl lieber. Weshalb die äffisch wildgewordenen Amerikanerinnen ihre Aktionskunst derzeit auch in Deutschland vorstellen, bei einer Schau in Hannover, unter dem Leitwort „The Art of behaving badly“ – die Kunst, sich danebenzubenehmen.

Verhüllte Nacktheit

Erotisches Spiel: CD-Hülle zu dem Film „Fifty Shades of Grey“. Bild-Zoom Foto: Universal Music Deutschland (Universal Music Deutschland)
Erotisches Spiel: CD-Hülle zu dem Film „Fifty Shades of Grey“.

Die „Guerilla Girls“ haben ein Paradox gewagt. Ausgerechnet das Gesicht als jenes Körperteil, das sich sonst nackt zeigt, haben sie maskiert und damit die restliche Nacktheit der Frau gleichsam bloßgestellt. Das erregt Erstaunen und Aufmerksamkeit. Die „Sexismus-Debatte“, wie die „Girls“ sie betreiben, hat denn auch erste Erfolge erzielt: In der Kunstgalerie Manchester wurde für ein paar Tage ein Bild mit nackten Nymphen abgehängt. Aber um diesen Angriff auf die Kunstfreiheit soll es hier gar nicht gehen. Nur darum, wie und wozu die sich empörenden „Girls“ die Masken benutzen – zwischen bitterem Ernst und lockerer Koketterie. Über die Jahrtausende hinweg musste sich die facettenreiche Bedeutung der Maske ja erst ergeben. In der modernen Welt zeigt sie sich am sichtbarsten in den Tagen von Karneval, Fasching, Fastnacht. Bei jeder kleinen Narrensitzung, auf jedem noch so winzigen Maskenball werden jetzt wieder die Gesichter hinter Larven verborgen, die Häupter von Kappen und Hütchen besetzt, die Körper in Kostüme gesteckt, dass es eine Verwandlungslust ist.

Verändertes Aussehen

Sein Äußeres zu verändern, sich zugleich innerlich ein neues, abweichendes Ich zu verpassen, seine Persönlichkeit zu spalten und weiter zu vervielfältigen oder gar gegen sie aufzubegehren, sich eine Rolle überzustreifen wie ein fremdes Kleidungsstück, das heißt nichts anderes, als die Tatsächlichkeit gegen eine Möglichkeit einzutauschen und sich ein Grundbedürfnis zu erfüllen: für einige Stunden oder Tage Urlaub von sich selbst zu nehmen, befreit von jeglichen Zwängen. Seelenreinigung. Läuterung. Therapie. Wie auch immer man das nennen will. Zu bewerkstelligen ist es mit einem einzigen Requisit, eben der Maske, als Objekt des Verbergens, Versteckens, Verwirrens, zwischen Verschrecken und Verlocken, nicht zuletzt in der Erotik, wo die Maske beim Sado-Maso-Spiel aus Herrschen und Beherrschtwerden zur Anwendung gelangt. Der Erfolg des Soft-Porno-Buchs „Fifty Shades of Grey“ der englischen Autorin E. L. James vor einigen Jahren hat es bestätigt. Der dritte Teil der Verfilmung, „Befreite Lust“, ist gerade in den Kinos angelaufen.

George Clooney mit Maske in der Kinoparodie „Batman & Robin“. Bild-Zoom Foto: Zdf Stephen Goldblatt (obs)
George Clooney mit Maske in der Kinoparodie „Batman & Robin“.

In uralten Zeiten diente die Maskierung allein der Verhüllung, der Camouflage, dem Schutz des Lebens, der Abwehr übermächtiger Tiere und böser Geister. Denen wollte der Mensch mit grimmiger Fratze begegnen, sonst wäre es ihm schlecht ergangen – so zumindest seine Befürchtung. Sein wahres Gesicht zu zeigen, wäre zu gefährlich gewesen, ein todbringender Luxus. Für niemanden galt das mehr als für die Jäger der Steinzeit. Oder die Krieger aller damaligen und späteren Zeiten.

Geschützte Verletzbarkeit

Sie steckten ihre Köpfe bereits im Altertum unter Masken und Helme, um sich dem Feind nicht zu erkennen zu geben und unverwundbar zu bleiben. Im Mittelalter schleppten sich die Ritter in ihren Rüstungen, sozusagen Ganzkörpermaskeraden, auf die Festungen und über die Schlachtfelder. Barhäuptig zu kämpfen, mit offenem Visier oder ohne Kettenhemd, das hätten sich nicht mal die kühnsten Helden leisten können.

Vom Ritter zum Retter: In den Romanen und Filmen über die Mantel-und-Degen-Fechter des 17. Jahrhunderts betraten die ehrenhaften Musketiere als maskierte Rächer der Enterbten, als Verteidiger der Schwachen die Bildfläche. Sie fanden ihre Nachfolger in den modernen Übermenschen der amerikanischen Comics: Superman, Batman und wie die Titelfiguren der Groschenheftchen alle heißen.

Verborgene Ritterlichkeit

Gustaf Gründgens mit Mephisto-Maske 1960 in Goethes „Faust“. Bild-Zoom Foto: WDR/Gloria (obs)
Gustaf Gründgens mit Mephisto-Maske 1960 in Goethes „Faust“.

Sie ziehen sich die spitzohrigen Masken über die Augen, werfen sich das Flattergewand über und starten Fledermäusen gleich zum nächtlichen Ausflug über die Dächer der Großstadt, um auf ihre subversive Weise für Recht und Ordnung zu sorgen.

Niemand soll wissen, wer sie wirklich sind. Denn als Nobelmänner wollen sie keinen Dank. Das Dasein im Dunkel der Gesichtslosigkeit gewährt ihnen die Sicherheit der Unantastbarkeit. Zumal sie tief auf dem Grund ihrer Seele schamvoll ein persönliches Geheimnis mit sich tragen.

Vervielfältigte Eigenheit

Nur weil sich das antike Theater einst direkt aus dem Dämonenspiel und den Opferkulten entwickelte, haben die Masken überhaupt je auf die Bühnen gefunden. Hier wurde der Mensch zur Spielfigur, beliebig ausstattbar mit künstlichen Gesichtern, Gliedern, Eigenschaften. Auf den Brettern der Kunst sollte und durfte er sich verstellen. Er fand Gelegenheit, als jener König aufzutreten, der er selbst niemals sein würde, oder aber als jener Bettler, zu dem auch er verarmen könnte. Auf der Bühne ist nichts unmöglich. Hier kann der Mensch all seinen Existenzformen und Gefühlen Gestalt verleihen, Angst und Freude gleichermaßen zu einem Gesichtsausdruck, einer Maske modellieren. Schon die alten Griechen unterschieden zwischen lachender Miene (Komödie) und weinender Miene (Tragödie). Sie vereinten diese beiden Seiten des Lebens im Drama.

Geschminkte Mienen

Über die Zeiten hinweg wurden die Mimik und die Masken zusehends feiner. Statt Gips und Pappmaché gab es irgendwann nur noch Schminke, und es kam auf jedes Zucken, jedes Fältchen im Antlitz der Schauspieler an.

Rapmusiker Sido mit seiner Totenkopf-Maske aus Metall. Bild-Zoom Foto: Rolf Vennenbernd (dpa)
Rapmusiker Sido mit seiner Totenkopf-Maske aus Metall.

Nicht zuletzt das englische Wort „Make up“ geht auf den Begriff „Maske“ zurück. Sie war geradezu der Beginn der Kosmetik: Heller Reispuder für die Haut; rotes, mit Läuseblut gefärbtes Fett für Lippen und Wangen; Kohle oder Öl zum Schwärzen von Lidern, Wimpern und Augenbrauen. Doch bevor es so weit war (es begann mit Shakespeare, Corneille und Molière), machte erst noch das italienische Volkstheater auf den Straßen, Plätzen und Jahrmärkten seine Possen.

Genormte Charaktere

Die Commedia dell’Arte schuf verschiedene feste Charaktere mit dazugehörigen Masken. Nun kamen die langen Nasen, spitzen Kinnpartien und dicken Bäuche groß raus – die Übertreibung trat vor die Kulissen. Der ganze Karneval von Venedig geht auf diese volkstümliche darstellende Kunst mit ihrem Kostümrausch zurück. Doch mischt sich beim „Carnevale“ das Morbide ins ausgelassen bunte Treiben. Tod und Vergänglichkeit entsteigen dem Canal Grande. Der Geruch der Verwesung und die Nebel der Auflösung legen sich über die sinkende Stadt, wenn das fahle Winterlicht hinter der Lagune aufscheint.

Berühmt sind die venezianischen Maskenbälle, die schon Casanova als Schauplätze zur Ausübung seiner Verführungskunst dienten. Sich unter Masken, Perücken und Fantasiegewändern unerkannt den Gesetzen von Anziehung und Zurückweisung zu ergeben, wurde zur gesellschaftlichen Leidenschaft, wie sie auch der französische Sonnenkönig Ludwig XIV. am Hof von Versailles bis zum Exzess kultivierte. Dass das gemeine Volk ringsum unterdessen hungerte und in Lumpen ging, gehörte zu den sozialen Realitäten, bis hin zur Groteske. Von Ludwig XIV. geht übrigens die Sage, er habe einen Zwillingsbruder gehabt, den er mit einer eisernen Maske versehen in einem Verlies gefangenhielt – aus Angst, vom Thron gestoßen zu werden. Eine Legende der Grausamkeit.

Entlarvte Liebe

Kunstvoll verzierte Masken beherrschen den Karneval in Venedig. Bild-Zoom Foto: Andrea Merola (ANSA)
Kunstvoll verzierte Masken beherrschen den Karneval in Venedig.

Nicht anders als makaber ist auch die Stimmung in Giuseppe Verdis ausschweifender Oper „Ein Maskenball“. Darin geht es um Liebe, Verrat, Treuebruch, Verschwörung. Am Ende stehen Ent-Larvung und Ent-Täuschung. Die Wirklichkeit drängt sich ungnädig ins Spiel, der Tanz gerät in schicksalhafte Nähe zum Totentanz. Das Gute zeigt sein zweites Gesicht, das Böse, und offenbart die Faszination des Hässlichen. Sie ist die Triebkraft aller Neugier, die das Unbekannte entdecken und enträtseln will.

Getarnte Verbrechen

Solche Wirkmächte machen sich heute die Rapmusiker Sido und Cro zunutze, wenn sie ihre Masken aufsetzen – der eine seinen Totenschädel aus Metall, der andere seinen Pandabären-Kopf aus Plüsch. Wer die beiden Sänger kennt, der weiß, dass alles nur eine Neckerei ist und ihre Gesichter nicht etwa entstellt sind, so wie das des „Phantoms der Oper“. Dieses unglückselige Wesen muss sich vor der Welt verstecken, so wie einst die ausgestoßenen Pestkranken. Es haust in den unterirdischen Gängen des Pariser Musiktheaters, wo keine Schandtat gegen ihn, den Gepeinigten, ausgeschlossen scheint, ein feiger Mord unentdeckt bliebe.

Zwei Frauen von der New Yorker Künstlergruppe „Guerilla Girls“ stehen bei der Eröffnung ihrer Ausstellung in Hannover mit Affenmasken vor einem ihrer Protestplakate. Bild-Zoom Foto: Peter Steffen (dpa)
Zwei Frauen von der New Yorker Künstlergruppe „Guerilla Girls“ stehen bei der Eröffnung ihrer Ausstellung in Hannover mit Affenmasken vor einem ihrer Protestplakate.

Das Verbrechen übrigens hat seine eigenen Maskierungen. Der Bandit im Western spannt sich sein Schweißhalstuch quer übers Gesicht. Der Bankräuber des Jahres 2018 geht mit Ski-Maske auf Raubzug, gegen die Wiedererkennung auf dem Fahndungsbild oder in der Fernsehsendung „Aktenzeichen XY . . . ungelöst“. Lebte er noch im Mittelalter, würde sich auch sein Hinrichter verhüllen, so wie sich Justitia die Augen verbindet. Der Henker vollendet sein Werk schließlich nicht als identifizierbarer Privatmann, sondern als Vertreter einer abstrakten Gerichtsbarkeit, deren Berufskleidung er sich überstülpt.

Verzerrte Visagen

Wehe nur, wenn die schmerzensreich erworbene Zivilisation ihre Masken fallen lässt und nicht dafür gesorgt hat, das darunterliegende wahre Gesicht vorzeigen zu können. Dann verhält es sich wie auf den Bildern des Expressionisten George Grosz. Dort laufen die Zeitgenossen des Malers durch das Berlin der 20er und 30er Jahre, gehetzt vom Tempo der Großstadt, in ihrer Menschlichkeit versehrt von Gewalt und Perversität. Oder sie sitzen an den Bordelltheken und Cafétischen des Kurfürstendamms: Fabrikanten und Financiers, „Stützen der Gesellschaft“, nur nicht in Sachen Moral. Blickt man in ihre Visagen, die zu Masken erstarrt scheinen, erschaudert man: Es sind echte Gesichter. George Grosz hat die seelischen Verkrüppelungen tief in sie eingezeichnet. Zur gleichen Zeit hat in Wien der Psychoanalytiker Sigmund Freud gelehrt, dass der Mensch ohne „Maske“ gar nicht leben könnte. Und dass er bei jeder Rolle, die er im Alltag spielt, ein anderes zweites Gesicht trägt.

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