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Isabel Allende in Frankfurt: Holocaust mit Kakao und Sahnetorte

Von Isabel Allende stellte im Frankfurter Schauspiel auf Einladung des Literaturhauses ihren neuen Roman „Der japanische Liebhaber“ vor.
Isabel Allende gestern auf der Frankfurter Buchmesse Foto: DANIEL ROLAND (AFP) Isabel Allende gestern auf der Frankfurter Buchmesse

Insgesamt 22 Bücher hat Isabel Allende geschrieben, seit sie so berühmt wurde durch „Das Geisterhaus“. Kein anderer Roman war eine derartige Begleit-Belletristik für alles, was Chile, dem Herkunftsland der Autorin, in den 70er Jahren politisch angetan worden war: Das Volk geknechtet, gefoltert und gemordet von der Pinochet-Diktatur, die aufbegehrende sozialistische Jugend verschleppt, getötet und verscharrt, dass die Mütter bis heute nicht wissen, wie und wo.

Mit diesem Chile hat Isabel Allendes Literatur nichts mehr zu tun – und auch mit einem anderen, heutigen Chile nicht. Seit langem schon lebt die Schriftstellerin in Kalifornien, besitzt die US-Staatsbürgerschaft, bewegt sich so selbstverständlich in San Francisco und New York wie in Madrid und Frankfurt und produziert für einen literarischen Weltmarkt aus 40 Sprachen. „Der japanische Liebhaber“ nun handelt vor allem „von Liebe“, denn sie ist „das Wichtigste“, wie Isabel Allende auf Einladung des Frankfurter Literaturhauses im Schauspielhaus mehrfach wiederholt, während die 680 Zuhörer im ausverkauften Saal sich einverstanden zeigen und oft klatschen.

Liebe, so bestätigt das neue Werk von Allende, die eine kleine Passage in weichem Spanisch vorliest, ist vor allem „Leidenschaft“ und „Feuer“, ein nicht enden wollendes gewaltiges Gefühl, das Briefe und Blumen verschickt, Küsse und Umarmungen fordert und alles, was dazugehört. Ist aus der kritischen Autorin Isabel Allende etwa eine sentimentale Geistesschwester von Rosamunde Pilcher geworden? Einerseits. Andererseits zitiert sie das Grauen des Zweiten Weltkriegs herbei in ihrer Geschichte von der 80-jährigen polnischen Jüdin Alma, die in einem Altenheim an der Bucht von Berkeley lebt, wo „Pinien und Lorbeer“ für „würzige Luft“ sorgen und der Garten „ein Paradies für Vögel“ ist, während stets „Kakao und Sahnetorte“ bereitstehen. Dem Thema Holocaust gesellt sich der Überfall auf das amerikanische Pearl Harbor hinzu, personifiziert durch den Japaner Ichima, einen Maler und Gärtner, den Alma seit ihrem achten Lebensjahr kennt und sich neben dem netten Ehemann über die Zeiten hinweg als heimlichen Geliebten gehalten hat. Enthüllerin dieses verborgenen Begehrens ist Irina, junge Seniorenbetreuerin aus Moldawien mit eigenem Schicksal.

„Kommt auf den Kerl an“

Es kommt viel zusammen in diesem Buch, Esoterik und Sterbehilfe inbegriffen, und wenn Isabel Allende erklärt, dass sie „einfach drauflos“ schreibt, „ohne Gliederung“, bis sie „irgendwann fertig ist“, möchte man das nicht bezweifeln. Selten berichten Schriftsteller so freimütig über sich und ihre Arbeit wie die elegant in schwarzen Plisseerock und schwarzes Glitzer-Twinset Gekleidete an diesem Buchmesse-Abend. Wenn zwischendurch die Schauspielerin Constanze Becker Abschnitte des Romans am Stehtisch vorträgt, bleibt das Nebensache. Isabel Allende beherrscht die Szene, sitzt vor einem Strauß Amaryllis, wirft scherzhafte Bemerkungen ins animierte Publikum, erwähnt die frische Trennung vom zweiten Ehemann nach 25 Jahren und lässt wissen, dass sie sich noch „wahnsinnig verlieben“ kann, auch wenn sie „über 70“ ist – kommt natürlich „auf den Kerl an“.

Feminismus ohne Altersbeschränkung, gepaart mit Latina-Temperament: Sehr achtenswert, wie die kundige Moderatorin Margarete von Schwarzkopf beides mit leicht herber Ironie zugleich anspornte und zügelte.

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