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Barock am Main: Horribilis von Huckevoll wär’ so gern ein Draufgänger

Von Das Ensemble von Michael Quast hält bei Rainer Dachselts Mundartstück über einen angeblichen Helden nach Motiven von Andreas Gryphius an Bewährtem fest.
Singt sich selbst ein Loblied: Michael Quast als Horribilis von Huckevoll. Foto: Maik Reu§ Singt sich selbst ein Loblied: Michael Quast als Horribilis von Huckevoll.

Horribilis von Huckevoll ist ein Held. An der Seite seines Freundes Wallenstein hat der Herr zu Blitzen und Erbsass auf Ehrenbreitmaul im Dreißigjährigen Krieg so einige Schlachten erfolgreich geschlagen und unter anderem Höchst niedergebrannt. Obwohl, wie mancher einzuwerfen wagt: Das steht doch noch!

Offenbar stimmt nicht alles, was dieser Frankfurter Neuzugang erzählt. Doch wen schert’s, wenn einer sich so gut zu verkaufen vermag, dass andere ihm Ruhm und Ehre einfach nicht zu gönnen scheinen? Selene Fleischbein (Pirkko Cremer), nicht minder von sich überzeugte Tochter aus gutem, aber verarmten Hause, ist jedenfalls betört. Kein anderer als dieser Lautsprecher soll ihrer Gunst würdig sein. Dabei hat die Holde in Tuchhändler Pfennig (Dominic Betz) und dem die Worte der Liebe dauerdeklinierenden Lateinlehrer Scherbius (Philipp Hunscha) noch andere, weitaus vertrauenswürdigere Verehrer, die bei Mutter Fleischbein (Katerina Zemankova) um ihre Hand anhalten.

Im Ausweichquartier

Für die neue Premiere von „Barock am Main“, die trotz der Insolvenz des Unternehmens erneut auf dem Gelände der Höchster Porzellan-Manufaktur ein Ausweichquartier für den derzeit renovierten Bolongaropalast gefunden hat, hat sich Stückeschreiber Rainer Dachselt bei dem deutschen Dichter und Dramatiker Andreas Gryphius (1616–1664) bedient. Dabei ist er mit der Vorlage, dem Scherzspiel „Horribilicribrifax Teutsch“, sehr freizügig umgegangen, hat nicht nur, wie sonst auch, die Texte in Mundart übertragen und regionale Anspielungen und Schimpfwörter hinzugefügt. Der Satiriker hat von der Ursprungshandlung um den großmäuligen Soldaten insgesamt wenig übrig gelassen.

Natürlich ist die Titelrolle mal wieder Festivalleiter Michael Quast auf den Leib geschneidert. Doch bevor das alljährliche Schauspiel allzu sehr ins Gewohnte abdriftet, fällt der 59-Jährige bemerkenswert oft aus dieser heraus. Quast kommentiert humorvoll das Geschehen, würzt es mit kritischen Anspielungen auf Aktuelles oder reagiert spontan auf vorbeifliegende Vögel und ungeplante Geräusche. Die Selbstherrlichkeit des Protagonisten nimmt er auf diese andere Ebene mit, kritisiert etwa seine Mitspieler ob ungenügender Darstellung, droht, ihre Parts selbst zu übernehmen, oder mault, am Ende als Horribilis sogar von seinem Hamburger Adjutanten Kuddel (Matthias Scheuring) im Stich gelassen, dass doch eigentlich alle nur wegen ihm gekommen seien.

Dem Abend, der ansonsten in den längst eingefahrenen Bahnen verläuft, verhilft das zu neuer Frische. Doch auch diejenigen, die die liebgewonnene Tradition schätzen, bekommen, was sie sich erhoffen durften. Das acht Darsteller zählende Ensemble, zu dem neben den bereits Genannten auch noch Ulrike Kinbach als einfallsreiche Geschäftsfrau Madame Knorz und Alexander J. Beck als Ratsherr von Uffenbach zählen, bewältigt seine Aufgaben mit viel Lust und Humor. Katja Reich hat allen die passende, die karikaturistische Mimik betonende Maske dick aufs Gesicht geschminkt. Das Bühnenbild hat Anna-Sophia Blersch, anders als die ebenfalls von ihr entworfenen aufwendigen Kostüme, recht einfach gehalten: Eine bräunlich rote Front mit mehreren zu schließenden Öffnungen stellt das Haus der Familie Fleischbein dar, ein paar zusätzliche Aufsteller sorgen für die zeitgemäße Kulisse.

Fleißige Souffleuse

Auffallend jedoch ist, dass man der Souffleuse, Quasts Tochter Judith, recht häufig bedarf. Deren gut zu hörende Einsätze werden zwar geschickt umspielt und zu zusätzlichen Neckereien genutzt. Doch obwohl die dialektalen Wörter und Sätze den Schauspielern ansonsten flüssig über die Lippen gehen, an „My Fair Lady“ erinnernder Sprachgesang gut aufeinander abgestimmt und der eine oder andere, auch improvisierte Einschub gern gehört ist, geraten die Dialoge so immer wieder ins Stocken.

Er sei zwar Horribilis, „der siegt, der siegt“. Aber nicht aus Frankfurt, betont der Capitano. „Einer wie ich ist nie von hier, immer von anderswo.“ Zum Schluss stellt sich das selbstverständlich als Lüge dar. Ein ungeratener Sohn aus einer der Altstadtgassen ist es, der sich hinter dem Möchtegern-Draufgänger verbirgt. Und der sich sogar einem lächerlichen Mondkalb unterwirft.

Mutig ist auch dieser inszenierte Sommerspaß nach bewährten Motiven nicht. Doch anders als beim Titelhelden funktioniert’s.

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