Howgh! Vor 100 Jahren starb Karl May

Hochstapler und Bestseller-Autor: Karl May war vieles. Seine eigene Geschichte liest sich mindestens so interessant wie seine Romane aus dem Wilden Westen. Von Holger Vonhof
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Frankfurt. 

Der Junge stammte, heute würden wir sagen, aus prekären Verhältnissen. Die Familie ist bettelarm, der Vater tyrannisiert Mutter und Kinder, Prügel sind an der Tagesordnung. Neun der 13 Kinder sterben vor dem dritten Lebensjahr. Wegen Mangelernährung, so heißt es später, sei der Junge bis zu seinem vierten Lebensjahr blind gewesen. Aber er hat etwas im Kopf, und das beeindruckt auch den blindwütigen Vater. Er schickt seinen Sohn in eine Schule, die er sich eigentlich nicht leisten kann, und der Junge wird Hilfslehrer in einem sozialen Projekt.

Doch dann heißt es, er habe lange Finger gemacht, einen Zimmergenossen bestohlen. Gefängnis und Rauswurf. Der Junge, inzwischen ein junger Mann, reagiert mit Trotz und Wut und beschließt, sich an der Gesellschaft schadlos zu halten.

Er schauspielert sich als Hochstapler durchs Leben, gibt sich als Arzt oder geheimnisumwobener Plantagenbesitzer aus Martinique aus – die Leute fressen ihm aus der Hand, verschlingen seine Geschichten, die er sich ausdenkt, um etwas zu sein in dieser Welt. Dann platzt die Bombe: Enttarnung, acht Jahre Haft. Ein junges Leben liegt in Trümmern, die Zellentür schließt sich.

Talent zum Fabulieren

Wo Lebensgeschichten dieser Art enden oder sich in regelmäßigen Intervallen von Kriminalität und Karzer wiederholen, nimmt die Vita des Karl Friedrich May aus dem erzgebirgischen Webernest Ernstthal beim Chemnitz eine wunderbare Wende: Der Verurteilte nutzt sein Talent zum Fabulieren und wird Schriftsteller – jahrzehntelang der meistgelesene deutsche Schriftsteller, der produktivste Autor von Abenteuerromanen, der Schöpfer von Jugendträumen, Fernweh, Sehnsüchten. Karl May, das war für viele Generationen fernes Karawanengebimmel und Indianer-Kriegsgeschrei unter der Schulbank, Flucht aus der Welt von Rohrstock und Katheder, ein zügelloser Ritt auf dem feurigen Rappen der Fantasie.

Als Karl May am 30. März 1912 an einem Herzinfarkt stirbt, hat er Höhen und Tiefen erlebt wie kaum ein anderer. Der nur 1,66 Meter große, schmächtige Mann aus dem Erzgebirge hatte sich im auf Wichs und Weltmacht besessenen Kaiserreich als Old Shatterhand mit dem Schmetterhieb verkauft, ja gar als ihrer aller Kara Ben Nemsi, als Karl, Sohn der Deutschen. Am deutschen Wesen mag die Welt genesen, hatte der Lübecker Dichter Emanuel Geibel 1861 schon formuliert, und May zeigte den Deutschen einen romantischen Gegenentwurf zur Kanonenbootpolitik des Kaisers auf: Der Deutsche schafft sich Eindruck mit Edelmut und Heldenhaftigkeit, und er schlägt nur zu, wenn‘s gar nicht anders geht.

Eine Legende entsteht. Nicht nur die Buben in ihren Matrosenanzügen saugen die Geschichten des Ich-Erzählers in sich auf; auch Erwachsene rufen hipp, hipp, hurra, wenn der Zug mit dem großen Abenteurer zur Lesung in den Bahnhof der eigenen Stadt rollt. Inzwischen kann er sich eine Villa in Radebeul bei Dresden leisten, und die staffiert er mit angeblichen Erinnerungsstücken aus, etwa heimlich bei einem Kötzschenbrodaer Büchsenmacher in Auftrag gegebenen Henrystutzen, dem Bärentöter, dem Silbernagelgewehr Winnetous, des edlen Wilden. Die Villa, ein frühes Neverland eines deutschen King of Pop.

Fasziniert vom Orient

Karl May prägt das deutsche Indianerbild, er bringt Worte wie Howgh, Manitu und Lasso, Effendi, Pascha und Wesir in die deutsche Allgemeinsprache. "Bei Allah, dieser Karl Ben May hat den Orient im Hirn und Herzen mehr verstanden als ein Heer heutiger Journalisten, Orientalisten und ähnlicher Idiotisten", schreibt Rafik Schami 1991 in "Der Rabe Nr. 31".

Der Orient fasziniert Karl May; er verschlingt die Reportagen großer deutscher Entdecker wie Heinrich Barth, die mit Turban und Kaftan auf unbekannten Karawanenwegen reisten. Vielleicht sind Karl Mays Orienterzählungen deswegen auch so viel überzeugender als seine Wildwestgeschichten: Der Orient ist seine Passion, der Orient ist die Passion des Deutschen Reiches zu dieser Zeit, da selbst der Kaiser an den Bosporus reist und der Hohen Pforte seine Aufwartung macht. Karl May ist Hochleistungsschreiber. Da kann man schon mal den Überblick über seine Heldentaten und besonderen Fähigkeiten verlieren. Aber er geht offensiv damit um. Eine bayerische Zeitung druckt ohne Nachfrage seine Behauptung, er spreche rund 1200 Sprachen und Dialekte. Die Deutschen glauben ihm seine Parallelexistenzen, verlangen nach mehr, trauern in einem Tsunami von Leserbriefen um Winnetou oder den Orient-Hengst Rih, fragen Karl May um Rat.

Erste Kritiker, die Mays strahlendes Heldentum in Frage stellen, werden ausgebuht. Erst als bittere und erbitterte Gegner mehr und mehr Einzelheiten aus seinem Vorleben herauskramen, seine Verurteilungen, seine Gefängnisaufenthalte, schlägt alles um: May ist ein Aufschneider, ein Münchhausen, ein Schmutzfink, der die weiße Weste der Nation besudelt.

Vorwürfe und Kritik

May flüchtet. 1899 bricht er erstmals in den Orient auf, doch das Aufeinandertreffen der Realität mit seinen Traumwelten beschert ihm einen Nervenzusammenbruch. Die Vorwürfe werden, aus heutiger Sicht, absurd: Unter anderem wird beklagt, dass er als Protestant Marienkalendergeschichten schreibt.

Den ständigen Angriffen bleibt Karl May von 1899/1900 bis zu seinem Tod 1912 ausgesetzt, doch die Orientreise hat sein Werk verändert: Was er nun schreibt, nennt er "Vorbereitung" – allegorische Texte zu Gut und Böse, zu Krieg und Frieden, zu Leben und Tod. Angefangen hatte er mit Kolportageromanen, echten Groschenheftchen. Dem Vorwurf, er sei ein zwanghafter Lügner, begegnet er nun mit der Behauptung, all seine Werke seien symbolisch aufzufassen.

Ob symbolisch oder nicht: Winnetou, Old Shatterhand, Kara Ben Nemsi, Hadschi Halef Omar, Sam Hawkens und all die anderen Figuren aus Mays bunter Puppenkiste sind noch heute lebendig, wenn auch in der für viele nur noch als Arthur-Brauner-Abklatsch aus den Karl-May-Filmen der sechziger Jahre oder deren unvergesslichen Parodie "Der Schuh des Manitu" von Bully Herbig. Karl May, Hochstapler oder Held der Sehnsüchtigen: Er wurde in mehr als 40 Sprachen übersetzt; die Weltauflage liegt bei mehr als 200 Millionen Bänden. Und in ihm steckt mehr, wie mancher merkt, wenn er die grüngoldenen Bände aus Kindertagen wieder einmal in die Hand nimmt. Der Philosoph Ernst Bloch drückt es so aus: "Es gibt nur Karl May und Hegel – alles dazwischen ist eine unreine Mischung."

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30.03.2012
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