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Neuer Roman von Martin Walser: Ich bin, also bin ich

Kurz vor seinem 90. Geburtstag blickt Martin Walser, der Großschriftsteller vom Bodensee, in seinem vielleicht letzten Buch altersweise auf sein Leben zurück.
Die Denkerpose steht ihm gut: Martin Walser ist in seinen Werken immer gerne um sich selbst gekreist. In seinem neuen Roman „Statt etwas oder Der letzte Rank“ gibt sich der Schriftsteller ebenso selbstkritisch wie egomanisch. Foto: Felix Kästle (dpa) Die Denkerpose steht ihm gut: Martin Walser ist in seinen Werken immer gerne um sich selbst gekreist. In seinem neuen Roman „Statt etwas oder Der letzte Rank“ gibt sich der Schriftsteller ebenso selbstkritisch wie egomanisch.

Ein Mann jongliert mit drei Bällen. Er weiß, wenn er aufhören würde, fallen die Bälle, fällt auch er. Ohne Jonglieren kann er dieses Leben nicht aushalten. Doch kann er das Jonglieren auch nicht ewig fortsetzen. Längst tut ihm alles weh. Trotzdem hofft er noch. Worauf? Dass ihm ein vierter Ball zugeworfen wird, so zugeworfen, dass er die drei anderen fallen lassen könnte. Seine Sehnsucht ist zu spielen. „Schönstens und endlos.“

Dieses Bild aus Martin Walsers neuem Roman „Statt etwas oder Der letzte Rank“ trifft es ganz gut. Im März wird der Großschriftsteller vom Bodensee 90 Jahre alt. Trotzdem ist er so produktiv wie nie. Was hat einem dieser Mann mit seinen sonderlichen Altersromanen in den vergangenen Jahren zugemutet! Mit seiner unsagbaren (Selbst-)„Inszenierung“ eines „Muttersohnes“ und „Sterbenden Mannes“ in mehr als „dreizehn Kapiteln“. Schreiben war da manches mal Selbstzweck und bereitete dem Autor mehr Freude als dem Leser. Aber wer wollte es ihm verdenken?

Kehrtwende im Alter

Der neue Roman ist anders. Endlich wieder ein gutes Buch von Martin Walser! Es erinnert an den Abschluss seiner faszinierenden „Meßmer-Trilogie“ vor vier Jahren, der ein Lichtstreifen am Horizont der späten Jahre war. Noch einmal vollzieht hier einer die Kehrtwende, erfindet sich im hohen Alter neu. Sollte es das letzte Buch sein, dass Martin Walser schreibt, es wäre ein würdiger Abschied.

Hier dekonstruiert sich ein Schriftsteller, versteckt sich hinter schonungsloser Offenheit, spielt mit seinen Identitäten und hält ein Zwiegespräch mit sich selbst. Immerzu stellt sich die Frage, was Maske ist und was autobiografisch fundiert. Das erste Drittel, das von der Initiation eines Schriftstellers handelt, liest sich fast, als hätte es Peter Handke geschrieben. Wie sich da aus sich selbst heraus ein eigener Kosmos konstituiert, ist schon beeindruckend. Ganz auf der Höhe der Zeit. Sinnreich und sprachgewaltig blickt da einer zurück, der kein Blatt mehr vor den Mund nehmen muss, die Narrenfreiheit im Alter voll auskostet. Als junger Mensch getrieben von der „Erzverführung“, etwas genau wissen zu wollen, seien die „Verführungsfeuerwerke der Theorien“ mittlerweile erloschen, schreibt er. Nichts spreche mehr gegen Wunder. „Zu träumen genügt.“ Sätze wie diese sind der Schlüssel zur Poetologie von Walsers wunderlichem Spätwerk.

„Kreisrundes Gefängnis“

„Eine erdachte Schwerelosigkeit. Ich lebte, soweit ich lebte, von Erdachtem“, heißt es einmal. Das ganze Leben lang habe ihm etwas gefehlt. Jetzt warte er auf nichts mehr, starre die Wand an und vermisse nichts. Schon als Kind habe er angefangen, alles, was ihm passiert sei, aufzuschreiben. „Dadurch bemerkte ich, dass ich mich in einem kreisrunden Gefängnis befand.“ Schnell habe er festgestellt, wie die Sprache ihn in die Routine geführt habe. „Meine Fluchtversuche: Einbildungen! Meine Rettungsbewegung: reine Lyrik.“ Haltlos habe er sich auf dem Papier festhalten müssen, weil „er“ nirgends sonst möglich gewesen wäre. Pein und Moral waren ihm fremd, Gegner und Feinde egal. „Ich habe mich in jahrzehntelanger Anstrengung aus der Erreichbarkeit entfernt. Jahrzehntelang aber mit Lichtgeschwindigkeit . . . Ich bin allem und allen entkommen. Mir nicht! NOCH nicht. Das kommt noch. O Utopie! Du Unauslöschbare.“

Selbstironisch rechnet Walser mit den Kritikern ab, die seine Bücher, wie sie vorgeben, nur noch lesen, weil sie hoffen, es sei endlich mal wieder ein gutes dabei. In Wahrheit aber wollen sie sich mit ihren Verrissen nur selbst profilieren. Das liest sich gut. Der Ton, den Martin Walser dabei anstimmt, ist nie bösartig, immer versöhnlich, wie das schon in seinen letzten Essays der Fall war. Altersmilde möchte man fast sagen.

Mit Nietzsche und Hegel rüstete er sich für die Welt. Mehr Trost aber fand er bei den Frauen, die er einfach lieben muss („Ich liebe alle Frauen der Welt“). Das ganze „Treue-Brimborium“ hält er dabei nur für die „kulturelle Verbrämung einer barbarischen Strafroutine“, der er entgegenhält: „Es wird doch wohl auf dem Papier etwas anderes passieren dürfen als in der Wirklichkeit.“ Walser lässt es noch einmal krachen, lebt seine Fantasien aus, kennt keine Hemmung. Nachdem er sich als Schriftsteller die völlige Freiheit selbst erkämpft hat, verfällt der Mittelteil des neuen Buches mit seinen skurrilen Geschichten und all den umschmeichelten Damen, die man aus Walsers letzten Romanen kennt, wieder in alte Muster. Ähnlich wie Botho Strauß in seinem jüngsten Buch „Oniritti Höhlenbilder“ wird sich Walser selbst zur Bühne. Mal zitiert er sein eigenes Werk, lässt Figuren aus seinen Büchern auf- und abtreten, mal erfindet er eine völlig neue Geschichte. Sein Einfallsreichtum scheint keine Grenzen zu kennen.

Zentrum der Schöpfung

Am Ende aber kommt er immer wieder bei sich selbst an. „Ich wollte mir nicht verlorengehen“, schreibt er und gibt sich ebenso selbstkritisch wie egomanisch. „Jeder hängt an sich. Also ich auch.“ Martin Walser gibt sich als Zentrum der Schöpfung und erfährt dadurch, eitel wie er ist, eine gewisse Rechtfertigung. „Ich bin, also bin ich“, konstatiert er zum Schluss ganz mit sich selbst im Reinen. Wie er das tut, hat durchaus etwas von Altersweisheit.

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