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„Imagine Reality“ –: Ich sehe was, was du nicht siehst

Von Eine Schau, viele Orte: Die Künstler stellen aus im Frankfurter MMK, im Museum für angewandte Kunst, im Fotografie-Forum und vielen anderen Institutionen.
So beschaulich, diese Landschaft, so melancholisch die kahlen Bäume. Doch Hilfe, wo kommt diese Hand her: Hans Op de Beeck, »Staging Silence (2)«, 2013. Bilder > So beschaulich, diese Landschaft, so melancholisch die kahlen Bäume. Doch Hilfe, wo kommt diese Hand her: Hans Op de Beeck, »Staging Silence (2)«, 2013.
Träume, nicht nur schön: Cristina De Middel, »This Is What Hatred Did«. Bild-Zoom
Träume, nicht nur schön: Cristina De Middel, »This Is What Hatred Did«.

Ein paar Leute beobachten einen Überfall – und schildern den Hergang völlig unterschiedlich. Die Polizei muss ermitteln, was wirklich geschah. Wie kann das sein?

Menschen werden gebeten, die Pässe bei einem Basketballspiel zu zählen – fast alle kommen zu einem richtigen Ergebnis, übersehen aber, dass während des Spiels ein Gorilla durchs Bild läuft. Die Psychologen Christopher Chabris und Daniel Simons haben über ihr erstaunliches Experiment ein Buch geschrieben („The invisible Gorilla“). Was nehmen wir wahr? Offenbar nicht, was wir sehen, sondern eher, was wir sehen wollen oder sollen.

Es sind solche Fragen, mit denen sich „Ray 2015“ beschäftigt, und das allein ist schon erstaunlich. Denn war es nicht die Fotografie, die vor grob 150 Jahren angetreten war, den Siegeszug über die Malerei anzutreten, weil sie alles so darzustellen vermochte, wie es wirklich war? Weil sie unverstellt festhielt, was Realität war, während die Maler so leicht beschönigen und manipulieren konnten? Nun, im 21. Jahrhundert, der Hoch-Zeit der Bilder, in der jeder jederzeit alles festhalten kann, was er mag, in der das Selfie erfunden wurde und nicht wenige ihr Leben als eine Aneinanderreihung glücklicher Schnappschüsse erfahren, die dann umgehend auf Instagram oder anderen Plattformen gepostet werden – in einer Zeit also, in der Bilder eine Beglaubigungskraft erfahren, wie sie ihnen nie zuvor zukam, kommen ausgerechnet die Fotografie-Künstler: und stellen alles in Frage!

 

Alles zerfließt

 

Körperteile aus dem Nichts: Klaus Elle, „Erleuchungen“, 1986–99. Bild-Zoom
Körperteile aus dem Nichts: Klaus Elle, „Erleuchungen“, 1986–99.

Zum Beispiel Jonas Dahlberg, geboren 1970 in Schweden: Wir sehen drei Bildschirme, jeder von ihnen zeigt ein Zimmer mit Stuhl, Bett, Tisch und Schrank – durch ein Fenster fällt Licht. Doch dann sehen wir, wie sich dieses Zimmer verändert, zunächst fast unmerklich. Doch schließlich, nach 20 Minuten, ist nichts übrig, alles zerflossen. Die Filme geben keine Erklärung, man muss sie kennen: Zimmer und Möbel – alles ist aus Wachs und steht unter Wasser. Dieses Wasser wird langsam erhitzt. Das Wachs beginnt zu schmelzen. Nein, die Wahrheit ist wirklich nicht das, was wir zu sehen meinen!

Zum Beispiel Abelardo Morell, geboren 1948 in Kuba: Er fotografiert die Brooklyn-Bridge, wie man sie kennt. Doch halt, was sehen wir wirklich? Was sind das für irritierende Muster auf dem Bild, erdfarbene Schlieren, Zier- und Störfaktoren? Morell fotografiert mit einer Camera obscura, die das Bild auf den Erdboden vor ihm projiziert. Und diese Projektion nimmt er dann auf. Es sind übereinandergelagerte Bilder, die so entstehen, den festen Boden unter dem Fotografen und den luftigen Blick in die Weite miteinander verbindend.

Zum Beispiel Städelprofessor Simon Starling, geboren 1967 in England: Zwei amorphe silberglänzende Skulpturen füllen die Eingangshalle des MMK, ein bisschen erinnern sie an Jeff Koons oder Henry Moore. Der Ursprung dieser amorphen Spiegelfiguren sind Partikel aus einem Silbergelatine-Fotoabzug von 1875, der chinesische Wanderarbeiter beim Streik vor einer amerikanischen Fabrik zeigt. Starling hat diese Partikel herausgekratzt, eine Million Mal (!) vergrößern und das Ganze dann in China billig fertigen lassen – ein ziemlich vertrackter Kommentar zu Arbeiterrechten heute und vor 140 Jahren. Zum Beispiel Hans Op de Beeck, geboren 1969 in Belgien: In einem Video ersteht aus Sand, Zuckerstücken und anderen alltäglichen Utensilien eine Landschaft wie aus Zauberhand – was man durchaus wörtlich nehmen darf. Immer wieder greift eine Hand ins Bild, und die traumhafte Landschaftsillusion wird gestört, bis sie verschwindet und sich das Auge wieder in das Bild einschwingt.

Nichts, was wir sehen, ist so, wie wir glauben. Mit den Standorten Museum für Moderne Kunst, Museum für angewandte Kunst und Fotografie-Forum Frankfurt ist die Ausstellung schon groß: Mit den zahlreichen „Partnerprojekten“, darunter der Frankfurter Kunstverein, die Opelvillen in Rüsselsheim, das Landesmuseum Darmstadt und das Hofheimer Stadtmuseum, wird die Region mit der zweiten Auflage von „Ray“ nach 2012 zu einem unübersehbaren Fotografie-Schwerpunkt in Deutschland.

 

Den Augen nicht glauben!

 

Bis zum 20. September kann man sich jetzt diesseits und jenseits des Mains in avancierten, überraschenden und oft ausgesprochen unterhaltsamen Positionen anregen lassen, über das Sehen nachzudenken. „Ich weiß, dass ich nichts weiß“, ist eine Weisheit, die in der Antike dem weisen Sokrates zugeschrieben wurde. Ich sehe, dass ich nichts sehe, können die bildüberfluteten Gegenwartsmenschen dem nun zweieinhalbtausend Jahre später hinzufügen. Dies ist gewiss.

Und doch sind wir alle angewiesen auf Bilder, formen uns unsere Welt mit jeder Sekunde neu aus dem, was wir sehen und den Schlüssen, die wir daraus meinen, ziehen zu dürfen. Und so schmal der Spalt, durch den Erkenntnis uns anblitzt, so brüchig der optische Grund, auf dem wir Verständigung suchen, auch sein mag: Es ist doch besser, um unsere eigene Betrügbarkeit zu wissen, als den Bildern ahnungslos auf den Leim zu gehen. Diese Erkenntnis erlöst uns nicht vom Irrtum, denn auf die Bilder bleiben wir angewiesen. Aber sie lässt uns die Welt doch vorsichtiger deuten, lässt uns argwöhnischer werden vor den Lügen und Verführungsangeboten, die uns tagtäglich umspülen – und was kann Kunst besseres leisten?

 

„Imagine Reality – Ray Fotografieprojekte Frankfurt / Rhein-Main. Bis 20. September, MMK, Domstraße 10, MAK, Schaumainkai 17, Fotografie-Forum Frankfurt, Braubachstraße 30–32 und andere Standorte.
Eintritt 12 Euro, Katalog 25 Euro. Telefon (069) 21 23 04 47. Internet www.ray2015.de

 

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