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Ausstellung: Ikonenmuseum zeigt Radierungen aus der berühmten Chagall-Bibel

Von Passend zum Gastland Frankreich der diesjährigen Buchmesse stellt das Frankfurter Ikonenmuseum alttestamentliche Szenen aus der Chagall-Bibel entsprechenden Darstellungen der Ikonenkunst gegenüber.
In roten Farben zeigt diese russische Ikone aus dem 17. Jahrhundert (Ausschnitt) die feurige Himmelfahrt des Propheten Elias. Abbildung: Museum, Leihgabe aus Privatbesitz Bilder > In roten Farben zeigt diese russische Ikone aus dem 17. Jahrhundert (Ausschnitt) die feurige Himmelfahrt des Propheten Elias. Abbildung: Museum, Leihgabe aus Privatbesitz

Als Abraham drei Männer empfängt, die ihm die Geburt eines Sohnes durch seine hochbetagte Ehefrau Sarah verkünden, erfährt sein Leben noch einmal eine entscheidende Wendung. Doch wer sind die drei eigentlich? In der klassischen Ikonografie sind es Engel, was auf einer großflächigen russischen Ikone aus dem 16. Jahrhundert im Frankfurter Ikonenmuseum deutlich wird. Auch Marc Chagall lässt an dieser Sichtweise keine Zweifel. Im Gegenteil: Er malt sie von hinten, so dass die schweren Flügel besonders ausdrucksstark hervortreten.

„In dieser Sichtweise stehen die drei Engel für die Dreieinigkeit Gottes“, erklärt der Leiter des Ikonenmuseums Richard Zacharuk. Dass der französische Maler Marc Chagall Zugang zur orthodoxen Ikonografie hat, scheint nur auf den ersten Blick verwunderlich: Denn Chagall war russisch-jüdischer Herkunft, wurde 1887 als Moische Chazkelewitsch Schagalow in Witebsk (heute Weißrussland) geboren und fand ab 1910 in Frankreich seine neue Heimat. 1931 erhielt er vom Verleger Ambroise Vollard den Auftrag, das Alte Testament zu illustrieren.

Jüdische Tradition

Nun zeigt das Ikonenmuseum zur Buchmesse in der Ausstellung „Chagalls Propheten. Die Chagall-Bibel und Ikonen“ bis 8. November eine Auswahl von 31 Radierungen aus dem Besitz des Offenbacher Klingspor-Museums. Wobei die schwarz-weißen Drucke eher schwermütig wirkende biblische Gestalten in ihrer historischen Umgebung zeigen, die anders als Chagalls bunte Bilder und Glasmalereien zunächst wenig mit der Leichtigkeit dahinschwebender und fliegender Figuren zu tun haben.

Besonders authentisch tritt in den Radierungen der Bezug zur jüdischen Tradition des Alten Testaments hervor: Um sich einen eigenen persönlichen Eindruck von den biblischen Landschaften zu verschaffen, reiste Chagall sogar eigens nach Palästina und Syrien, bevor er 1931 mit der Arbeit an der Illustration der Bibel begann.

Zunächst erstellte Chagall Gouachen, später Radierungen. Der Zyklus folgte keinem festgelegten Bildprogramm, aber Chagall konzentrierte sich auf Szenen, die für die jüdische Religion besonders wichtig waren. In der Darstellung der Engel folgte er der christlichen Tradition, die hebräischen Buchstaben in der Abbildung eines Dornbuschs erklären sich durch das jüdische Verbot, Gott im Bild darzustellen.

An die jüdische Tradition klingt auch Chagalls Interpretation des letzten Abendmahls Christi als Sättigungsmahlzeit mit Pessachlamm an, das an ein Altarrelief mit ähnlichem Motiv im nördlichen Querhaus des Frankfurter Doms erinnert. Doch die orthodoxe Ikonografie, in der eher die Wandlung mit Brot und Hostie in den Vordergrund tritt, hat mit der ausgiebigen jüdischen Mahlzeit an Gründonnerstag wenig gemeinsam.

Mächtiger Engel

In einer anderen Illustration ist Abraham zu sehen, als er mit dem Messer Hand an seinen auf dem Altar dahingestreckten Sohn anlegen will – was ein mächtiger Engel im letzten Moment verhindert. Eine russische Ikone aus dem 18. Jahrhundert zeigt hingegen Abraham und Isaak einträchtig in der jenseitigen Welt vereint. Ein weiteres typisches Motiv der orthodoxen Ikonenkunst ist die Himmelfahrt des Propheten Elias: Chagall zeigt in zwei Illustrationen, wie Elias’ Zunge von einem Engel berührt wird und wie der Wagen mit seinen Rossen in den Himmel entrückt wird.

Die genannten Abbildungen zeigen klare Bezüge zum Neuen Testament: Dass die hochbetagte Sarah noch einen Sohn zur Welt bringen kann, ist ebenso ein Wunder wie Jesu Geburt durch die Jungfrau Maria. Die Opferung Isaaks und die Himmelfahrt Elias erinnern folgerichtig an den Kreuzestod und die Himmelfahrt des christlichen Erlösers, der zu Lebzeiten von vielen seiner Anhänger als Wiederkehrer eines alttestamentlichen Propheten betrachtet wurde.

Bedingt durch den Tod Vollards und Chagalls Exil in den USA nach dem deutschen Einmarsch in Frankreich sollte die Vollendung über 20 Jahre dauern. Der Künstler arbeitete zunächst von 1931 bis 1939 an dem Zyklus, bevor er wegen seiner jüdischen Herkunft vor den Nazis aus Paris fliehen musste. Chagall fand Exil in den Vereinigten Staaten und konnte den Zyklus erst nach seiner Rückkehr nach Frankreich von 1952 bis 1956 vervollständigen.

Dass selbst die Engel ihre schweren Schwingen eher herabhängen lassen, als sich schwerelos mit ihnen zu erheben, ist sowohl der Thematik als der Radiertechnik geschuldet, die weniger Freiheiten bietet als der leichte, beschwingte Pinselstrich. Nur eine Szene mit den vier Evangelisten, die die vier Evangelisten nach einer Vision des Propheten Ezechiel in Gestalt von Adler, Löwe, Mensch und Stier zeigt, lässt dann doch jene leichten Flügel erahnen, wie man sie von den eher schwerelosen Wesen des Künstlers kennt.

Ikonenmuseum Frankfurt

Brückenstraße 3–7. Bis 8. November, geöffnet Di–So 10 bis 17 Uhr,
Mi 10 bis 20 Uhr. Eintritt 4 Euro. Telefon (069) 21 23 62 62. Internet www.ikonenmuseumfrankfurt.de

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