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Oper Frankfurt: Im Holznachen schippert der Außenseiter dem Tod entgegen

Dieser Wurf an der Oper Frankfurt trifft ins Schwarze: Wer die „Peter-Grimes“-Premiere gesehen und psychisch überstanden hat, weiß spätestens jetzt, woraus Albträume gemacht sind.
Ausgestoßen und am Ende: Der Fischer Peter Grimes (Vincent Wolfsteiner) hat nichts mehr zu verlieren. Ausgestoßen und am Ende: Der Fischer Peter Grimes (Vincent Wolfsteiner) hat nichts mehr zu verlieren.

Benjamin Brittens düstere Oper „Peter Grimes“ packt von der ersten bis zu letzten Minute und drückt den Zuschauer als existenzielles „Arme-Leut’“-Stück nach Büchner-Manier in die Sitze. Im grellen Fokus zeigt es, wie der verschrobene Außenseiter Peter Grimes den Kampf gegen die Vorurteile der Gesellschaft verliert und schuldlos schuldig wird: Dabei lässt Regisseur Keith Warner bewusst offen, wie genau und weshalb in seiner Obhut unter mysteriösen Umständen zwei kleine Lehrjungen gestorben sind. Allen voran überzeugt Vincent Wolfsteiner in der Titelpartie. Was ist er doch für ein ungewöhnlicher Sängerdarsteller! Die Art und Weise, wie er sein Rollendebüt als bemitleidenswerter Underdog bewältigt, will einem nicht mehr aus dem Kopf: Wie er die verwundete Seele dieses Fischers nach außen kehrt, wie er in seiner entrückten Einsamkeit verharrt, wie er mit seiner stimmlichen Ausdruckspalette hantiert, bis der ganze Bühnenhimmel voll trostloser Klangfarben hängt. Dabei hat er jede Menge Mut zu Hässlichkeit, zu stiller Innenschau und beinahe stummer Selbstaufgabe. Ihm gelingt das hypersensible Porträt einen Mannes, dessen Selbstmord am Schluss zu Tränen rührt. Weil es wie in Trance geschieht, wie von Ferne gesteuert, wie einem geheimen inneren Schuldspruch folgend. Als sei er eine Romanfigur Franz Kafkas.

Hochdramatischer Chor

Doch die Liste der zu Lobenden ist lang und umfasst ohne Abstriche das vollständige Register aller Mitwirkenden: Keith Warners gestochen scharfe Personenregie, mit der er Grimes und dessen wenige Beschützer zusammenführt, seine Entfesselung des hochdramatischen Chors in immer neuen Pogrom-Horden bis hin zur Lynchjustiz, und seine klare Sicht, dass Grimes fahrlässig handelt, statt aktiv schuldig zu sein. All das eröffnet neue Horizonte der Interpretation und folgt der Suche nach unbedingter Wahrhaftigkeit.

Ashley Martin-Davis hat ihm dazu eine mächtige Meeresweite auf die Bühne gewuchtet, die sich auch tückisch in auswegloser Enge zusammenstauchen kann: Ganz in Schwarz, Grau und fahlem Weiß gehalten, drückt eine karge Himmelsplatte von oben auf das kleine Fischerdorf im Osten Englands. Rechts zerschneidet eine bewegliche Mole mit vielen Türen, ausklappbarem Galgen und filigraner Balustrade das Bühnenbild, die sich spektakulär einklappen lässt und im Nu zum fensterlosen Dorfpub mutiert. Besonders effektvoll kontrastieren dazu die Meereswogen, generös auf gigantische Stoffbahnen gemalt und bei Bedarf einfach mit bloßer Händekraft herunterziehbar. Einmal wickelt sich Peter Grimes schutzbedürftig in so einen blauen Stoff, als wolle er sich für immer im Schutz des künstlichen Nass verkriechen. Ebenso eindrücklich auch die den gesamten Raum einnehmende Mondscheibe, der Grimes bei seinem Freitod im Holznachen entgegenschippert.

Emotionaler Sog

Vor dieser bildmächtigen Kulisse kontrastieren die historisierenden Kostüme von Jon Morell mit ihren steilen Männerhüten, rüschig langen Kleidern und hochgereckten, spitzen Kampfutensilien, als seien es alte Scherenschnitte. Kurz: Die düsteren Welten, die Keith Warner und seine kreative Truppe auf die Bühne entfesseln, ergreifen als expressionistische Seelenkunst, die es mit dem emotionalen Sog eines Edvard Munch aufnehmen können.

Wie ein warme Kerze entfaltet sich in all dem Kummer die lyrische Schönheit von Sara Jakubiaks mitleidvollem Sopran als Lehrerin Ellen Orford. Lange wärmt auch der ausdrucksfeine Bariton von James Rutherford als gutmütiger Captain Balstrode die grausame Szene – bis auch er dem Freund ganz am Schluss die Loyalität versagt. Uneingeschränktes Lob gilt auch der packenden Ausdrucksschärfe des Frankfurter Opernchores. Wie Generalmusikdirektor Sebastian Weigle die letzten, fast geschrienen „Peter-Grimes“-Rufe der wild an der Rampe stehenden Meute dirigiert, zerschneidet wie herabfallende Messerstiche die gebannte Aufmerksamkeit. Prächtig aufwallend lässt er Brittens „Sea-Interludes“ glänzen und wogen, nimmt seine präzisen Musiker aber immer zurück, damit Grimes und Ellen ihre lyrischen Passagen unangestrengt ins Halbrund entsenden können. Iurii Samoilov bleibt als zweifelhafter Apotheker Ned Keene ebenso im Gedächtnis haften, wie Hedwig Fassbender als opiumsüchtige Mrs. Sedley, Peter Marsh als Reverend Horace Adams und die fulminant in Frankfurt debütierende Jane Henschel in der Rolle der mütterlichen Pub-Besitzerin Auntie.

Einhelliger Jubel für alle Künstler auf und hinter der Bühne beschließt diesen Abend der meisterlichen Ekstase.

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