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Im Schatten des Königs

Ton Steine Scherben waren in den 70er Jahren die Stimme der Revolte. Ihr toter Sänger Rio Reiser wird bis heute verehrt. Die anderen sind fast vergessen - auch der Gitarrist Lanrue. Dabei hat er viel zu erzählen. Etwa über Songs, die seit Jahrzehnten in seiner Schublade schlummern.
Lanrue, Gitarrist der Band Ton Steine Scherben, mit Instrument und Hut. Foto: Christophe Gateau Lanrue, Gitarrist der Band Ton Steine Scherben, mit Instrument und Hut.
Berlin. 

Einmal dachte Lanrue, er sterbe. Es war Nacht und die Mitglieder von Ton Steine Scherben, deren Gitarrist er war, lagen nackt in ihren Betten. Die Polizei stürmte die Wohngemeinschaft in Berlin-Kreuzberg, Tempelhofer Ufer 32.

„Dann mussten wir uns an die Wand stellen”, erinnert er sich. „Die hatten gezogene Maschinengewehre dabei. Und dann beschimpft Rio plötzlich einen von denen: „Du Schwein.” Da dachte ich echt, es knallt.”

Eine Geschichte über Lanrue ist immer auch eine Geschichte über Rio Reiser. Lanrue und Reiser - mit bürgerlichen Namen Ralph Peter Steitz und Ralph Christian Möbius - das waren die kreativen Köpfe hinter Ton Steine Scherben. Jener Band, deren Musik bis heute als Soundtrack der politischen Linken gefeiert wird.

Rio schrieb die meisten Texte, Lanrue einen Großteil der Musik. Zwei, die zur musikalischen Einheit wurden, um Hymnen wie „Keine Macht für niemand” und „Halt dich an deiner Liebe fest” zu kreieren. Zwei, die aber in der Öffentlichkeit immer nur einen Namen hatten: Rio Reiser. Während der eine nach seinem Tod mit Preisen, Straßen, die seinen Namen tragen, Theaterstücken und Denkmälern geehrt wird, bleibt es um den anderen still.

Lanrue kann durch die Straßen von Kreuzberg laufen und niemand erkennt ihn. Im Trixx, einem Tonstudio am Moritzplatz, improvisiert er auf einer Gibson ein paar Takte Blues. Er spiele nicht mehr so oft Gitarre, sagt er. Später wird er immer wieder die Kellertreppen aus dem Studio in den verwitterten Hinterhof hochsteigen, um Pausen von der Unterhaltung zu machen. Bevor er von einem nie veröffentlichten Debütalbum erzählt, das er mit Reiser vor dessen Tod aufgenommen hat, werden noch einige Zigaretten verglühen. Zum Gitarrenspielen muss er sich inzwischen manchmal zwingen, zum Sprechen auch.

Die Geschichte der Band spricht für sich. „Reißen wir die Mauern ein, die uns trennen. Kommt zusammen, Leute, lernt euch kennen”, singt Reiser 1972. Da war das zweite Album der Scherben, wie sie genannt wurden, gerade erschienen, und in West-Berlin tobte der Straßenkampf. Die Hausbesetzer gegen die Polizei und die Scherben mittendrin. Sie schliefen auf Matratzen im besetzten Bethanien, einem ehemaligen Krankenhaus in Kreuzberg, das 1970 stillgelegt wurde und heute künstlerische und soziale Einrichtungen beherbergt.

15 Jahre Bandgeschichte, fünf Alben. 1975 ziehen die Scherben aus Kreuzberg in einen baufälligen Hof in das nordfriesische Dorf Fresenhagen. Flucht aus dem Trubel, aber auch vor der Linken, von denen sich die Band immer mehr vereinnahmt fühlte. „Wir wurden nicht als normale Band behandelt”, erzählt Lanrue. Gespielt wurde für einen Solidaritätspreis, Gewinne gab es nicht.

In Nordfriesland bekommen die Scherben nur ein paar Bauern zu Gesicht. Das Reetdach ihres Hofs zerfleddert, schlafen sie erst einmal im Heu. Hier schreibt die Band 1981 „Vier”, ein großes Album, das kaum einer kennt. Per Auslosung bestimmen die Bandmitglieder, wer zu den einzelnen Songs die Musik und die Texte schreibt. Die Parolen sind jetzt Vergangenheit. Es ist Lanrues Lieblingswerk.

Auch Kai Sichtermann, der Bassist, und der Schlagzeuger Funky komponieren für das Album. „Klar war Rio als Frontmann immer besonders im Fokus”, erzählt Sichtermann heute. Nach Reisers Solokarriere und seinem Tod sei die Band aber in den Hintergrund getreten. „Und ich weiß nicht, ob das im Sinne von Rio ist, denn es war besonders für ihn wichtig, dass wir als Musik-Kommune zusammen gelebt haben. „Zusammen leben, zusammen arbeiten”, war ein Lieblingszitat von Rio. Oder, um es mit Aristoteles zu sagen: Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.”

1982 kehrte die Band von einer Tour mit 200 000 Mark Schulden zurück. 1985 folgt die Trennung. Immer mehr Leute ziehen aus der Kommune in Fresenhagen aus. Waren es am Anfang noch 16 Leute, lebten 1996 nur noch Lanrue, Reiser und dessen damaliger Freund auf dem Hof.

DAS DEBÜTALBUM VON LANRUE, DAS NIE ERSCHIENEN IST

Das Ende der Scherben war für Reiser der Anfang des Erfolgs. Sechs Soloalben brachte er heraus, nicht nur die berühmte Single „König von Deutschland” landete in den Charts. Lanrue spielte auf manchen Stücken mit. „Ich hatte alle seine Texte, er hatte alle meine Demos. Und dann hatten wir einen Deal: Dass ich auf seiner ersten Platte fünf Songs spiele und dass er auf meiner Soloplatte fünf Songs singt. Wir sind jeden Tag ins Studio und haben 18 Pilotspuren für mein Album aufgenommen.”

Die Konzepte für die Songs standen, auch Reisers Gesang hatten die beiden teilweise schon aufgenommen. Lanrue zeigte George Glueck, Reisers damaligem Manager, einen der Songs: „Ja ja nee nee”. Doch Glueck machte die beiden darauf aufmerksam, dass Reiser gar nicht an Lanrues Album arbeiten dürfe: Er hatte einen Exklusivvertrag beim Label CBS, andere Projekte waren verboten.

1996 stirbt Reiser an Herz-Kreislauf-Versagen. Wenige Tage vorher hatten die beiden Reisers Rückkehr zur „David Volksmund Produktion” beschlossen, dem unabhängigen Label der Scherben. Auch sein erstes Soloalbum habe er mit Reiser endlich angehen wollen, erzählt Lanrue.

Wie funktioniert Trauer? Für Lanrue hieß der Weg Portugal. Dort wohnt er zehn Jahre lang auf einem Anwesen und lebt seinen Erzählungen nach vom Verkauf der Zitronen, die dort wachsen. 2004 wird das Haus bei einem Waldbrand zerstört, er zieht in einen Wohnwagen.

Reiser hinterlässt seinen beiden Brüdern die Hälfte des Hofs in Fresenhagen, der ihm und Lanrue gehörte. Dieser verkauft seinen Teil an die Brüder. Sie nennen es „Rio-Reiser-Haus” und eröffnen ein Museum. 2014 verkaufen sie das Haus an ein Ehepaar, das die Zimmer für 98 bis 115 Euro die Nacht auf Airbnb anbietet: Sie heißen „Herzverloren” oder „Zauberland”. Das Reetdach hat nun keine Löcher mehr.

Auch da, wo Lanrue heute wohnt, gibt es ziemlich viele Airbnb-Zimmer. Kreuzberg, Ecke Bergmannstraße. Touristen trinken Matcha Latte, in einer Markthalle reihen sich neun Feinkoststände und ein veganer Supermarkt aneinander - und dazwischen Lanrue.

Inzwischen ist er 68 Jahre alt. Manchmal macht er mit ein paar ehemaligen Scherben-Mitgliedern und deren Kindern Musik. 2014 gab es eine Reunion-Tour. Sichtermann und Funky touren aktuell mit Akustik-Versionen der Scherben-Songs durchs Land. Lanrue ist nicht dabei. Auch neue Songs schreibe er nicht, sagt er. Doch die Aufnahmen mit den 18 Demos liegen noch immer in einer seiner Schubladen.

(Von Lisa Forster (Text) und Christophe Gateau (Foto), dpa)
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