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Im Sog der Einsamkeit

In loser Folge stellen wir in einer Serie junge deutsche Schriftsteller vor, die man unbedingt lesen sollte und von denen noch viel zu erwarten ist. Diesmal: Roman Ehrlich.
Roman Ehrlich las in Klagenfurt beim diesjährigen Bachmann-Wettbewerb.	Foto: Johannes Puch Roman Ehrlich las in Klagenfurt beim diesjährigen Bachmann-Wettbewerb. Foto: Johannes Puch

Beim diesjährigen Wettlesen des Ingeborg-Bachmann-Preises in Klagenfurt stellte der junge Schriftsteller Roman Ehrlich ein Kapitel aus seinem Debüt-Roman „Das kalte Jahr“ vor. Mit schwarzem Hemd saß er an dem kleinen Pult, die Haare zerzaust, den Blick starr aufs Manuskript gerichtet.

Klar waren die Sätze, kühl - verstörend die Geschichte. Es ging in der knappen Lesung um eine Wanderung, ein sonderbares Kind und eine postapokalyptische Welt. Während Ehrlich den irritierenden Auszug las, mit fester Stimme und festem Blick, hatte man plötzlich eine Ahnung davon, wie die deutschsprachige Literatur der Zukunft klingen könnte. Und diese Ahnung bestätigt sich jetzt, da Ehrlichs Debütroman „Das kalte Jahr“ veröffentlicht ist.

Plötzlicher Aufbruch

Da lichtet sich der erzählerische Nebel: Gleich zu Beginn des Romans läuft ein junger Mann los, um zu seinem Elternhaus zurückzukehren. Er ist der Stadt überdrüssig: „Es war kein lange vorher gefasster Entschluss. Ich konnte einfach plötzlich nicht mehr in meiner Wohnung bleiben, in meiner Straße, dem Viertel (…) mit dem kleinen Supermarkt auf der einen und dem großen Supermarkt auf der anderen Straßenseite.“ Und so macht er sich auf, wandert durch das eingeschneite Deutschland, an Autobahnen entlang, an Jauchegruben und Möbelhäusern vorbei. Irgendwann kommt er an in dem kleinen Dorf am Meer, in dem er aufgewachsen ist. Die Eltern sind verschwunden, dafür ist ein Junge da, der ihm Eintritt ins Haus gewährt. Der Mann und der Junge arrangieren sich: Der Junge bastelt in seinem Zimmer an einer geheimnisvollen Maschine, die Atombombe oder Zeitreisemaschine sein könnte, der Mann erzählt düstere Geschichten vom Weltuntergang und von Auswanderern. Bald nimmt der Protagonist einen Job in einem Elektronikfachhandel an und hat dabei nur eine einzige Aufgabe: Er muss den ganzen Tag Fernsehen schauen, für die Dorfbevölkerung alle wichtigen Informationen bündeln und auf Videokassetten aufzeichnen.

Von da an bricht ein exzessiver Nachrichten-Wahn in den Roman ein: Geschichten werden angerissen, skizziert, Informationen ausgestreut. Dabei spielt es keine Rolle, welche dieser vielen Erzählungen wahr oder fiktiv ist. Sie fügen sich wie zu einer großen Allegorie. In Ehrlichs Debüt-Roman dreht sich alles um die Notwendigkeit von Zerstörung und Neuaufbau. Es geht um die Einsamkeit des Menschen, um seine Ziel- und Orientierungslosigkeit.

Unheimliche Stimmung

Beklemmend ist die Atmosphäre in dieser beunruhigenden Welt kurz nach dem Zusammenbruch. Ehrlich gelingt es, eine zunehmend unheimliche Stimmung zu erzeugen. Immer wieder tauchen Schwarz-Weiß-Fotografien im Text auf, als ob Fiktion und Realität im Roman zu verschwimmen scheinen. Man kennt diese Technik von W. G. Sebald und Alexander Kluge.

Doch wo diese Schriftsteller ihre Bildmontagen als Vehikel für politische Botschaften nutzen, sind die Fotografien in Ehrlichs Roman nur Bestandteile einer wirren Informationsflut, gleichsam Stroboskopblitze der Nichtigkeit. Das ist raffiniert ausgedacht, in einer poetischen, bisweilen ausgesuchten Sprache geschrieben, wenngleich das Lektorat hier und da doch einige Schnitzer hat durchgehen lassen.

Ehrlich, 1983 in Aichach geboren, hat am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig studiert. Schreiben ist für ihn Notwendigkeit: „Manchmal habe ich das Gefühl, das Schriftstellersein ist eine Art Rechtfertigung vor mir selbst, über meine Lebenszeit frei verfügen zu können.“ Aber was ist das für ein Roman? Vision? Utopie? „Ich bezeichne mein Buch nicht ausdrücklich als literarische Utopie, auch wenn darin utopische Vorstellungen als handlungstreibende Elemente vorkommen“, sagt Ehrlich. „Vielleicht ist alle Literatur utopisch - in dem Sinne, dass sich an ihr immer ein Mangel ablesen lässt. Und der verlangt ja wiederum seine Überwindung, selbst wenn sie nie gelingt.“ In der Welt, die dieser Roman heraufbeschwört, sind der Mangel, ein Ungenügen, etwas Uneingelöstes stets gegenwärtig. So ist es doch eine Welt, wie wir sie kennen.

Roman Ehrlich: „Das kalte Jahr“, Dumont-Verlag, 240 Seiten, 19,99 Euro

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