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Im Warteraum Deutschland

Karim Mensy ist nur irgendeine Nummer in irgendwelchen Akten. Über sein Leben bestimmen andere. Bis er eines Tages aufbegehrt.
Floh einst aus dem Irak, lernte Deutsch und studierte Literatur und Philosophie in München und Potsdam: Schriftsteller Abbas Khider. Foto: Ursula Düren (dpa) Floh einst aus dem Irak, lernte Deutsch und studierte Literatur und Philosophie in München und Potsdam: Schriftsteller Abbas Khider.

Nun ist seine Stunde gekommen. Jetzt endlich spricht er. Karim Mensy, ein irakischer Flüchtling, erteilt sich selbst das Wort. Bisher haben immer nur andere über ihn gesprochen und entschieden. Menschen wie Frau Schulz, die über seinen Asylantrag befindet und so bestimmt, „auf welche Weise ich existieren darf oder soll“.

Doch Frau Schulz, die Göttin, sitzt jetzt hilflos und wie ein Paket verschnürt in ihrem schwarzen Lederstuhl und muss sich anhören, was der „Asylant 3873 oder so“ zu sagen hat, er, der immer nur eine Nummer für sie war: „Aber wie ein mythischer Held habe ich mich erhoben und den Olymp gestürmt.“ Frau Schulz, die Allmächtige, ist nun eine gefallene Göttin.

„Ohrfeige“, der neue Roman von Abbas Khider, gibt denen eine Stimme, über die gerade so unendlich viel geredet wird, die aber nur selten selbst zu Wort kommen. Denn der Roman ist ausschließlich aus der Perspektive eines Flüchtlings geschrieben: Es ist die Wutrede eines Menschen, der auf der Suche nach einem besseren Leben nach Europa gekommen ist und sich dort verliert. Er scheitert daran, dass er ausgeschlossen ist, er scheitert an Gleichgültigkeit und einer undurchsichtigen, absurden Bürokratie. Abbas Khider (42) weiß, wie sich das Leben als Flüchtling anfühlt. Denn der gebürtige Iraker verließ sein Land, nachdem er im Gefängnis gefoltert worden war. Nach einer Odyssee durch mehrere Staaten erhielt er im Jahr 2000 in Deutschland Asyl. Er lernte die deutsche Sprache und studierte Literatur und Philosophie. Seine Bücher verfasst er auf Deutsch. „Ohrfeige“ ist sein vierter Roman. Das Buch wurde schon vor dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise abgeschlossen. Es spielt vor gut 15 Jahren, ist also kein direktes Spiegelbild der jetzigen Situation. So besaßen Flüchtlinge damals noch keine Smartphones, die Kommunikation war mühselig.

Manche drehen durch

Was heute die Syrer sind, waren damals die Iraker, die vor Saddam Hussein flüchteten. Sie hatten eine hohe Anerkennungsquote, doch nach dem Zweiten Irakkrieg mussten viele Deutschland wieder verlassen. Auch der Romanheld Karim Mensy soll zurück in den Irak. Doch er beschließt, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.

Mittels eines Schleusers will er nach Finnland gehen. Aber zuvor hat er noch eine Rechnung zu begleichen. Karim Mensy ist kein Held. Er ist auch kein Intellektueller, ja nicht einmal ein politischer Flüchtling. Sein Fluchtgrund ist bizarr: Er leidet nämlich an Gynäkomastie. Als Jugendlicher wuchsen ihm Brüste, für die er sich schämt. Er fürchtete, beim Militär diskriminiert zu werden. Im Ausland wollte er sich deshalb operieren lassen, bis er dort erfuhr, dass ihn das ein Vermögen kosten würde. Nun versucht er, seine Brüste vor seiner russischen Freundin zu verbergen.

Karim und die anderen Asylanten führen im Warteraum Deutschland ein schizophrenes Leben. „Meine Tage vergingen langsam, als würde eine kosmische Macht die Zeit wie einen Pizzateig kneten und so dünn wie möglich ausrollen“, heißt es an einer Stelle. „Wir konnten nichts anderes tun als warten, und wurden von Tag zu Tag dämlicher.“ Flüchtlinge sind wie Zaungäste, vom echten Leben ausgeschlossen. Die Deutschen erscheinen ihnen als „Fabelwesen aus einem fernen Märchenland“. Kontakte gibt es kaum. Die Asylbewerber reagieren ganz unterschiedlich auf die bedrückende Situation: Einer findet sein Seelenheil in der Kochkunst, ein anderer wird streng religiös, ein dritter dreht durch. Karim hält seine Wutrede.

Trotz des ernsten Szenarios ist „Ohrfeige“ kein düsterer und schwerer Roman geworden. Khider beschreibt eine absurde und traurige Situation mit Wortwitz in einer ebenso knappen wie oft poetischen Sprache. Und trifft uns so mitten ins Herz.

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