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Theaterstück: Im afrikanischen Arbeitscamp herrscht der totale Zwang

Von Das Schauspiel Frankfurt übernahm vom Schauspielhaus Bochum Vontobels Regie „Kampf des Negers und der Hunde“ von Bernard-Marie Koltès.
Düsternis und ein Wirrwarr aus Kabel dominieren das Bühnenbild der Frankfurter Koltès-Inszenierung, in der Jana Schulz die Rolle des Alboury übernimmt. Foto: Arno Declair Düsternis und ein Wirrwarr aus Kabel dominieren das Bühnenbild der Frankfurter Koltès-Inszenierung, in der Jana Schulz die Rolle des Alboury übernimmt.

Es ist eine Inszenierung der sinnlichen Überzeugungskraft, schauspielerischen Brillanz und dramaturgischen Schlüssigkeit. Dieser „Kampf des Negers“ von Koltès ist anders: von zwingender Notwendigkeit und mit Figuren, die unter totalem Zwang zu verdrehter Freiheit finden.

Ein bewachtes Arbeitscamp, das auf Fabian Wendlings Bühne von acht blendend hohen, frontal und zaungleich gereihten Doppelscheinwerfern vor einem Urwald dicker Stromkabel signalisiert wird, schließt irgendwo in Afrika eine Baustelle von Europäern ein. Die steht vor der Schließung, denn es fließt kein Geld mehr: normaler Afro-Standard, wenn es nach Baustellenleiter Horn (gedrungen bis bullig, souverän: Werner Wölbern) im blütenweißen Anzug geht, vor allem aber nach seinem Ingenieur Cal (Max Mayer) im schmutzigen Overall.

An der Oberfläche unterscheiden sich Horn und Cal scharf. Horn ist in Afrika zum Beschwichtiger und Ablenker geworden, einer, der vom Unfall bis zum Mord mit Dollartarifen alles in Wohlgefallen auflöst oder für Afrika, den Problemkontinent wie Problembär, surreale Social-engineering-Lösungen austüftelt, etwa so, wie manche „freundliche“ Endlöser die Juden lieber nach Madagaskar schicken wollten. Cal dagegen ist im Stück und wird vollends bei Max Mayer zum durchgeknallten, neurotisch-mörderischen Gelegenheitskiller mit Verfolgungswahn, der alle Afrikaner hasst und zuletzt so lehmverschmiert wie Rambo auf Menschenjagd geht.

Böser Clown

In seiner exaltierten, extravertiert lauten Art, ja sogar im Äußeren hatte Mayer immer schon viel vom Filmkomödianten Jim Carrey. Jetzt als Cal treibt er das auf seine eigene Spitze wie ein grausig böser Clown. Aufbrausend, wie er ist, hat Cal wegen einer Nichtigkeit einen schwarzen Arbeiter, Albourys Bruder, erschossen, ihn überrollt und in die Latrine geworfen.

Für den Höhepunkt des Abends, knapp unterhalb der darstellerischen Offenbarung, sorgt Jana Schulz als Alboury. Alboury will nicht mehr, nicht weniger als die Leiche seines Bruders. Das ist nicht ganz „Antigone“ am Kongo, aber nicht weit weg davon. Koltès, das Programmheft kaut es durch (und steuert einen im Grunde selbstverachtenden Artikel eines Afrikaners über Afrika-Klischees bei), hatte vor seinem Aids-Tod 1989 verboten, seine schwarzen und arabischen Figuren je anders als mit Schwarzen und Arabern zu besetzen. Koltès’ Bruder hob das auf, sonst würden die Stücke zu selten gespielt. Jana Schulz nun ist ziemlich blank und macht sich beim Auftreten in schöner Paradoxie noch weißer: indem sie unter einer Art Tanzkrampf auf dem Boden landet und sich dort, wo man die von Cal krankhaft gefürchteten „afrikanischen Bakterien“ wähnt, mit weißer Kreidesauce Gesicht und Teile der Kleidung besudelt.

Statt Figurwerdung per Investitur also Inpellitur: Behäutung statt Bekleidung. Das aber so kreidebleich auf den schwarzen Kopf gestellt und ins Gegenteil verkehrt, wie Kulturen aller Welt die Anderwelt der Toten darstellen. Die weiße Darstellerin als Schwarzer ist der tote Anderwelt-Schwarze. Das trifft nicht schlecht das Bedrohliche, das Schulz ausstrahlt.

Schulz spielt unendliche Nuancen. Nicht, dass Vontobel sie damit allein ließe. Horns Verlobte Léone zum Beispiel ist in ihrer, also Luana Velis’ Art, so sehr braves Weibchen aus dem Kastenkoffer und im afrikanisch gemusterten Kleidchen (Kostüme: Tina Kloempken) so hilflos Gutmensch-fixiert auf den edlen Wilden Alboury, dass ihre Figurenanlage vor allem eines leistet: Schulz’ schwarz-weiße Mann-Frau per Kontrast zu steigern. Während Schulz wenig spricht, und wenn, dann meist abstrus ethno-weise Orakelsprüche wie „Es ist ehrenhafter, ein Löwe zu sein als eine Ziege“, ist ihre aufrecht-regungsarme Körperhaltung im Euro-Kostüm (in Schwarz: Weste, Hemd, Hose, zur Maske wendbare Mütze; barfuß) immer vorsichtig, abwartend, lauernd. Vor Cal hat man Angst: Alboury fürchtet man.

Ins Herz der Finsternis

Ihre abwartende Würde, die ominöse Singstimme mitten im Camp mit seinen abgewetzten Aluminiumstühlen und schmutzigen Kühltruhen, ist wunderbar zurückhaltend. Auch Hundebellen kommt von ihr, wenn sie im Schatten beim Cellisten Matthias Herrmann steht. Oder sie spielt mit Affengeräuschen auf europäischen Rassismus an, singt dann ihr jazzig-rauchiges Lied.

Ein Arsenal von Geräuschen verlautbart sie, als wolle sie Horns Final-Feuerwerk vorwegnehmen, und versteckt sich, vom pirschenden Cal verfolgt, im Kabel-Urwald am Kabelbaum, der das paradoxe Kolorit von Weltesche und Paradiesbaum ins Herz der Finsternis einschmuggelt. Sehr überzeugend.

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