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Immer auf der Flucht

Hervorragende Dirigenten auf dem Grünen Hügel, ein neuer „Ring“, den die einen für skandalös, die anderen für beliebig halten. Andreas Völlinger und Flavia Scuderi jedenfalls nehmen Wagner in ihrer Bildergeschichte ernst.
In der Gondel wird Wagners Leichnam durch Venedig gefahren. Bilder > In der Gondel wird Wagners Leichnam durch Venedig gefahren.

Es ist immer noch heiß in Bayreuth. Der Premierenzyklus ist vorbei. Jetzt wiederholt sich das Programm bis 28. August. Zeit zum Durchatmen, auch wenn im Festspielhaus spätestens zum zweiten Aufzug der Sauerstoff knapp wird. Aber wer hier sitzt und durchhält, der nimmt Richard Wagner ernst.

Bei den Regisseuren, die sich derzeit in Bayreuth an Wagner abarbeiten, darf man sich da nicht so sicher sein. Die respektlose Herangehensweise, mit der Frank Castorf den neuen „Ring“ inszeniert hat, zeigt seine Haltung: Vor dem Wagnerschen Mammutwerk geht einer wie Castorf nicht in die Knie. Er kippt Ideen und Assoziationen auf die Bühne, Verfremdungen und Brüche. Die eingefleischten Wagnerianer quittierten Castorfs Arbeit mit stürmischem Protest. Kultivierte Klassikliebhaber kauften sich sogar Trillerpfeifen, als seien sie empörte Fans einer abstiegsbedrohten Fußballmannschaft.

Ein Tausendsassa

Der Festspielleitung kann’s recht sein - es wird wieder kontrovers diskutiert in und über Bayreuth. Und musikalisch gibt es ja nichts zu mäkeln - im Gegenteil. Kirill Petrenko hatte als Debütant auf dem Grünen Hügel keinerlei Probleme, er fand zu seinem ganz eigenen, faszinierenden Klang. Damit macht er dem Bayreuther Hausdirigenten Christian Thielemann durchaus Konkurrenz.

Thielemann, der offiziell auch als musikalischer Berater der Chefinnen Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier firmiert, beschränkt sich in diesem Jahr darauf, den nur auf knapp zweieinhalb Stunden angesetzten „Fliegenden Holländer“ zu dirigieren. Da hat Petrenko mit seinen 15 Stunden „Ring“ deutlich mehr Präsenz im Graben, auch Axel Kober („Tannhäuser“) und Andris Nelsons („Lohengrin“) dürfen sich ausführlicher der Musik widmen.

Sebastian Baumgarten mit seinem umstrittenen „Tannhäuser“ nimmt Wagner nicht ernst. Die Deutung floppte deshalb schon im dritten Jahr. Zum Glück gibt es noch den „Lohengrin“. Diese 2010 erstmals vorgestellte Inszenierung von Hans Neuenfels lässt niemanden kalt, obwohl sie in der kühlen Atmosphäre eines Labors spielt. Klaus Florian Vogt in der Titelpartie wurde frenetisch gefeiert.

Revoluzzer und Antisemit

Ernst nehmen Richard Wagner auch Flavia Scuderi und Andreas Völlinger in ihrer Comic-Biografie. Was war er nicht alles, dieser Tausendsassa: Komponist zuallererst, Dichter, Dirigent, Kunsttheoretiker, aber auch Revolutionär und Staatsfeind, Opportunist und Antisemit, Vater, Mentor und Freund, Ehemann, Ehebrecher und Liebhaber, Paranoiker und Verschwender, Egozentriker und Selbstdarsteller. Und das ist noch lange nicht alles, was Andreas Völlinger in seinem Nachwort elf Zeilen lang aufzählt. Als Texter hat sich Völlinger zusammen mit der Zeichnerin Flavia Scuderi daran gemacht, dieser so verehrten wie umstrittenen Gestalt mit einem Comic näher zu kommen.

Keine kleine Herausforderung, nicht nur wegen des übergroßen Gegenstands mit seinem mächtigen Schatten aus gewaltigem Anspruch und monumentalem Werk, an der zu scheitern im 200. Jahr nach Wagners Geburt keine Schande wäre. Doch dazu kommt es nicht. Die Comic-Biografie ist Teil eines crossmedialen Projekts, das dem Buch in zeitgemäßer Aufbereitung die TV-Dokumentation „Wagnerwahn“ (bereits bei Arte ausgestrahlt) und eine App für Smartphones und Tablets zur Seite stellt. Was der Comic als Medium nicht leisten kann, leisten die anderen beiden Medien: die audiovisuelle ebenso informative wie spielerische Inszenierung. Letztlich ergänzen sich die drei Teile zu einem „Gesamtwerk“, funktionieren aber auch jedes für sich.

Die Comic-Biografie erzählt die Wagner-Story als Bildergeschichte in prägnanten Stationen mit präzisen Motiven. Sie begegnet dem ausschweifenden Leben knapp und kompakt. Der Musik freilich wird sie kaum gerecht. Scuderi und Völlinger lassen ihren Wagner das erste Mal im Sommer 1848 auftreten, im Alter von bereits 35 Jahren. In einem Biergarten schwingt er revolutionäre Reden, einen Fuß auf dem weißen Tischtuch, eine Faust gen Himmel, die Nase auch.

Nach der Niederschlagung des Dresdner Maiaufstands muss Wagner, von der Polizei gesucht, in die Schweiz fliehen. Er bekommt bald Übung im Fliehen. Das ist schön herausgearbeitet: ob er nun - nach eine Affäre - Reißaus nimmt vor seiner Frau Minna, vor seinen Gläubigern (wegen immenser Schulden), vor aufgebrachten bayrischen Beamten und Bürgern (die ihm Steuerverschwendung vorwerfen) oder vor Misserfolgen und Krisen.

Dieses Leben auf der Flucht erfährt in der sehr komprimierten Form eine zusätzliche Beschleunigung. Die Ereignisse überschlagen sich geradezu, die Menschen kommen und gehen wie in einem Ohnsorg-Theaterstück - eben noch Semper, Bakunin und die Revolte, plötzlich das Pöbeln gegen die Musikjuden, dann Liszt in Weimar und die „Lohengrin“-Uraufführung, gefolgt vom Umzug auf den Grünen Hügel und der folgenreichen Bekanntschaft mit Hans von Bülows frisch angetrauter Cosima - viele Jahre auf wenigen Seiten.

Es tauchen der Mäzen Ludwig II. (etwas länger) oder der eng befreundete Philosoph Friedrich Nietzsche (sehr kurz) auf, „Tristan und Isolde“ oder „Parsifal“, sogar die Besonderheiten des Bayreuther Festspielhauses finden Raum („der mystische Abgrund“) und natürlich der Sonderzug mit dem Leichnam von Venedig nach Bayreuth: das Wichtigste vom Wichtigen, alles auf verdichteten 48 Comic-Seiten, dennoch einleuchtend und nachvollziehbar - eine spektakulär rasante Zeitreise durch die Lebensjahre des Komponisten (1813-1883).

Kräftige Farben

Diese Comic-Biografie ist auch deshalb sehr gelungen, weil ihr das Bemühen um die historische Wahrheit anzumerken ist. Völlinger findet die richtige Sprache, die richtigen Worte (er reichert sie mit Originalzitaten an), Scuderis in kräftigen, gedeckten Farben gehaltene Panels sind sehr detailreich ausgearbeitet unter Berücksichtigung der Originalschauplätze. Natürlich kann und will der historische Realismus der Autoren keine neuen Erkenntnisse, Sichtweisen oder Thesen liefern, er kann und will auch nicht die musikgeschichtliche Bedeutung, den Reformwillen und die Wirkungsmacht Wagners angemessen beschreiben.

Doch allein Wagner, sein verworrenes Leben und Werk plausibel in Bilder und Sprechblasen zu übersetzen, ist eine erstaunliche Leistung. Des Widerspenstigen Zähmung ist geglückt, wenn auch ein Kniff etwas missrät: Hans von Bülow, Dirigent und glühender Wagnerianer, fungiert als Erzähler. Zwar wird so die Vergötterung Wagners an einem Beispiel verdeutlicht. Aber die subjektive Perspektive von Bülows wird bald wieder aufgegeben. Dennoch: Wer Wagner vielleicht zum ersten Mal begegnet - als unkonventioneller Einstieg eignet sich dieser Comic trefflich.

Flavia Scuderi, Andreas Völlinger: „Wagner“, Knesebeck-Verlag,
48 Seiten, 19,95 Euro

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