Lade Login-Box.
E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer

Theaterpremiere in Mainz: In Moskau tanzen Kater und Esel

Von Jan-Christoph Gockel inszeniert Michail Bulgakows Meisterwerk als grotesken, fantasievollen und anspielungsreichen Spuk.
Das Ensemble des Mainzer Staatstheaters vollführt Ballettsprünge und zeigt eine gelungene, grotesk-vielschichtige Interpretation von Bulgakows Roman, der von Stalin zensiert worden war und von dessen Ruhm der Autor selbst nie erfuhr. Das Ensemble des Mainzer Staatstheaters vollführt Ballettsprünge und zeigt eine gelungene, grotesk-vielschichtige Interpretation von Bulgakows Roman, der von Stalin zensiert worden war und von dessen Ruhm der Autor selbst nie erfuhr.
Mainz. 

Ein seltsamer Fremder, der behauptet, kürzlich noch mit Immanuel Kant gefrühstückt zu haben, sagt einen Tod exakt voraus, ein Schriftsteller landet in einer Irrenanstalt, weil ihm niemand glaubt, ein überdimensional großer Kater ist in Moskau unterwegs und während einer diabolischen Zaubervorstellung regnet es nicht nur Geld. . . Solche und andere unerklärliche Dinge erschüttern Moskau in Michail Bulgakows Roman „Der Meister und Margarita“.

Brisanter Inhalt

„Der Meister und Margarita“ ist eine grotesk-fantastische Satire auf das Moskau in der Stalin-Zeit, in der Materialismus Staatsdoktrin war und alles Metaphysische quasi verteufelt wurde. Ein echtes Romanwunder. Denn höchst kunstvoll hat Bulgakow verschiedene Zeitebenen und Handlungsstränge verwoben, die sich zudem wechselseitig bespiegeln: Da ist der seltsame Fremde, der sich als Teufel entpuppt und zu dessen Gefolge auch der riesige Kater gehört. Dann ist da die Liebesgeschichte zwischen Margarita und dem Meister genannten Autor, die Parallelen zu Bulgakows Biografie aufweist. Zudem stellt sich heraus, dass ein weiterer Handlungsstrang auf einer anderen Zeitebene um die Kreuzigung Jesu Teil eines Romans des Meister genannten Autors ist. Ein Werk mit brisantem Inhalt übrigens, das Margarita aus den Flammen retten wird. Und als wäre das nicht genug, gibt es auch noch Anspielungen auf Goethes „Faust“.

So ein Meisterwerk auf die Bühne zu bringen ist kein kleines Wagnis. Zumal in diesen Roman surreale und fantastische Szenen eingewoben sind, wie ein Flug auf einem Besen oder ein grotesker Satansball mit einem gespenstischen Defilee. Gottlob ist Jan-Christoph Gockel dieses Risiko eingegangen, denn seine mit ein paar Fremdzitaten gespickte theatrale Reise ins Moskau der 30er Jahre, die auch einige „immeraktuelle“ Fragen streift, macht teuflischen Spaß. Gockel hat sich nämlich voll auf den diabolischen Spuk eingelassen, der Moskau durcheinanderwirbelt.

Dafür läuft quasi das gesamte und glänzend aufgelegte Mainzer Schauspielensemble mit überbordender Spielfreude auf. Und Julia Kurzweg hat für diesen Budenzauber ein tolles Wohnhaus-Ungetüm mit drei mal drei „aufgeschnittenen“ Räumen gebaut. Eine Art überdimensionale Puppenstube mit zahlreichen Treppen und Türen, verschachtelt und miteinander verwobenen wie die Ebenen des Romans. Auch ein grubenbahn-ähnliches Gefährt zuckelt über die Bühne, es schneit, es regnet, ein Mensch wird hinter eine sich öffnende Wand gekippt, um geradewegs in Jalta zu landen, und sogar ein richtiger Esel tritt auf (Drolligkeitsalarm!). Anton Berman grundiert das Geschehen mit mal punkigen, mal folkloristischen und mal romantischen Klangteppichen, zu denen Schauspieler auch singen oder – wenn die „Behemoth Dance Company“ auftritt – sogar eine Szene aus „Schwanensee“ verballhornend vertanzen.

In der fünften Dimension

Wo so viel wohlkalkuliertes Durcheinander herrscht, wundert es nicht, wenn sogar Stalin am Telefon ist (wie Bulgakow tatsächlich geschehen). Martin Herrmann spielt den Teufel Woland. Mit seinen zurückgekämmten Haaren und der etwas abgehalftert wirkenden Kleidung ist er wahrlich ein suspektes Subjekt; passend für einen Geist, der stets das Böse will und doch das Gute schafft. Die Figur des Meisters hat Gockel gleich auf drei Schauspieler aufgeteilt. Da alle auch andere Rollen spielen, verleiht er dem Meister damit Züge des bedingungslos an das Gute im Menschen glaubenden Jeschuha Ha-Nozri oder auch des melancholischen und kopfschmerzgeplagten Pontius Pilatus. Leoni Schulz spielt die ebenso liebende wie für ihre Überzeugung letztlich mutig einstehende Margarita – auch wenn ihre Frauenrechte in Mainz erst eingefordert werden. Mit Margarita lässt Gockel auch noch weitere Themen des Romans, wie die Frage danach, was Glück ist oder welche Rolle Feigheit oder Mut spielen, lebendig werden. Und weil die Mutige sich beherzt mit Goldcreme einschmiert, landet sogar das Publikum am Ende auf dem Satansball in der fünften Dimension. Das Stück ist wegen der aufwendigen Bühne nur bis zum 2. Juli zu sehen.

Zur Startseite Mehr aus Kultur

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2017 Frankfurter Neue Presse