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Konzert: In Wiesbaden weinen die „Future Islands“ so schön

Von Die amerikanische Band gestaltete im „Schlachthof“ einen so inbrünstigen wie schwungvollen Synthiepop-Abend.
Letterman machte ihn berühmt: Sänger Samuel Herring. Letterman machte ihn berühmt: Sänger Samuel Herring.
Wiesbaden. 

Bei Samuel T. Herring fällt einem sofort Willy Loman ein, der Handlungsreisende in Arthur Millers berühmtem Theaterstück: dieser unscheinbare, sehr unbedeutende Herr, der gern erfolgreicher und bedeutender wäre. Sein Selbstmord ist so traurig, dass es einem fast das Herz zerreißt. Wenn wir Loman für Film oder Theater zu besetzen hätten, wir würden nicht Dustin Hoffman nehmen, der ihn tatsächlich schon gespielt hat, sondern Samuel Herring, den Sänger der Band „Future Islands“ aus Maryland: ein Mann mit nachlassendem Haarwuchs und sichtbarer werdendem Bauch, einer, den die meisten an der Bushaltestelle wohl übersehen würden. Wenn einer aussieht, wie Willy Loman aussehen könnte, dann Samuel Herring. Aber was heißt das schon? Nichts.

Denn Herrings Geheimnis befindet sich in der Brust und in der Kehle, dort, wo Herz und Stimme ihren Sitz haben. Und in den Beinen, die der Mensch zum Tanzen braucht. Wenn man tanzen nennen wollte, was der 34-Jährige so treibt.

Herring ist im Grunde alles, was die 2006 gegründeten „Future Islands“ sind. Als man vor ein paar Jahren in David Lettermans Show im US-Fernsehen erstmals sah, wie er sich zu „Seasons (Waiting On You)“ bewegte, dachte man: Was ist denn mit dem los? Das pummelige Männlein schlängelte wie eine Viper über die Bühne, wiegte sich in den Hüften, als hinge es an Gummiseilen, sichelte mit den Armen durch die Luft, als wolle es Heere von Gespenstern zur Strecke bringen. Tatsächlich hat Herring mit vielen Gespenstern zu kämpfen.

Der „Schlachthof“ ist an diesem Abend nicht ganz ausgebucht (das jüngste Album, „The Far Field“, erschien vor einem Jahr), obwohl die „Future Islands“ im Ruf stehen, eine herausragende Live-Band zu sein. Herring ist das allein. Die Freunde William Cashion am Bass und Gerrit Welmers an den Keyboards gehören wie der Schlagzeuger eher zur Kulisse. Weil die Songs musikalisch simpel gestrickt sind und sich stark ähneln, genügt das auch. Die Show macht nur einer.

Mit seinem unvergleichlichen Gesang, der sich in die Tiefen des Metal-Gegröls hinabschwingt und auf die Gipfel der Verzweiflung hinaufgreint, der in schönen elegischen Melodien wimmert und weint, klagt und knödelt, macht Herring aus seinem großen Herzschmerz kleine, magisch funkelnde Lieder in mittlerem Tempo. Er beugt sich zum Publikum, greift visionär ins Weite, kippt seitwärts weg, klappt plötzlich zusammen – der Mann ist schon gymnastisch ein Phänomen. Mögen Hemd und Hose bisweilen spannen, Herrings ungeheure Energie reißt auch das Publikum zu eigenwilligen Verrenkungen hin: Das ist Teufelsaustreibung, Weihestunde, Kunst und Kommunion, Beschwörung, Party und Bekenntnis. Nach 100 Minuten ist Schluss. Man darf die „Islands“ mit „New Order“ verwechseln, aber Herring niemals mit Willy Loman.

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