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Gastland der Frankfurter Buchmesse: In der Ente zum Eiffelturm: Frankreichs Autos haben Charakter

Von Das diesjährige Gastland der Frankfurter Buchmesse im Oktober ist Frankreich. Aus diesem Anlass bringen wir vorab eine Serie über die „Grande Nation“, die neben Weltpolitik und Weltwirtschaft auch eine lange, äußerst reiche Kulturgeschichte besitzt. Die heutige Serienfolge 4 heißt: „Frankreich – Land der Autos.
Für französische Studenten war der Citroën 2 CV, die Ente, in den 70er Jahren ebenso tauglich wie für deutsche Lehrer. Heute werden Touristen darin durch Paris gefahren. Bilder > Foto: Lydie (SIPA) Für französische Studenten war der Citroën 2 CV, die Ente, in den 70er Jahren ebenso tauglich wie für deutsche Lehrer. Heute werden Touristen darin durch Paris gefahren.

In Sachen Automobilkultur haben die Franzosen seit jeher hohe Kreativität bewiesen. Und das nicht nur, weil das erste Autorennen überhaupt im Jahr 1894 zwischen Paris und Rouen stattfand. So stammen zudem die Begriffe für alle drei Pkw-Grundformen aus dem Französischen: die Limousine nach einem Kutschentyp aus der Region Limousin, das Coupé nach dem französischen Wort für „abgeschnitten“, das Cabrio nach „cabrioler“, auf Deutsch „Luftsprünge machen“. Und wenn es um Reklame geht, nehmen unsere Nachbarn sogar gerne mal Anleihen aus Hollywood.

James Bond im GTI

Große Aufmerksamkeit erregte bereits 1984 ein wilder Werbespot mit Flugzeugangriff und Granaten für den damals brandneuen Peugeot 205 GTI. Zum 30. Geburtstag des Films und zur Einführung des 208 GTI legte Peugeot (neuerdings Eigentümerin von Opel) den Spot neu auf und variierte ihn mit gallischer Frechheit. Dem geneigten Leser sei empfohlen, die Typenbezeichnungen 205 GTI und 208 GTI mit James Bond in Zusammenhang zu bringen. Natürlich sollte er keinesfalls nachmachen, was er dort zu sehen bekommt.

Filmhistorisch wie automobilgeschichtlich ist so was gerechtfertigt: Schließlich spielt ein anderer wildgewordener Kleinwagen aus Frankreich auch im 007-Abenteuer „Sag niemals nie“ mit Sean Connery eine rasante Rolle: der Renault 5 Turbo. Connerys Bond-Kollege Roger Moore bevorzugte in „Im Angesicht des Todes“ ein Renault 11-Taxi, das er während der Fahrt zuerst zum Cabrio und dann zum Zweirad transformierte. Ähnlich wild gibt sich Renault mit dem jüngst neu aufgelegten Stallgefährten Alpine A 110: Die kleine Flunder will Porsche Kunden abjagen. Im Alltag mögen es unsere Nachbarn aber dann doch lieber mehr gemütlich und komfortbetont.

Im Notfall kurbeln

Wer zwischen 1950 und 1980 das Licht der Welt erblickte, erlebte seine erste Fahrt in einem Auto aus Frankreich meist in einem Citroën 2 CV. Dass die Ente auch mal bei 007 mitgemacht hatte, spielte dabei meist keine Rolle. Eher schon, dass ihr höchstens 29 PS zum Vorwärtskommen, damals sensationelle sechs Liter Sprit auf 100 Kilometer und notfalls die Wagenheberkurbel zum Starten genügte.

Auf den Parkplätzen der Schulen und Universitäten parkten die Enten gleich in Scharen. Genau wie die Renault 4. Die brauchten, wenn sie zickten, nicht mal die Kurbel zum Anspringen: Schwungvolles Anschieben und gutes Zureden genügten. Mehr Französisch als ein paar Kraftausdrücke musste man dafür nicht können: Die Kundschaft für diese Autos war schließlich international.

Der R 4 spielte zwar schon eine Klasse höher als die Ente, hatte aber viel mit ihr gemeinsam. Vor allem jene mild schaukelnde Art der Fortbewegung, die so französisch ist wie ein Chanson im Radio, den man zum belegten Baguette mit Café noir zum Runterspülen hört. Am Abend darf es dann statt des Cafés ein guter Roter sein, wenn man nicht mehr fahren muss.

Alkohol im Auto geht nämlich nur, solange er im Kofferraum oder auf dem Rücksitz bleibt. Das Platzangebot im R 4 oder in der Ente reicht für ein paar Kisten Wein. Wollte sich einer damals in den 80ern richtig en vogue fühlen, dann holte er sich seinen Cabernet Sauvignon oder Merlot nicht im Supermarkt, sondern direkt vom Winzer aus Bordeaux. Wer Weltläufigkeit und einen gewissen Hang zum Savoir-vivre demonstrieren wollte, fuhr ein Auto aus Frankreich.

Kein Wunder, dass sich besonders jene Berufsgruppe von französischen Autos angesprochen fühlte, der man seit jeher einen gewissen Hang zum entspannten Leben nachsagt: die Pädagogen. Ein Klischee, natürlich. Und dennoch: Unser Religionslehrer etwa fuhr Peugeot 504, der Deutschlehrer einen Citroën CX und der Lateinlehrer gar einen Citroën DS. Diese Typenbezeichnung wird auf Französisch „Déesse“ ausgesprochen, was im Deutschen „Göttin“ bedeutet. Eine angemessene Bezeichnung, gilt doch die Göttin bis heute als Frankreichs Auto-Heiligtum Nr. 1. Sicherlich hat unser Lateinlehrer genau deswegen einen DS gefahren – er hat ja als zweites Fach auch Religion unterrichtet. Übrigens mochte er besonders den Komiker Louis de Funès, in dessen Filmen (vor allem in den drei „Fantomas“-Abenteuern aus den 60er Jahren) auffallend oft auch ein Citroën DS herumfuhr.

Die anderen Lehrer rümpften über diese Leinwandwerke vermutlich insgeheim die Nase, sie gaben sich lieber der Literatur zugewandt. Die echten Intellektuellen unter den Pädagogen erkannten wir zusätzlich daran, welche Bücher in ihren Autos herumlagen. Immer ganz lässig hineingeworfen, aber doch so platziert, dass man von außen die Namen der Verfasser noch gut lesen konnte: meist Jean-Paul Sartre oder wenigstens Albert Camus.

Gangster und Playboys

Camus ist unter Autofans bis heute gut bekannt. Freilich weniger durch sein Werk als vielmehr durch seinen tragischen Unfalltod auf dem Beifahrersitz eines Facel Vega. Diese Marke verband französisch-barocken Chic mit der brabbelnden Kraft amerikanischer V8-Motoren aus dem Chrysler-Regal. Ihr Aus im Jahr 1964 beendete zugleich endgültig die Ära der großen französischen Luxuswagen und damit eine Epoche, die zwischen den Weltkriegen mit Bugatti, Hispano-Suiza, Talbot-Lago, Delage oder Delahaye so glorreich begonnen hatte.

Die Playboys an der Côte d’Azur hatten sich in den 50er Jahren aber ohnehin schon überwiegend italienischen Marken wie Ferrari oder Maserati zugewandt. Da wollte selbst ein sonst eher bürgerlicher Autobauer wie Peugeot nicht abseits parken: Mit dem unter anderem von Fernseh-Inspektor Columbo gelenkten 403 Cabriolet begann die fruchtbare Zusammenarbeit mit Ferraris Hausdesigner Pininfarina.

Frankreichs Unterwelt zeigte sich patriotischer und bevorzugte weiterhin den Gangster-Citroën vom Typ 11 CV. Auch im Film: Der bullige Lino Ventura, Star vieler französischer Kriminalfilme, fuhr damit zur „Razzia in Paris“. Also genau in die Stadt, wo 1894 der Motorsport seinen Anfang genommen hatte.

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