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In der Fremde bleibt der Fremde sich fremd

Von In ihrem filmischen Lebensbericht „Vor der Morgenröte“ erinnert Maria Schrader an die Exil-Jahre des Wiener Schriftstellers Stefan Zweig in Brasilien.
Stefan Zweig (Josef Hader) verfolgt das Weltgeschehen. Stefan Zweig (Josef Hader) verfolgt das Weltgeschehen.

Wer sich einen Begriff von jenem alten, kaiserlich-königlichen Österreich machen möchte, das mit dem Ersten Weltkrieg unterging (1918), der muss nur Stefan Zweigs „Die Welt von Gestern“ lesen. Mit ungeschönter, leicht sentimentaler Klarheit schaut der 1881 geborene Wiener darin auf seine besten Jahre zurück, in denen er geborgen schien in einer von hoher Bildung und unerschütterlichen Werten zusammengehaltenen Zeit. Der Sohn einer wohlhabenden jüdischen Textilfabrikantenfamilie wendete sich schon früh der Schriftstellerei zu. Zu seinen Freunden zählten die Vordenker und Vorfühler seiner Epoche: Rainer Maria Rilke, Arthur Schnitzler, Franz Werfel, Sigmund Freud, Arturo Toscanini und Albert Einstein. Kurzum: Stefan Zweig war ein Mann von Geist und Stand.

Seine überaus einfühlsamen, klug komponierten Erzählungen („Angst“, „Die Schachnovelle“) stellten ihn Thomas Mann gleich. Doch anders als dieser hätte Zweig niemals den Literatururnobelpreis erhalten. Schließlich konnte der Wiener im Vergleich zum Lübecker nur einen einzigen Roman vorweisen, die Königsdisziplin der Literatur: „Ungeduld des Herzens“. Wie Thomas Mann jedoch ging der von den Nationalsozialisten angewiderte Stefan Zweig ins Exil (1934). Sein zweites Heimatland Brasilien hieß ihn herzlich willkommen. Das bestätigt Maria Schraders Gedenkfilm „Vor der Morgenröte“ mit beeindruckender Genauigkeit und Stimmungssicherheit.

Keine Kleinigkeit gerät der Regisseurin aus dem Blick, wenn sie das neue Dasein des Schriftstellers nachstellt, ihn bei einer Lesung, einer politischen Diskussion oder einer menschlichen Begegnung zeigt. Neben dem Schauspieler Josef Hader, der Stefan Zweig den ernsten Gesichtsausdruck und die leise Freundlichkeit leiht, frappiert Matthias Brandt als neuer Nachbar in der Fremde mit feinster Mimik: Ein zuckendes Augenlid lässt da ein ganzes Emigranten-Schicksal erahnen. Einnehmend auch Barbara Sukowa als Zweigs geschiedene Ehefrau Friderike, die mit „Kaffee und Kuchen“ im eiskalten New York deutsch-österreichische Heimeligkeit schafft.

Ohne Hoffnung

Von Rio de Janeiro aus begleitet die Filmemacherin Schrader den Autor samt seiner zweiten Ehefrau Lotte (Aenne Schwarz) durch den amerikanischen Kontinent und wieder zurück nach Brasilien, an den letzten Wohnort Pétropolis. Dort nahm sich das Paar 1942 mit einer Überdosis Valium das Leben. Dass Schrader die unmittelbaren Auslöser hierfür ausspart (bekannt sind Zweigs Depressionen), befremdet etwas, lässt den Freitod aber umso bestürzender wirken und bettet ihn ein in eine größere Wehmut. Der Verlust der geliebten Heimat, die gerade für einen Schriftsteller auch Sprachheimat bedeutet, ist ja schon zuvor spürbar geworden, in den Bildern von der wenig tröstlichen tropischen Natur.

Die „Morgenröte“ der Hoffnung auf bessere Zeiten, wie Zweig sie in seinem Abschiedsbrief erwähnte, war eben noch nicht aufgestiegen. Für den Schriftsteller war es dann wohl der richtige Moment, das Diesseits zu verlassen. Zumal seine „Welt von Gestern“ nach Ende des Zweiten Weltkriegs eine „Welt von Vorgestern“ geworden wäre. Sehenswert

 

Frankfurt: Eldorado, Harmonie (am 6. Juni,19 Uhr, mit Maria Schrader).

 

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