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In die Schreibmaschine gehackt

Von Es sind urige Gestalten, die in den Kurzgeschichten vorkommen. Wären sie so komisch kauzig wie die Filmfigur Forrest Gump, wäre auch alles gut.
Tom Hanks (61) hat so ziemlich alles gespielt, was man für Hollywood spielen kann: vom komischen Kauz („Forrest Gump“) bis zum Unterhändler für den Agentenaustausch („Bridge of Spies“). Demnächst ist er in Steven Spielbergs „Die Verlegerin“ zu sehen. Foto: Austin Hargrave Tom Hanks (61) hat so ziemlich alles gespielt, was man für Hollywood spielen kann: vom komischen Kauz („Forrest Gump“) bis zum Unterhändler für den Agentenaustausch („Bridge of Spies“). Demnächst ist er in Steven Spielbergs „Die Verlegerin“ zu sehen.

Doppelbegabte gibt es immer wieder. Aber nur selten sind ihre Fähigkeiten gleichrangig ausgeprägt. Rockmusiker Bryan Adams zum Beispiel ist auch Kunstfotograf. Doch die Schwarzweiß-Aufnahmen, die er macht, erreichen nicht die Einzigartigkeit seiner Songs. Schauspieler Armin Mueller-Stahl malt auch. Aber seine Bilder sind nicht in einem Atemzug mit seinen darstellerischen Leistungen zu nennen. Ausgerechnet Barbara Schöneberger, die als Showkünstlerin berechtigterweise durch sämtliche Gattungen tobt und obendrein in Talkshows alle plattredet, hat den Trend zur Mehrfachbetätigung ironisch umschrieben: „Jetzt singt sie auch noch“, nannte sie mit viel Abstand zu sich selbst ihr erstes Album, das im Jahr 2008 erschien.

Genialer Dummkopf

Das Risiko aller Doppelbegabten liegt darin, in ihrer Zweitbegabung nicht ernstgenommen zu werden, wenn sie nicht gleich ihren kompletten Ruf ruinieren. Denn die wirklich Begnadeten gehen meist voll und ganz in einem einzigen großen Talent auf. Das hat Tom Hanks allerdings nicht beirren können. Hollywoods namhafter Charakterdarsteller hat nun 12 eigene Storys herausgebracht, auf die man getrost verzichten kann. „Schräge Typen“ heißt der Sammelband, dessen äußere Gestaltung mehr Stilwillen erkennen lässt als der Inhalt: Der Buchumschlag ist in hellem Türkis gehalten, eine Farbe der 50er Jahre, und darauf abgebildet sind die runden Tasten einer alten mechanischen Schreibmaschine. Die Leidenschaft für derlei Maschinen zieht sich durch Hanks’ sämtliche Erzählungen. Die vom Computerzeitalter ausgesonderten Geräte werden von seinen „Schrägen Typen“ gekauft, gesammelt und sehr geliebt. Außerdem haben die ollen Dinger – alle Achtung! – selbst schräge Typen.

Das Schrullige war schon immer das, was sich dem Neuen widersetzt und auf seinen Eigenheiten beharrt. Man denke nur an Forrest Gump, die herrliche Titelfigur aus Robert Zemeckis Narrenfilm über einen vermeintlich geistig Minderbemittelten, der die höchsten Fähigkeiten entwickelt, schließlich in die Weltpolitik eingreift, Popsongs komponiert und das Joggen erfindet. Mit der Verkörperung dieses genialen Dummkopfs ist Tom Hanks zum Star geworden, samt zugeknöpftem Hemdkragen und Hush-Puppie-Blick unter zusammengezogenen Augenbrauen. Die Rolle passte zu ihm wie keine andere seither. Doch so sehr man durchaus einen Abglanz der Kinogestalt Gump in Hanks’ literarischen Figuren ausmachen kann, so unoriginell bleiben sie ihrerseits. Nur flüchtig entworfen, entwickeln sie keine Persönlichkeit, kein Eigenleben, und obwohl sich enorm viel tut um sie herum, geben sie keine richtigen Geschichten her. Ein Storyteller, ein Erzähler, der eine Handlung einleiten, entwickeln und sinnträchtig zu Ende bringen kann, ist der Schauspieler Hanks nicht. Er lässt es lediglich wimmeln vor lauter Personennamen, Ortsnamen und Spezialbegriffen – reichlich sperrig, das Ganze.

Was also sind das für Menschen, die Tom Hanks da beschreibt? Sie leben so drauflos, wie ihr Erfinder drauflos schreibt, ohne zu einer gestalterischen Form zu finden. Ein Mann mittleren Alters verbringt „Drei erschöpfende Wochen“ mit einer neuen Freundin, die ihn mit ihrer sportlichen Überaktivität unter Druck setzt. Ein Sohn fährt mit seinem Vater zum Surfen an den Strand und beobachtet, wie der Vater mit einer fremden Frau flirtet – „Willkommen auf dem Mars“. Eine Frau mit zwei Kindern zieht in ein neues Haus und fürchtet, ihr Nachbar könnte eine Liebschaft mit ihr anfangen wollen – „Ein Monat in der Greene Street“. Ein bulgarischer Seefahrer will in New York ein neues Leben beginnen und bittet einen griechischen Restaurantbesitzer um einen Job – „Geh zu Costas“. Alles schön und gut. Aber alles kalt und nichtssagend. Die einzige Geschichte, die halbwegs fasziniert, weil sie einen Glutkern hat, ist diejenige von dem einstigen Weltkriegssoldaten, der in der Story „Heiligabend 1953“ mit einem früheren Kameraden telefoniert, so wie jede Weihnachten. Es ist der kurze, schmerzliche Rückblick in eine Vergangenheit, die das friedliche, satte, warme Leben der Gegenwart aufstört.

Komik des Altmodischen

Gelegentlich hat Tom Hanks, nunmehr 61 Jahre alt und demnächst als Enthüllungsreporter in Steven Spielbergs Kinowerk „Die Verlegerin“ zu sehen, Kolumnen für New Yorker Zeitungen geschrieben. Und eine solche Rubrik hat er nun auch als verdeckter Reporter Hank Fiset zwischen seine Storys geschoben. Der Journalist Hank würde seine Artikel natürlich am liebsten in eine alte Remington oder Underwood hacken, muss sich aber an den Schreibcomputer gewöhnen. Die Tragikomödie eines Nostalgikers. Sie hätte so reizvoll werden können wie das Drama des zurückgebliebenen, verspotteten Forrest Gump: „Meine Mama hat immer gesagt, man muss die Vergangenheit hinter sich lassen, bevor man den nächsten Schritt machen kann.“

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