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Rheingau-Musik-Festival: In schwarzen Soutanen geht’s zum Jüngsten Gericht

Von Edward Elgars Oratorium „The Dream of Gerontius“ und Mozarts Requiem erfüllten zum Festival-Finale klangmächtig die Basilika von Kloster Eberbach.
Ganz in Schwarz: Zu Mozarts Requiem trugen die Choristen in Kloster Eberbach Kleriker-Kluft. Foto: Anne-Rose Dostalek Ganz in Schwarz: Zu Mozarts Requiem trugen die Choristen in Kloster Eberbach Kleriker-Kluft.

Mit einem hochkarätigen Chorkonzert ging das Rheingau-Musik-Festival zu Ende. Der Philharmonia Chorus und die Hamburger Symphoniker gaben Edward Elgars Oratorium „The Dream of Gerontius“. Hergestellt hatte die Verbindung noch der britische, im Juni plötzlich verstorbene Chefdirigent Jeffrey Tate. An seiner Stalle steuerte mit Paul McCreesh ein Musiker, der sich vor allem im Bereich Alte Musik einen Namen gemacht hat, die beiden großen Ensembles jedoch präzise und leidenschaftlich durch die 1900 uraufgeführte Partitur. Es geht wenig spektakulär um den Übergang vom Leben in den Tod. Gerontius, ein alter Mann, wird im Sterben getröstet; von Gebeten seiner Freunde begleitet, führt ein Engel seine Seele durchs Fegefeuer, mit der Aussicht, doch noch in den Himmel zu gelangen. Elgar verzichtet auf regelrechte Arien; sein erfolgreichstes Oratorium ist im Grunde eine ausgiebige, meditative Betrachtung im Stil eines einzigen Accompagnato-Rezitativs. Erregungen im permanenten Dialog gibt es schon, aber keine Aufgeregtheiten. Hier und da wagnert es, das Orchester leuchtet in höchst fantasievollen Farben, gelegentlich brechen sich auch hymnische Elemente Bahn. Eine herrliche Musik!

Dämonisches Gruseln

Vor allem der prachtvolle Chor darf sein Können zeigen, die Partitur bietet ihm ein breites Feld von dämonischem Gruseln bis zu sphärischen Engels-Wohlklängen. Brenden Gunnell mit typisch britischer Tenorfarbe in der Titelpartie, Kathryn Rudge (Mezzosopran) als empathisch den Weg weisender Engel und der resolute Bassist Markus Eiche (Priester und später Todesengel) sangen die Solopartien. Ein großartiges Konzert, gekonnt, differenziert und wie aus einem Guss musiziert. Starker Beifall in der ein letztes Mal ausverkauften Basilika von Kloster Eberbach!

Am Abend zuvor hatten der Dirigent Teodor Currentzis und seine sibirischen „Musica-Aeterna“-Ensembles am selben Ort eine eindrückliche Vorstellung gegeben. Genaugenommen waren es zwei Konzerte: ein 70-minütiges A-cappella-Chorkonzert vor der Pause, danach Mozarts Requiem-Fragment in der unverwüstlichen Notvollendungs-Fassung Franz Xaver Süßmayrs. Äußerlichkeiten im Sinne einer nach Effekt zielenden „Performance“ spielten eine wichtige Rolle dabei, von einer speziellen Lichtregie bis hin zur Kleidung. Nicht im Anzug, sondern in schwarzen Kleriker-Soutanen traten die männlichen Musiker auf, während der in letzter Zeit stark gehypte Dirigent sexy Leggings trug und rotgeschnürte, schwarze Stiefel. Der Chor begann sein Konzert vor der Basilika und zog dann, ein mit der Marke „Hildegard von Bingen“ versehenes Responsorium auf den Lippen und Kerzen in der Hand, prozessionsartig ein – gewiss ein magischer Moment. Von der abgedunkelten Bühne aus folgten acht kürzere oder längere Stücke, getrennt durch die Epochen und verbunden durch den geistlichen Inhalt und eine auratische Klang- und Intonationskultur, namentlich dort, wo es ganz leise wurde. György Ligetis mikrotonales „Lux aeterna“ schwebte mystisch im Raum, ebenso die Gesänge von Alfred Schnittke und Igor Strawinsky, auch das schlichte „Salve Regina“ des Esten Arvo Pärt.

Zum Konzept gehörte es, nicht die individuelle Stilistik der Stücke zu betonen, sondern ihre (vom Chor durch Vermeidung jeglicher Sprachakzente) hervorgerufene Klangwirkung. Auch die drei einfachen Anthems des englischen Barockmeisters Henry Purcell pressten sich, bis zur Unkenntlichkeit zerdehnt und rhythmisch entstellt, in dieses Klangkorsett, das letzte („Remember Not, Lord, Our Offences“) sogar visualisiert mit schamanischen Gesten und Bewegungen.

Im Requiem betonte der zu beiden Seiten vor dem Orchester postierte Chor dann die lautstarke Seite seiner sängerischen Potenz; die Soprane stülpten eine glasharte Glocke über das mit schwarzem Pfeffer gewürzte Bass-Fundament, beide auf Kosten der wenig profilierten Mittelstimmen. Überhaupt betonte Currentzis die dramatische Seite der Totenmesse über Gebühr; Tempi und Dynamik, Proportionen und Binnenstrukturen gestaltete er bis in einzelne Töne, Themen und Akzente hinein subjektiv und scheinbar spontan. Vor den auf ihn eingeschworenen Musikern gibt der Dirigent den Tänzer, Beschwörer, Feldherren, erzeugt Hochspannung und Feuer auch dort, wo eher Gelassenheit und Demut zur Musik passen würden.

Effektvolles Konzept

Dem recht inhomogenen Quartett der Solisten (an ihrer Spitze der ungefasst-schrille Sopran von Julia Lezhneva), denen er zudem das kantable Singen ausgetrieben zu haben schien, fuchtelte Currenztis vor dem Gesicht herum. Einem Teil des Publikums gefällt dieses sehr persönliche, effektvolle und unkonventionelle Konzept, manche empfinden es als pure Selbstdarstellung.

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