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Ausstellung: Inge Werth: Einfühlsame Chronistin in bewegter Zeit

Inge Werth (87) ist eine große, zu wenig beachtete Frankfurter Fotografin. Sie blickte nie objektiv, aber immer einfühlsam durch die Linse, wie ihre Fotos von Studenten, Spontis, Musikern und Künstlern verraten.
Die Fotografin Inge Werth. Foto: © Sabine Lippert (© Sabine Lippert Fotografie, li) Die Fotografin Inge Werth.

Mit ihrer Kamera war sie immer mittendrin, dort, wo Aktionen stattfanden, wo Geschichte geschrieben wurde. Erst heute aber sieht man, welch bedeutende Chronistin Inge Werth vor allem in den politsch bewegten 60er und 70er Jahren war. Denn die inzwischen 87-Jährige ist nicht so bekannt geworden wie ihre beiden Kolleginnen Barbara Klemm und Abisag Tüllmann – zu Unrecht, wie jetzt das Frankfurter Museum Giersch an rund 125 Schwarz-Weiß-Fotos aus der Zeit vor und nach 1968 zeigt.

Diese dokumentarischen Bilder präsentieren eine bisher zu wenig beachtete Seite Werths, aber glücklicherweise läuft die Schau bis 14. Oktober. Die ersten Fotos entstanden 1966 bei Vietnam-Konferenzen, die letzten 1976 bei den Römerberggesprächen. Und es ist erstaunlicherweise die erste Museumsschau über Werth, die 40 Jahre in Frankfurt gelebt, sich aber 2003 in ein Dorf zwischen Fulda und Bad Hersfeld zurückgezogen hat.

Aus 1500 Aufnahmen

Kuratorin Viola Hildebrand-Schat hat aus 1500 Aufnahmen ausgewählt, die aber nur einen Bruchteil des Werkes umfassen. Einen Großteil hat bereits das hiesige Institut für Stadtgeschiche erhalten, darunter auch die Fotos der Studentenunruhen. Das Historische Museum wiederum hat Fotos von Hausbesetzungen der 70er Jahre und erhält noch Bilder der Serie „Im Bett“, die Werth rund 30 Jahre vom intimsten Lebensraum der Menschen sammelte. Der große Rest, Werths viele Reisereportagen, gehen wohl nach Berlin an die Stiftung Preußischer Kulturbesitz.

„Eltern-Kind-Kollektiv“, die Aufnahme machte Inge Werth im März 1972. Bild-Zoom
„Eltern-Kind-Kollektiv“, die Aufnahme machte Inge Werth im März 1972.

Was all diese Fotos eint, ist Inge Werths einfühlsame Art, den richtigen Moment zu erhaschen; sie hat ein gutes Gespür für entscheidende Situationen und Veränderungen. Meist blieb da gar keine Zeit, mit Wechselobjektiven oder Stativ zu hantieren. Werth hielt mittendrauf, oft im mehr erfassenden Querformat. „Immer aus einer leichten Untersicht, auf eine Menschenmenge gerichtet oder alternativ porträtartige Ausschnitte“, erläutert Hildebrandt-Schat. Die Kuratorin vermutet, dass Werths eher zurückhaltende Art der Grund dafür ist, weshalb die Fotografin nicht so populär wie andere Zeitzeugen geworden ist.

Was heißt Revolution?

Auf ihren Bildern entdeckt man viele junge Menschen, die heute berühmt sind, etwa den Philosophen Jürgen Habermas. Er warf den Frankfurter Studenten vor, durch ihre Störung der Uni gerade das aufgeklärte politische Handeln zu verhindern. Aber den Revoluzzern ging es um öffentlichkeitswirksame Proteste, auch um Provokationen. Das spürt man bei Inge Werth. „Ich wollte immer die Ereignisse auf ein Foto verdichten“, meint die Fotografin.

Die frühesten Aufnahmen, im ersten Raum neben Habermas & Co. versammelt, zeigen die US-amerikanische Folksängerin Joan Baez, die zum Abschluss des Ostermarsches 1966 auf dem Römerberg ein Konzert gab. Gegenüber hängen andere Ikonen der damaligen Jugend, die Musiker Jimi Hendrix, John Mayall, Muddy Waters und John Lord von der Gruppe „Deep Purple“.

Joan Baez beim Ostermarsch in Frankfurt, April 1966. Bild-Zoom
Joan Baez beim Ostermarsch in Frankfurt, April 1966.

Auch in der Kunst- und Literaturszene ging Inge Werth ein und aus. So dokumentierte sie 1970 eine sexuell aufgeladene und höchst umstrittene Aktion von Otto Muehl. Er nahm mit hüllenlosen Akteuren den griechischen Mythos von Gott Zeus auf die Schippe, der in Gestalt eines Schwans mit Leda schläft. Allerdings ging es in Frankfurt trotz der ausgeprägten Sponti-Szene noch ruhig zu. Das hat Inge Werth wohl deutlich gespürt und zog nach Paris, als die Studentenunruhen im Frühjahr 1968 begannen und sogar von Teilen der Bevölkerung unterstützt wurden. Einer der Rädelsführer, wie es damals abschätzig hieß, war der 23-jährige Deutsch-Franzose Daniel Cohn-Bendit, dem nach einer Berlin-Reise die Wiedereinreise nach Frankreich verweigert und sogar ein Aufenthaltsverbot erlassen wurde.

Wütende Proteste

Logisch, dass daraufhin die Proteste noch wütender wurden, das gehört zur Stimmung der Zeit. Cohn-Bendit lebte fortan in Frankfurt und taucht auf etlichen Werth-Fotos auf, ähnlich wie die US-amerikanische Bürgerrechtlerin Angela Davis, die in Frankfurt von 1965 bis 1967 studierte und 1970 in ihrer Heimat als vermeintliche Terroristin verhaftet wurde. Ihre Freilassung 1972 verdankt sie letztlich auch den Frankfurter Aktionen und Appellen.

Jürgen Habermas diskutiert mit Studenten 1968. Bild-Zoom
Jürgen Habermas diskutiert mit Studenten 1968.

Inge Werths Fotos sind parteiisch, ihr Herz schlägt bis heute links, wie sie sagt. Ein Fotograf kann ohnehin nicht objektiv sein, meint sie, „weil die persönlichen, gesellschaftlichen und politischen Orientierungen bei den Themen, für die er sich interessiert, eine wichtige Rolle spielen.“ Dennoch schade, dass Inge Werth inzwischen ihre Kamera aus der Hand gelegt hat.

Museum Giersch

Frankfurt, Schaumainkai 83, Telefon (069) 13 82 10 10. Bis 14. Oktober, dienstags bis donnerstags 12-19 Uhr, freitags bis sonntags 10-18 Uhr. Eintritt 4 Euro. Internet: www.museum-giersch.de

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