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Deutscher Buchpreis: Inger-Maria Mahlkes Roman „Archipel“ erzählt europäische Geschichte rückwärts

Von Sechs Kandidaten standen auf der ungewöhnlich weltläufigen Shortlist für den diesjährigen Deutschen Buchpreis. Die Romane spielen in Berlin, Argentinien, Georgien oder China. Die Gewinnerin Inger-Maria Mahlke versetzt ihre Leser nach Teneriffa.
„Silberfischchen“, „Rechnung offen“ und „Wie ihr wollt“ hießen ihre ersten drei Romane. Mit dem vierten, „Archipel“ (Rowohlt, 20 Euro), hat Inger-Maria Mahlke nun den Deutschen Buchpreis gewonnen. Foto: Arne Dedert (dpa) „Silberfischchen“, „Rechnung offen“ und „Wie ihr wollt“ hießen ihre ersten drei Romane. Mit dem vierten, „Archipel“ (Rowohlt, 20 Euro), hat Inger-Maria Mahlke nun den Deutschen Buchpreis gewonnen.

Manchmal, sagt man, muss man weit reisen, um zu verstehen, was in der Nähe passiert. Den Abstand suchten alle sechs Kandidaten für den diesjährigen Buchpreis: María Cecilia Barbetta lebt seit zwanzig Jahren in Deutschland und schafft in „Nachtleuchten“ einen kunterbunten Kosmos ihrer argentinischen Heimat. Maxim Biller reist tief in seine eigene Familiengeschichte, deren Wurzeln in Prag und in Moskau liegen. Fiktion und Wirklichkeit rühre er in „Sechs Koffer“ wild durcheinander, „ein Eintopf ist nichts dagegen“, wehrt er sich gegen zu viele autobiographische Unterstellungen.

Das Buch gilt schon länger als bedrohtes Medium. Neue Zahlen belegen jetzt einen beunruhigenden Rückgang an Käufern.
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Nino Haratischwili lebt seit 2003 in Hamburg, schreibt Deutsch, wurde aber in Georgien geboren und hat mit „Die Katze und der General“ einen hammerharten Roman über den Tschetschenien-Krieg und seine Spuren geschrieben, der wild fabuliert und doch auf einer sehr grausamen wahren Begebenheit beruht. Susanne Röckel entführt in „Der Vogelgott“ in ein mystisches Fantasiereich und verwendet dabei eine Sprache, die den Leser wie mit Schraubzwingen einspannt und ähnlich gefangennimmt wie das Reiseziel die Figuren in ihrer Dystopie. Stephan Thome schließlich, der mit seinen psychologisch glänzenden Romanen „Grenzgang“ und „Fliehkräfte“ schon zwei Mal auf der Shortlist stand, durfte in diesem Jahr ein drittes Mal hoffen – in „Gott der Barbaren“ entführt der Philosoph und Sinologe aus dem hessischen Biedenkopf, der seit vielen Jahren in Taiwan lebt, ins Reich der Mitte. Von christlichen Missionaren und der Taiping-Rebellion im China um 1860 erzählt sein weitschweifendes Panorama. Unversöhnlich prallen westliche und östliche Blickwinkel immer wieder aufeinander – ein historisches Lehrstück über den Konflikt der Kulturen.

Hundert Jahre rückwärts

Schließlich Inger-Maria Mahlke, die ihre Leser immerhin 4000 Kilometer von Deutschland weg führt, nach Teneriffa. Abseits liegt ihr „Archipel“, am Rand von Europa, und doch führt ihr Roman, der die Leser rückwärts durch ein Jahrhundert trägt, immer wieder ins Zentrum eines von Kriegen, Diktaturen und Revolutionen erschütterten Kontinents.

Der Buchpreis und die Messe

Aber kann man das? Einen Roman von hinten erzählen? Das Buch sei aus einer „Wette gegen sie selbst“ entstanden, sagt Mahlke selber. Die Geschichte beginnt 2015. Am Empfang eines Altersheims namens „Asilo“ sitzt der uralte Julio Baute. Und sie endet 1919 mit der Schilderung eines namenlosen Säuglings, der gerade gestillt wird und „eine Woche später in der Iglesia de la Concepción auf den Namen Julio getauft werden wird“.

Das Opulente und das „Verschmalzte“, sagt Mahlke, die eine ebenso resolute wie empfindsame Künstlerpersönlichkeit ist, möge sie gar nicht. Gegen die Verklärungssucht der Menschen, die „im Nachhinein“ ja meist „alles schöner“ finden, habe sie anschreiben wollen. Von drei Familien aus drei sozialen Schichten erzählt sie, und wie sie unverschmalzt zeigt, dass jeder Augenblick aus der Summe der vorherigen Momente besteht, das ist schon sehr gekonnt.

Dafür lobte die Jury die 1977 geborene Autorin, die in Lübeck und Teneriffa aufwuchs: Im Roman verdichteten sich „die Kolonialgeschichte und die Geschichte der europäischen Diktaturen im 20. Jahrhundert“. Spaniens Historie einschließlich der Franco-Diktatur hinterlasse „Brüche und Wunden“ in den Familien, von denen sie in „schillernden Details“ erzähle, mit großem Gespür fürs Alltagsleben, die Landschaft und das Licht.

Kunst und Joghurt

Mahlke, übrigens eine studierte Juristin und Kriminologin, kam nach der Verkündung ihres Siegs auf die Bühne, die Freude war ihr sichtlich anzumerken, wie manchen anderen der Kandidaten übrigens ihre tiefe Enttäuschung. Sie fühle sich gerade „überfordert“, sagte Mahlke glücklich, und dankte der Jury wie überhaupt allen, die sich auf den Unterschied zwischen Büchern und beispielsweise Joghurt verstünden. Und dann wurde Mahlke doch noch einmal ernst und dankte ausdrücklich Barbara Laugwitz für ihr Engagement, ihre literarische Begeisterung und ihr Verständnis dafür, dass künstlerische Produktion mit sehr fragilen Zuständen einhergehe.

Barbara Laugwitz, muss man wissen, ist jene Verlegerin, die der Rowohlt-Verlag kürzlich umstandslos aus dem Amt hob, um den Posten mit Florian Illies neu zu besetzen – eine Entscheidung, die viele Autoren des Verlags vor den Kopf stieß und für mehrere Protestnoten und anhaltende Unruhe bis heute sorgt.

In den ersten Minuten ihres Siegs diesen Verlagskonflikt ins Zentrum zu rücken spricht von einer gewissen Unbeugsamkeit ihres Charakters. Verschmalzte Glückseligkeitstrunkenheit war auch hier Mahlkes Sache nicht.

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