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Premiere von US-Regisseurin Lydia Steier: Inszenierung am Schauspiel Frankfurt: Das letzte Stündlein schlägt

„Kein schöner Land“ – da denken viele sofort an Volkslied-Idylle. Die amerikanische Regisseurin Lydia Steier nicht. Sie inszeniert zum ersten Mal im deutschen Sprechtheater. Am Samstag ist Premiere am Frankfurter Schauspiel. Gemütlich wird es nicht.
Szene aus den Proben: Diese Familie hat nicht mehr lange zu leben. Wie soll man die letzten Stunden verbringen? Bilder > Szene aus den Proben: Diese Familie hat nicht mehr lange zu leben. Wie soll man die letzten Stunden verbringen?
Frankfurt. 

„Jetzt bin ich Europäerin“, sagt Lydia Steier, Opernregisseurin aus den USA, erschüttert vom Wahlsieg Donald Trumps. Als Spezialistin für Händel-Opern und zeitgenössisches Musiktheater hat sich die Regisseurin Lydia Steier, 1978 in Connecticut nahe New York City geboren, in Europa einen großen Namen gemacht. Viel gelobt wurde ihre Potsdamer Inszenierung von Händels Alterswerk „Jephta“, mit der sie auch bei den Wiener Festwochen Ovationen einfuhr. Jetzt inszeniert sie zum ersten Mal fürs deutsche Sprechtheater. Am Samstag hat im Schauspiel Frankfurt ihr musikalisches Familientableau „Kein schöner Land“ mit Texten von Frederik Laubemann Premiere, in dem sie eine scheinbar heile deutsche Familie einem Katastrophenszenario aussetzt. Die vier Familienmitglieder erfahren, dass ein zerstörerischer Komet auf die Erde zurast, und überlegen, musikalisch von Bach bis Helge Schneider untermalt, wie sie die letzten Stunden ihres Lebens verbringen wollen. Wir trafen Lydia Steier nach der ersten „AMA“, was im Theatersprech bedeutet: Zum ersten Mal wird „alles mit allem“ geprobt. Freimütig sprach die vielbeschäftigte 38-Jährige mit Bettina Boyens darüber, warum Donald Trump für sie ein aggressiver Himmelskörper ist, warum sie nicht als Sängerin auftritt und was den Unterschied ausmacht bei der Probenarbeit mit Sängern und Schauspielern.

Frau Steier, Donald Trump ist jetzt Ihr Präsident, wie geht es Ihnen damit?

LYDIA STEIER: Ich habe die letzten Tage nur geheult. Als ich am Morgen nach der Wahl aufwachte, fühlte sich das an wie eine Trennung oder der Tod eines geliebten Menschen. Ich bin ganz persönlich davon betroffen. Seit 14 Jahren bin ich in Deutschland und habe meine Zeit in Europa immer als Übergangsphase gesehen. Aber mir ist klar geworden, dass ich jetzt Europäerin bin. Ich kann nicht wieder zurück nach Hause, das wars.

Ihre jüdischen Großeltern sind 1938 von Wien aus ins Exil gegangen.

STEIER: Ja, mein Großvater war immer so stolz auf die USA und betonte oft, wie großartig es sei, dass dort Menschen aus der ganzen Welt Zuflucht finden können. Jetzt, mit Trump an der Regierung, fühle ich mich in Deutschland wie im Exil. Es war hart am Tag nach Trumps Sieg morgens hier auf die Probe zu gehen und sich zu konzentrieren. In dem Stück „Kein schöner Land“ geht es darum, wie eine angeblich heile deutsche Familie die letzten Stunden ihres Lebens verbringt. Bedroht werden sie von einem zerstörerischen Kometen und dieser Komet heißt für mich im Moment Donald Trump.

Wie kamen Sie auf das Thema „deutsche Familie“?

STEIER: Wie ist Deutschland heute von fremden Kulturen beeinflusst? Uns interessierte, wie deutsche Lieder oft benutzt werden, um die düstere Vergangenheit heiter zu verklären. Und so kann man zeigen, wie mit Musik eventuell die kommenden miserablen Zeiten samt all der Panik vor Ausländern, Angst vor Instabilität und Wirtschaftskrise kontrastiert werden.

Wie gestalten Sie das Familien-Tableau?

STEIER: Wir beginnen mit einem perfekten, glücklichen Familienalltagsbild, etwas zu bunt à la Simpsons. Im zweiten Tableau merkt man, hier ist nicht alles so perfekt, wie es scheint. Der Katalysator für das Ganze ist der Obdachlose Hobo. Niemand weiß: Ist er verrückt oder ein Prophet, als er einen Kometen ankündigt? Jetzt muss sich die Familie schnell überlegen, was sie in ihren letzten Stunden machen will, bevor das Ende kommt. Was tut man, wenn man nie richtig gelebt hat?

Ist für Sie Familie vorwiegend negativ besetzt?

STEIER: Ein guter Freund von mir ist Politikwissenschaftler aus Mexiko. Ihn interessiert die verlorengehende ethnische Identität. Kam man früher in den USA zum Beispiel aus Irland, gab es immer eine weit verzweigte Makrofamilie. Das fällt heute immer mehr weg, Kinder gehen fort, Communities fallen auseinander, traditionelle Gesellschaften sterben. Und er glaubt, dass viele weiße Amerikaner heute so armselig leben, weil ihnen nur noch die Kleinzellenfamilie geblieben ist. In so einem Klima kann panische Angst vor der Außenwelt wachsen.

Wie kamen Sie auf Frederik Laubemann als Autor ?

STEIER: Mein deutscher Lieblingsautor ist Franz Xaver Kroetz, seine Stücke sind so schrill, strange und überbordend. Mir schwebte eine groteske Mischung vor aus einem Kroetz-Stück, György Ligetis Oper „Le Grand Macabre“, gewürzt mit einem Schuss „Candide“ von Voltaire. Dazu passen die Texte von Frederik Laubemann, er schreibt crazy, erzählt bunt und richtig cool.

Wie empfinden Sie die erste Arbeit an einem deutschen Schauspielhaus?

STEIER: Als Opernregisseurin muss man von Anfang an alle Antworten haben, auch Details für die Sänger, wie zum Beispiel: Wo stehe ich, warum gehe ich dorthin oder technische Sachen wie: Welche Stiefel trägt der Männerchor? Bei Schauspielern sollte man sein klares Konzept nicht so deutlich sagen. Klare Anweisungen wirken hier autoritär, man sollte den Schauspielern ihren Raum lassen. Wenn man sich dann einig ist, können sie eine Idee fantastisch exponieren, besonders diese sehr gute Besetzung hier in Frankfurt.

Wie führen Sie das Ensemble?

STEIER: Ich habe gemerkt, dass Schauspieler gerne diskutieren. Ich bin aber eher ein Mensch, der nicht viel redet, sondern bei mir kommt die Freiheit aus der Struktur, die ich mir zurechtgelegt habe. Das ist ein Lernprozess für mich.

Sie sind ausgebildete Sopranistin, warum singen Sie nicht selbst?

STEIER: Ich bin als Mensch ein Kontrollfreak. Man kann sich nicht vorstellen, wie viele Anweisungen man als Sänger erhält und worauf man alles achten muss. Aussprache, Haltung, Phrasierung, Kleidung. Das passt nicht zu meiner Persönlichkeit.

Wie unterschiedlich ist die Regiearbeit hier im Vergleich zu der in den USA?

STEIER: In Amerika ist nie die zweite Ebene eines Werkes gefragt. Man erzählt die Geschichte von einem Stück, Punkt. Vielleicht macht man es mal ein bisschen moderner, aber man würde nie mit einem Händel-Stück eine Lehrstunde über Relativismus abhalten. Und hier wird manchmal die zweite Ebene so laut, dass die eigentliche Geschichte verblasst. Die Balance zu finden ist die Kunst.

 

Frankfurter Schauspiel, Willy-Brandt-Platz. Premiere: 19. November, 19.30 Uhr, Großes Haus.
Kartentelefon: (069) 21 24 94 94.

 

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