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Neues Album „Mailbox Terror“: Interview mit Badesalz: „Wer macht noch Comedy-CDs?“

Der Ausruf „Isch bin doch schwangeer!“ gehört dank „Badesalz“ zum hessischen Sprachschatz wie die „Licherkette“. Das Comedy-Duo ist nach 14 Jahren ins Aufnahmestudio zurückgekehrt. Heute erscheint die Platte „Mailbox Terror“.
Gerd Knebel (li.) und Henni Nachtsheim im Garten in Rodgau. Nach 14 Jahren sind die beiden wieder ins Studio gegangen und haben eine neue „Badesalz“-CD aufgenommen. Foto: Andreas Arnold (dpa) Gerd Knebel (li.) und Henni Nachtsheim im Garten in Rodgau. Nach 14 Jahren sind die beiden wieder ins Studio gegangen und haben eine neue „Badesalz“-CD aufgenommen.

Der eine träumt von einer Rolle als Bond-Bösewicht, der andere würde gerne in einem Pornofilm mitspielen. Doch derartige Angebote sind bislang nicht auf der Mailbox von Gerd Knebel und Henni Nachtsheim gelandet, wie sie im Interview mit Michael Bauer erzählen. Mit „Mailbox Terror“ (Indigo) bringt „Badesalz“ ein Studioalbum in einer Zeit heraus, in der „es den Bereich Comedy-CD eigentlich gar nicht mehr gibt“, so Knebel. Dennoch hoffen die beiden Vollblut-Hessen, dass ihr Album einschlägt.

Herr Knebel, Herr Nachtsheim, seit der Veröffentlichung der vorigen „Badesalz“-CD sind 14 Jahre vergangen. Warum hat das so lange gedauert? Geht Ihnen der Stoff aus?

GERD KNEBEL: Wir wollten nicht einfach eine weitere CD mit 30 Nummern machen, sondern ein anderes Konzept dahinter stellen. Und so lange das nicht da war, wollten wir abwarten. Dann kam die Idee mit der Mailbox. Das hat Henni auch gefallen. Es ist ja auch lustig, eine CD in einer Zeit zu produzieren, wo das kein Mensch mehr macht. Die Kabarettisten nehmen meist ihre Live-Programme eins zu eins auf. Wir gehen aber bewusst ganz neu ran.

Warum nimmt denn eigentlich kaum noch jemand Comedy-CDs auf?

KNEBEL: Zum einen vermutlich, weil sich CDs generell nicht mehr so gut verkaufen. Und zum anderen gibt es den Bereich „Comedy-CD“ eigentlich gar nicht mehr. Da muss vielleicht einfach wieder jemand kommen wie wir. Wenn „Mailbox Terror“ halbwegs funktioniert, kommen bestimmt wieder ein paar Leute auf die Idee.

Sie leben also nicht vom CD-Verkauf, sondern den Live-Auftritten?

KNEBEL: Ich kenne außer dem Rapper Kollegah keinen, der vom CD-Verkauf leben kann. Aber da musst Du schon ein paar harte Sachen sagen. Okay, Helene Fischer und die „Amigos“ verkaufen auch viele.

HENNI NACHTSHEIM: Bei uns ist die Situation so: Wir haben ein eigenes Label und gehen dementsprechend anders ran als früher. Wir achten auf die Ausgaben, und dass wir einigermaßen klug wirtschaften.

Wann haben Sie die Sachen geschrieben?

NACHTSHEIM: Wir waren zehn Tage in Portugal und haben die Sketche geschrieben und dann in einem Studio in Darmstadt aufgenommen. Wir probieren das jetzt einfach mal aus.

KNEBEL: Wenn wir alle Unkosten reinbekommen, wäre schon was gewonnen.

Die Lage ist tatsächlich so schwierig?

NACHTSHEIM: Natürlich gibt es weiterhin Bedarf an Audioformaten. Aber trotzdem wissen wir nicht, ob eine Comedy-Platte noch funktioniert. Wir können das aber entspannt sehen. Wenn wir zum Schluss 1000 Stück verkaufen, ist das okay. Wenn das 10 000 werden, wäre das super. Wir gucken jetzt einfach mal, wie die neue CD angenommen wird. Wir hatten einfach Spaß, beim Schreiben und beim Aufnehmen.

Welche Anrufe würden Sie denn gerne selbst einmal auf Ihrer Mailbox hören?

KNEBEL: Ich hätte nichts dagegen, wenn mal ein Produzent anrufen würde und uns eine Serie anbietet. Es müsste nicht mal Comedy sein.

NACHTSHEIM: Gerd – auch wenn er wahnsinnig bescheiden ist – würde einfach auch mal gerne in einem Bond-Film mitspielen.

KNEBEL: Genau, und zwar den Bösewicht in der Tradition von Götz Otto. Darauf warte ich heute noch.

Welche der „Badesalz“-Figuren sind Ihnen besonders ans Herz gewachsen?

KNEBEL: Man soll ja schon aus pädagogischen Gründen keines seiner eigenen Kinder besonders hervorheben, aber Ritchie, Headbanger und Anita sind schon wichtig, die haben uns seit Jahren begleitet. Das ist auch bei ganz vielen Hessen fest verankert; fast jeder kennt Anita. Und ihr Sohn Kevin spricht nun auf der neuen Platte mit uns. Das ist quasi wie bei Pinocchio: Die Figur spricht mit ihren Schöpfern. Wir wollten nicht einfach einen weiteren Headbanger-Sketch machen.

Anitas Spruch „Ei isch bin doch schwangeer!“ ist hessisches Allgemeingut geworden. Das gleiche gilt für die „Licherkette“. Wie sehen Sie das?

KNEBEL: Ja, oder beispielsweise auch „gereizt“ oder „Fischvergiftung“. Das sind ähnlich wie in der Musik Riffs, wie etwa der „Satisfaction“-Riff, nur halt Comedy-Riffs, die sofort jeder wiedererkennt. Oder auch der Gesang unserer Babu-Bären.

NACHTSHEIM: Oder unser Geburtstagslied. Das hört man auch nach Jahren noch immer wieder. Selbst wenn ich bei Freunden irgendwo im Garten bin und niemand weiß, dass ich in der Nähe bin, höre ich manchmal, wie ein paar Häuser weiter unser „Alles Gute“ angestimmt wird.

Und dann gibt es noch den Anruf des Pornoproduzenten beim Sketch „Fuck and Love“. Was hat es damit auf sich?

KNEBEL: Das ist natürlich Hennis Privattraum, da musste ich einfach mitziehen. Das konnte ich nicht verhindern.

NACHTSHEIM: Auch bei diesem Sketch geht es um Verlogenheit: Der Regisseur will einen politisch ambitionierten Porno in einem stillgelegten Atomkraftwerk drehen. Letztlich geht es aber nur um Sex und Kommerz. Wir hatten großen Spaß dabei, das zu schreiben.

Also würde die Anfrage eines Pornoproduzenten auch noch zur Wunschliste für die private Mailbox gehören?

NACHTSHEIM: Ja, so wie Gerd gerne James Bond wäre, würde ich gerne in einem Porno mitspielen. Aber natürlich nur in einem politisch engagierten!

Sie haben Anfang der 80er Jahre zu den Comedy-Pionieren hierzulande gehört. Inzwischen ist die deutsche Comedy-Szene sehr groß und fast unüberschaubar geworden. Über welche Kollegen können Sie lachen?

KNEBEL: Carolin Kebekus finde ich beispielsweise klasse. Sie ist saufrech, und scheut sich nicht, im richtigen Moment auch mal vulgär zu sein. Sie sagt wichtige Sachen für junge Frauen, wenn sie beispielsweise diesen Bachelor-Schwachsinn anprangert und fragt, wofür haben Frauen denn 20, 30 Jahre gekämpft, wenn sich heute junge Frauen im Fernsehen für so einen Typen zum Affen machen.

NACHTSHEIM: Ich bin ein Riesenfan von Torsten Sträter, der zudem ein sehr sympathischer Kollege ist. Und Luke Mockridge, der live auch in großen Hallen schon eine super Ausstrahlung hat, auch wenn er noch sehr jung ist. Es gibt eine gute Comedy-Szene in Deutschland, und ansonsten ist es so wie beim Essen: Es gibt alle möglichen Stilrichtungen, und wir haben das große Glück, dass wir uns raussuchen können, was uns unterhält.

Wer fällt Ihnen sonst noch ein?

KNEBEL: Helge Schneider ist das beste Beispiel. Es gibt Leute, die ihn hassen. Und es gibt Fans, die ihn vergöttern. Ich finde Helge beispielsweise auch ganz super. Es gibt mindestens drei Bücher über ihn, in dem sein Werk analysiert wird. Da kann man sehen, wie gut der ist. Dieter Nuhr macht beispielsweise auch gute Sachen, auch wenn viel auf ihm herumgehackt wird. Er ist einer der wenigen, der nach links und rechts austeilt. Im Kabarett-Bereich gibt es ganz viele, die komplett links in der Ecke stehen. Und wenn man dann auf etwas deutet und sagt: Das ist aber auch scheiße, das wollen die gar nicht hören. So war das früher schon, da wollte auf Demos niemand hören, was Mao verbrochen hat.

Und wo steht „Badesalz“ in der deutschen Comedy-Szene?

NACHTSHEIM: Wir finden es jedenfalls toll, dass es bei dem großen und oft guten Angebot nach wie vor genügend Leute gibt, die sich für das, was wir machen, interessieren. Das ist ein schönes Gefühl.

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