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KZ-Film „Paradies“,: Interview mit Christian Clauß: „Der Nazi war nur eine Rolle“

Der Schauspieler aus Dresden spielt einen SS-Offizier, der sich zwischen Pflicht und Menschlichkeit entscheiden muss. Regie führte Andrei Konchalovsky.
SS-Offizier Helmut (Christian Clauß) tut Dienst in einem KZ und erkennt in einer inhaftierten Jüdin eine Jugendliebe wieder. Foto: SvetaMalikova SS-Offizier Helmut (Christian Clauß) tut Dienst in einem KZ und erkennt in einer inhaftierten Jüdin eine Jugendliebe wieder.

Gleich mit seinem ersten Film kam er aufs Festival von Venedig. Danach auf die Shortlist der Oscar-Kandidaten. Und schließlich hat er mit „Paradies“ den Bernhard-Wicki-Preis gewonnen. Keine schlechte Bilanz für Schauspieler Christian Clauß (33), der an der Hochschule für Musik und Theater in Leipzig studierte und jetzt am Staatsschauspiel Dresden engagiert ist. Das Angebot des russischen Altmeisters Andrei Konchalovsky („Das Adelsnest“, „Die Abenteuer des Odysseus“) ist shcon an sich eine Auszeichnung. Der Regisseur engagierte Clauß für die Hauptrolle des SS-Offiziers in seinem KZ-Drama. Den Lagerkommandanten spielt Peter Kurth, der in diesem Jahr den Deutschen Filmpreis gewann. Mit Christan Clauß unterhielt sich Dieter Oßwald.

Herr Clauß, mit welchen Gefühlen spielt man solch eine Rolle? Ist das Tragen einer SS-Uniform reine Schauspieler-Routine oder mehr?

CHRISTIAN CLAUSS: Bei der ersten Anprobe in Moskau gab es schon einen Moment, der mir unangenehm war. Da standen sechs Leute der Kostümabteilung um mich herum und waren begeistert, wie gut diese SS-Uniform passt. Da dachte ich mir: Menschen in solchen Uniformen waren dafür verantwortlich, dass 20 Millionen eurer Landsleute ums Leben kamen.

Und mit welchen Gefühlen spricht man die Dialoge eines begeisterten Nazis?

CLAUSS: Der Ekel kam bei mir viel früher auf, während der Recherche. Tatsachenberichte über die KZ zu lesen, ist schwere Kost – und ich hatte einen halben Meter Bücher zur Vorbereitung bekommen. Sehr bedrückend war auch mein Besuch des NS-Dokumentationszentrums in Nürnberg. Beim Spielen selbst hat man dann nur noch die Figur vor Augen: Das ist ein überzeugter Nazi, und entsprechend legt man die Rolle an.

Wie sind Sie an die Rolle gekommen? Der erste Film, und dann gleich beim berühmten Andrei Konchalovsky?

CLAUSS: Das lief ganz unspektakulär. Ich bekam das Drehbuch und danach einen Anruf meines Agenten, dass sich der Regisseur mit mir treffen wollte. Das Casting mit Konchalovsky dauerte fünf Stunden, am Ende war ich sehr begeistert von diesem Regisseur. Allerdings war ich auch unsicher und sagte ihm: „Das ist mein erster Film. Wollen Sie wirklich die Katze im Sack kaufen?“

Immerhin hatten Sie den sehr erfahrenen Peter Kurth an Ihrer Seite. Wie war die Zusammenarbeit?

CLAUSS: Die Arbeit mit Peter Kurth war wunderbar und eine große Hilfe für mich, auch wenn er nicht durchgehend mit dabei war. Ich erinnere mich an eine Szene, die mir einfach nicht richtig gelingen wollte. Da nahm Peter mich zur Seite und meinte, es sei unnötig, dass ich mir all diese Gedanken machte. Ich würde die Dinge verkomplizieren, dabei wäre alles doch wesentlich einfacher. Und dieser Ratschlag hat großartig funktioniert.

Was ist die wichtigste Qualität eines Schauspielers?

CLAUSS: Für mich gehört zu den wichtigsten Qualitäten, mit einem Ensemble gut zurechtzukommen. In diesem Beruf hat man ständig mit neuen Kollegen und Regisseuren zu tun, entsprechend wichtig ist es, sich auf diese Leute einzustellen und für deren Vorstellungen offen zu sein. Den Panzer, den man im Alltag oft braucht, sollte man bei der Schauspielerei ablegen können.

Warum haben Sie diesen Beruf gewählt?

CLAUSS: Theater hat mir schon in der Schule gut gefallen. Doch zunächst habe ich ein Ingenieursstudium begonnen, um später einmal Papas kleine Firma zu übernehmen. Aber ich habe gemerkt, das war nicht das Richtige für mich. Deswegen probierte ich mein Glück in Leipzig an der Schauspielschule – und wurde angenommen.

Fast wäre „Paradies“ für einen Oscar nominiert worden. Doch der Film hat es nur bis in die Endauswahl geschafft. Wie groß war die Enttäuschung?

CLAUSS: In dieser Nacht der Bekanntgabe der Nominierungen war ich schon ziemlich nervös. Und die nächsten ein, zwei Tage dann auch ein bisschen enttäuscht, dass wir nicht dabei waren. Aber dann dachte ich: Das ist vielleicht auch alles ein bisschen zu groß für mich. Es gibt ja genügend Beispiele, wo Leute wahnsinnig in den Himmel gelobt werden – und danach hält ihr Gemüt das gar nicht aus.

Paradies

Vom 27. Juli an in den Kinos

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