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Kult-Band in Frankfurt: Interview mit Depeche Mode: „Diese Angst ist verrückt“

Heute Abend geht das Konzert des Jahres in der Frankfurter Commerzbank-Arena über die Bühne: „Depeche Mode“ kommen mit „Spirit“, dem finstersten Album ihrer Karriere.
Topfit: „Depeche Mode“-Sänger Dave Gahan bei einem Aufritt vor ein paar Tagen in Budapest. Foto: Zoltan Balogh (MTI) Topfit: „Depeche Mode“-Sänger Dave Gahan bei einem Aufritt vor ein paar Tagen in Budapest.
Frankfurt. 

So düster und bedrohlich wie auf ihrem vierzehnten Studioalbum „Spirit“ klangen Dave Gahan (54), Martin Gore (55) und Andy Fletcher (55) wohl noch nie in ihrer mehr als 35 Jahre währenden Weltkarriere. So packend aber auch lange nicht mehr. Die Platte ist vielschichtig und komplex, klingt oft wüst („Scum“), manchmal auch ganz sanft („Cover Me“, „Eternal“). Wie meist stammt der Großteil der Songs von Gore, aber auch Gahan hat wieder vier Stücke beigetragen, „You Move“ ist eine Gemeinschaftskomposition der beiden. Steffen Rüth sprach mit Sänger Dave Gahan und Multi-Instrumentalist Martin Gore in New York.

Mr. Gahan, Mr. Gore, ist „Spirit“ das pessimistischste „Depeche Mode“-Album aller Zeiten?

MARTIN GORE: Das Wort „pessimistisch“ kann ich nicht so gut leiden. Ich mag den Begriff „realistisch“ lieber. Wir sprechen die Dinge so an, wie sie sind. Falls das ein bisschen deprimierend rüberkommt, dann tut es mir leid.

Mr. Gore, Sie singen auf „Eternal“ selbst. Der Song handelt von ihrer kleinen Tochter Johnnie Lee, die vor einem Jahr zur Welt kam. Ein schöner Song, darin heißt es: Wenn der radioaktive Regen fällt, werde ich dir in die Augen schauen und dich küssen. Musste das wirklich sein?

GORE: Das ist doch romantisch! Okay, sagen wir, es ist meine Art der Romantik. Ich denke, wenn du in der heutigen Zeit ein Kind in die Welt setzt, dann musst du immer mit dem Schlimmsten rechnen. Es gibt eine allgegenwärtige Gefahr, Atomkrieg inklusive. Wir haben seit einigen Monaten einen verrückten Mann im größten und wichtigsten Amt der Welt. Wer weiß schon, was da passieren wird.

Mr. Gahan, Ihre Tochter wird im Juli 18. Sind Sie besorgt darüber, in was für einer Welt sie einmal leben wird?

DAVE GAHAN: Absolut. Die Frage stelle ich mir, auch in Bezug auf meine zwei erwachsenen Söhne. Du willst, dass die Kinder geborgen und in Freiheit aufwachsen. Dass sie sich entscheiden können, wie sie leben wollen. Die Angst, die Politiker wie Trump verbreiten, ist irreal, verrückt. Überall auf der Welt wollen die Menschen in Frieden, Sicherheit und Freiheit leben. Die Welt lässt sich nicht einteilen in die Guten und die Bösen.

Die Grundstimmung auf „Spirit“ ist dunkel, traurig und wütend. Ist das Album ein Ausdruck von Sorge, Angst, Wut und Frust angesichts der Entwicklungen auf der Welt?

GAHAN: Ja. Vor allem verspüre ich Frust und Verunsicherung. Wo soll es hingehen? Wem sollen wir glauben? Wem folgen? Man kann schon sehr sarkastisch werden.

Das Album beginnt mit „Going Backwards“, „Where’s The Revoultion“ und „The Worst Crime“, drei sehr politische Songs. Was hat Sie dazu bewogen? Der Brexit? Trump?

GORE: Das Album war schon fertig, als Trump an die Macht kam, und schon geschrieben, als die Briten für den Brexit stimmten. Ich denke, die Menschheit ist sehr weit abgekommen von ihrem Pfad. Wir haben viel von unserem menschlichen Geist verloren, wir haben einige wirklich schlechte Entscheidungen getroffen in den vergangenen Jahren, die ich nur schwer verkraften kann.

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Andy Fletcher lebt in London, Dave Gahan in Manhattan, Martin Gore in Santa Barbara. Es ist wohl kein Zufall, dass . . .

GAHAN: . . . wir uns alle drei in liberalen Enklaven niedergelassen haben? Sicherlich nicht. Dort leben wir sehr gern und sehr gut. Wir sind gesegnet, haben Möglichkeiten im Überfluss, aber das heißt nicht, dass wir uns nicht für das interessieren, was um uns herum passiert. Diese Themen haben sehr bewusst ihren Weg auf das neue Album gefunden.

Was hat Sie besonders bewegt?

GORE: Für uns war der Krieg in Syrien ein großes Thema. Wenn wir mit der Arbeit an einem neuen Album beginnen, dann treffen wir uns ja immer erst mal und besprechen in Ruhe, wo wir persönlich so stehen und wie wir die Welt sehen. Andy, Dave und ich waren erschüttert, dass die Welt sich zurücklehnt und dieses Abschlachten aus sicherer Entfernung beobachtet. Sehr bewegt hat uns auch die „Black- Lives-Matter“-Kampagne. Wie kann es sein, dass schwarze Menschen in den USA reihenweise von der Polizei erschossen werden? Manchmal sieht es für mich so aus, als hätte es in diesem Land nie eine Bürgerrechtsbewegung gegeben.

Wo ist sie denn, die Revolution? Warten Sie auf einen Aufstand?

GORE: So einen polarisierenden Machthaber wie Trump habe ich in einer Demokratie noch nicht erlebt. Er macht eine Politik, die von vernünftigen Leuten schlicht für Wahnsinn gehalten wird. Und über den Brexit hätte man niemals eine solche Volksabstimmung mit einfacher Mehrheit machen dürfen. Das war ein gigantischer Fehler. Am Ende ging es ja fast 50:50 aus. Die meisten Leute wussten ohnehin nicht, was sie da zu entscheiden hatten. Es kann zu einem Punkt kommen, an dem es sehr viel Unruhe gibt. Das komplette Album ist ein Aufruf, uns zusammenzuraufen. Ich will nicht, dass die neue Platte zu depressiv wirkt, sie soll auch kämpferisch sein.

Vertrauen die Leute „Depeche Mode“ nicht blind?

GAHAN: Du musst dich immer wieder neu bewerben und behaupten. Selbstverständlich ist nichts. Natürlich ist ein Vertrauensvorschuss schön, aber die Qualität des Albums sollte dieses Vertrauen bestätigen. Sonst sind die Leute enttäuscht – auch von uns.

Ganz früher galten Sie als Teenieband, inzwischen sind Sie Ikonen. Liegt das am Alter?

GAHAN: Auch. Aber nicht nur. Nach all den Jahren ist es für uns entscheidend, dass ein Album standhalten kann. Nach 35 Jahren deine kreativen Grenzen zu verschieben ist nicht einfach und manchmal unbequem. Aber eine Alternative sehe ich für uns nicht.

Wer „Spirit“ gehört hat, der macht sich danach noch mehr Sorgen um die Welt als vorher.

GORE: Ja. Das soll er auch! Denn die Sorgen sind berechtigt.

Mr. Gahan, soweit man weiß, sind Sie ein glücklicher, nach Drogenexzessen, Herzstillstand und Blasenkrebs inzwischen gesund lebender, durchtrainierter Mann von 54 Jahren. Warum schreiben Sie so abgründige Songtexte wie zu „Poison Heart“ ?

GAHAN: In Musik und Texten offenbare ich Aspekte von mir, die ich so im wahren Leben nicht formulieren kann und möchte. Und die ich auch nie in einer Beziehung ausleben würde. In meinen Songs kommt der Teil meiner Persönlichkeit zum Ausdruck, der ansonsten verschlossen und versteckt bleibt. Aus gutem Grund.

Warum?

GAHAN: Ich kann es nicht genau sagen. Ich weiß nur: Manchmal muss ich Dark Dave rauslassen. Sonst würde er mich auffressen. Glücklicherweise kann ich heute reinschlüpfen und rausschlüpfen aus diesem Charakter. Ich bin nicht mehr auf der dunklen Seite gefangen, so wie früher.

Hell wird es selbst am Schluss des Albums nicht. Im letzten Song „Fail“ singen Sie „Oh, we are fucked“.

GAHAN: Für mich ist das schlüssig. Die Menschheit ist am Ende und macht trotzdem weiter.
GORE: Das kleine bisschen Hoffnung ist die schöne Instrumentalmusik nach der letzten Zeile.

Bei all den Entwicklungen in den USA und England – wollen Sie nicht nach Deutschland ziehen?

GORE: Das ist witzig. Darüber habe ich auch gerade mit jemandem gesprochen, der in Berlin lebt. Aber ich habe einen 14-jährigen Sohn, der nur alle zwei Wochen bei mir ist, daher ist es etwas schwierig, momentan aus Santa Barbara wegzuziehen, wo ich seit fast 20 Jahren lebe und mich auch sehr wohl fühle.
GAHAN: In New York habe ich meine Heimat gefunden, die Stadt ist unsere kleine Insel inmitten des Wahnsinns. Aber ich bin auch sehr, sehr gerne in Berlin.

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