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Lesungskonzert in Frankfurt: Interview mit Felicitas Hoppe„Ausschmücken heißt erzählen!“

Am Montag startet in Frankfurt und der Rhein-Main-Region das einwöchige „Literaturm“-Festival mit einem Lesungskonzert mit Felicitas Hoppe.
Mit seinen ebenso fundierten wie eleganten Biografien hat Oliver Hilmes dem Genre zu neuem Glanz  verholfen. Foto: Max Lautenschlaeger (Max Lautenschlaeger) Mit seinen ebenso fundierten wie eleganten Biografien hat Oliver Hilmes dem Genre zu neuem Glanz verholfen.
Frankfurt. 

Thema sind in diesem Jahr alle möglichen Spielarten von Biografien: fiktive wie echte, Autobiografien, Sachbücher und Künstlerromane. Von Montag bis Sonntag finden jeden Tag zahlreiche Lesungen statt. Einer der Festivalgäste ist Oliver Hilmes. Seit seinem Buch über Alma Mahler-Werfel, „Witwe im Wahn“, ist er einer der prominentesten Biografen in Deutschland. Er schrieb über Ludwig II., Cosima Wagner und über Franz Liszt. Zuletzt erschien 2016 ein Buch über „Berlin 1936. Sechzehn Tage im August“. Dierk Wolters hat sich mit Oliver Hilmes über die Besonderheiten des biografischen Genres unterhalten.

Herr Hilmes, wie sind Sie zum Biografien-Schreiben gekommen?

OLIVER HILMES: Das hat sich aus meinem Studium der Geschichte, Psychologie und Politikwissenschaften heraus entwickelt. In meiner Magisterarbeit habe ich mich mit dem Musikkritiker Alfred Valentin Heuß beschäftigt, dessen Kritiken zu einer Politisierung der Musikkritik beigetragen haben. So ist schon meine Magisterarbeit zu einer kleinen Biografie geworden. In meiner Doktorarbeit ging es dann um Gustav Mahler, und über den kam ich auf Mahlers Ehefrau Alma. Erstmals habe ich ihren Nachlass in Philadelphia ausgewertet, und daraus hat sich geradezu logisch meine erste Biografie entwickelt, „Witwe im Wahn“. Spannende Leben haben mich schon immer interessiert.

War Ihr Psychologie-Studium hilfreich für das Schreiben von Biografien?

HILMES: Ja – nicht so sehr das Studium, aber vielleicht die Fähigkeit, sich in andere Menschen hineinzuversetzen, wie sie zu denken, auch wenn es einem vielleicht gegen den Strich geht. Ohne diese Empathie könnte man keine gute Biografie schreiben.

Was zeichnet eine gute Biografie aus?

HILMES: Eine Biografie ist immer die Rekonstruktion eines Lebens. Man kann zwar nicht immer behaupten, dass es so war und nicht anders. Aber man muss sich bemühen, ihm möglichst nahe zu kommen. Wichtig ist, die elementaren Weichenstellungen nachzuvollziehen und den Lebensentwurf zu rekapitulieren. Zum Handwerk gehört ferner, möglichst viele Quellen aufzutun. So kann man die Person aus eigenen Aufzeichnungen sprechen lassen. Das können Briefe, Tagebücher und Fotos sein. Und nicht zuletzt sollte man gut schreiben können. Biografien in einem pseudowissenschaftlich-verzopften Stil, das ist nicht mein Ding. Ich finde, man muss es elegant machen.

Felicitas Hoppe, Ralf Rothmann und viele andere kommen

Sagen, wie es wirklich gewesen ist – was so einfach klingt, ist ungemein schwierig. Polizisten wissen ein Lied davon zu singen, wie unterschiedlich Unfallbeteiligte sich an den Hergang erinnern.

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Wie unterhaltend muss eine Biografie sein, und wie wissenschaftlich?

HILMES: Das eine schließt das andere nicht aus. Nehmen Sie Theodor Mommsen, den großen Historiker – er hat den Literaturnobelpreis erhalten. Man kann sehr präzise schreiben, und es kann trotzdem literarisch sehr gut sein.

Braucht man Respekt und eine hohe Meinung von seinem Gegenstand, oder ist da auch eine gewisse Lust am Klatsch und Tratsch hilfreich?

HILMES: Letzteres kann hinzukommen. Und wenn ich eine Hitler-Biografie schreiben würde, habe ich natürlich keine hohe Meinung von dieser Person. Aber wichtig ist, dass ich mich gerne mit ihr beschäftige! So eine Biografie zu schreiben braucht schon zwei Jahre Zeit. Natürlich kann man sich an dieser Person reiben und im Widerspruch stehen, aber das Interesse muss da sein. Auf keinen Fall darf es liebedienerisch werden. Wenn man so begeistert ist von seinem Gegenstand, wird das schnell falsch.

Zwei Jahre für solch dicke Bücher wie Ihre ist nicht lang, oder?

HILMES: Das ist jetzt eine ganz subjektive Sache. Ich bin da vielleicht schneller als andere.

Das scheint mir so.

HILMES: Das meine ich jetzt ganz ohne Stolz, aber mir geht das Schreiben recht schnell von der Hand. Zwei Jahre für Alma Mahler, Cosima Wagner oder Ludwig II.. Mein letztes Buch, „1936“, ist dünner. Dafür habe ich keine zwei Jahre gebraucht.

Wie teilen sich diese zwei Schreibjahre auf? Das erste fürs Recherchieren, das zweite fürs Schreiben?

HILMES: Nein, das so aufzuteilen wäre für mich völlig unvorstellbar. Schreiben und Recherchieren läuft für mich immer parallel, vom ersten bis zum letzten Tag. Zunächst einmal liest man natürlich, was es schon Biografisches gibt. So bekommt man schnell ein Gespür für die Schwächen. Irgendwann ist dann eine kritische Masse erreicht, und dann schreibe ich ein Kapitel, das aber nie das erste des Buches ist. So setze ich sukzessive das Werk zusammen, schreibe mal vorne, mal hinten. Fertig ist das Buch erst an dem Tag, an dem es zur Druckerei geht.

Es gab Jahrzehnte, in denen war das biografische Genre eher verpönt, heute boomt es. Können Sie sich erklären, warum?

HILMES: Das hat etwas mit unserer akademischen Ausbildung in den 60er und 70er Jahren zu tun. Da galt die Biografie als unseriöses Metier. Der Historiker Hans-Ulrich Wehler hat ein berühmtes Buch über das Kaiserreich geschrieben, ein wirklich gutes Buch, aber wenn Sie das lesen, haben Sie das Gefühl, als habe es gar keinen Kaiser gegeben. Der kommt in dem Buch gar nicht vor – oder allenfalls als Strukturproblem. Lange galt es, Geschichte nur als Ereignis, nicht aber als Geschichte von Persönlichkeiten zu schreiben. Das prägt natürlich den literarischen Output eines Landes. In Amerika oder England war das nie der Fall.

Sie hatten nie das Gefühl, sich in unseriöse Fahrwasser zu begeben, wenn Sie eine Biografie schreiben?

HILMES: Ich habe Vorbehalte gelegentlich gespürt, gerade von älteren Kollegen. Aber ich selber habe da nie auch nur eine Sekunde gezweifelt.

Was kann ein Biograf leisten, was jemand, der sein eigenes Leben beschreibt, nicht kann?

HILMES: Wenn Sie eine Autobiografie schreiben, sind Sie immer verleitet, Dinge schöner darzustellen, als sie wirklich waren, sich in die Tasche zu lügen, ganze Teile wegzulassen. Die Autobiografie ist insofern ein ganz anderes Genre. Biografien sollten unvoreingenommen sein – Autobiografien können das gar nicht.

Wie ist das bei Ihnen mit dem Ausschmücken – darf man das?

HILMES: Ja natürlich! Das Ausschmücken beginnt ja schon mit der Literarisierung. Sonst könnte ich es ja bei einem Steckbrief belassen, Name, Geburtsort, Datum . . . Ausschmücken heißt erzählen – also: ja. Erfinden allerdings: nein. Wenn ich etwas nicht weiß, muss ich das schreiben und dem Leser meine Mutmaßungen erklären. Wenn man eine Sache nicht sicher rekonstruieren kann, kann man den Leser damit ja nicht allein lassen! Mit Wahrscheinlichkeiten zu spielen ist also nicht nur legitim, sondern sogar die Pflicht eines guten Biografen. Nur zu sagen: Das weiß ich nicht – das wäre zu wenig. Dann ließe ich meine Leser ja allein.

Literaturm: Biografie!

4.–10. Juni 2018. Das komplette
Programm unter www.literaturm.de. Karten über www.adticket.de,
Hotline 01 80-6 05 04 00, Restkarten
an der Abendkasse

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