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Dokumentation „Score“: Interview mit Filmkomponist Alexandre Desplat: „Wenn Worte fehlen, spricht die Musik“

Der französische Oscar-Preisträger erhielt die höchste Hollywood-Ehrung für seinen Sound zu „The Grand Budapest Hotel“ und zeigt nun, wie er arbeitet.
Der französische Filmkomponist Alexandre Desplat (56) bei den Filmfestspielen in Cannes. Foto: Guillaume Horcajuelo (EPA) Der französische Filmkomponist Alexandre Desplat (56) bei den Filmfestspielen in Cannes.

Er komponierte die Musik für über 150 Film- und Fernsehproduktionen. Für seine Musik zu „The Grand Budapest Hotel“ bekam Alexandre Desplat einen Oscar, ebenso wie den Europäischen Filmpreis für „Die Queen“ und „Der Ghostwriter“. Zu den weiteren Filmen, für die der heute 56-jährige Franzose die Begleitmusik schuf, gehören „Harry Potter“ und „Das Mädchen mit dem Perlenohrring“. Zuletzt hat er die Klangkulisse für „The Shape of Water – Das Flüstern des Wassers“ von Guillermo del Toro entworfen. Der Film kommt am 15. Februar in die Kinos und ist vorab am 20./21. Januar bei den „White Nights“ in der Frankfurter Harmonie zu sehen. Jetzt aber ist Komponist Desplat mit Hans Zimmer und anderen Kollegen erst einmal in der Dokumentation „Score – Eine Geschichte der Filmmusik“ zu erleben. Mit dem Musiker, der Klavier, Trompete und Flöte spielt, sprach Dieter Oßwald.

Monsieur Desplat, worin bestand für Sie der Reiz, den Score des Fantasyfilms „The Shape of Water – Das Flüstern des Wassers“ von Guillermo del Toro zu erschaffen?

ALEXANDRE DESPLAT: Guillermo und ich kennen uns schon seit einigen Jahren. Als er mir von dieser Lovestory zwischen einem Amphibien-Mann und einer Frau erzählte, war ich sofort völlig fasziniert. Es war einfach wunderbar poetisch, und einem Künstler wie Guillermo kann man zutrauen, daraus etwas außergewöhnlich Schönes zu schaffen. Die Kamera ist ständig in Bewegung, diesem stetigen Fluss wollte ich mit meiner Musik entsprechen. Schon nach wenigen Sekunden spürt man hier die Magie – wie vielen Filmen gelingt so etwas schon?

Welche Aufgabe hat die Musik bei der Magie, dem Zauber?

DESPLAT: Für mich hat die Musik die Aufgabe, in den Film einzutauchen und ganz dicht bei den Schauspielern zu sein. Besondere Dialoge lassen sich mit Musik wirkungsvoll unterstreichen, ebenso ist sie ein wunderbarer Ersatz, wenn den Figuren die Worte fehlen.

Ab welchem Zeitpunkt steigen Sie in ein Projekt ein?

DESPLAT: Das hängt davon ab, wann mir ein Auftrag erteilt wird. Weil ich mittlerweile sehr zahlreiche Anfragen bekomme, möchte ich möglichst früh einsteigen, schließlich gibt es bei jedem Film enge Zeitpläne für die Fertigstellung. Vorab lassen sich allerdings lediglich einige Skizzen entwerfen. Mit der eigentlichen Arbeit beginne ich, sobald ich den Film gesehen habe. Von diesem Moment an kann ich den Sprung ins Wasser wagen.

Wie viel Zeit haben Sie, den Score für einen Film zu schreiben?

DESPLAT: Ich muss prinzipiell immer schnell arbeiten. Bei dem großen Projekt „Harry Potter“ mit sehr viel Musik und Orchestereinsatz hatte ich zweieinhalb Monate Zeit. In anderen Fällen, wie „Die Queen“, standen mir lediglich zwei, drei Wochen zur Verfügung.

Was tun Sie, wenn Ihnen keine Klänge zu den Bildern einfallen?

DESPLAT: Das darf nicht passieren, die Arbeit muss termingerecht abgeliefert werden, schließlich liegt das Datum des Kinostarts fest. Bisweilen kann das die Hölle sein. Wenn man an einem Tag nur Müll produziert, muss man den Rückstand in der Nacht unbedingt aufholen. Vermutlich ahnen nur wenige, wie schwierig dieser Job tatsächlich ist. Zunächst muss man eine Idee finden, die den Produzenten und den Regisseur überzeugt. Man muss dem Regisseur gut zuhören können, um dessen Absichten und seinen Geschmack zu erfassen. Danach folgen das sehr schnelle Komponieren sowie die Aufnahme der Musik. Und bei all diesem Druck sollte man seine künstlerische Integrität nie vergessen.

Haben der Oscar und all die anderen Auszeichnungen Ihre Arbeit leichter oder schwieriger gemacht?

DESPLAT: Auszeichnungen sind immer schön. Allerdings ist auch ein Oscar letztlich keine Hilfe für mein schwaches Selbstbewusstsein. Noch immer habe ich vor jedem Auftrag die Angst, zu versagen. Und davor, dass dann meine Karriere schnell beendet wäre. Zudem hängt ein Oscar ja nicht nur an meiner Arbeit allein, dafür muss auch der Film selbst sehr stark sein – sonst wird die Musik gar nicht wahrgenommen.

Der Regisseur Luis Buñuel hat einmal gesagt, Filmmusik sei ein Betrugsmanöver. Was sagen Sie?

DESPLAT: Buñuel war ein großartiger Regisseur, ein wahrer Künstler und Surrealist, den ich bewundere. Dass er keine Filmmusik mag, stört mich überhaupt nicht. Viele Regisseure verzichten auf Musik, denken Sie an Robert Bresson oder an die dänische Dogma-Bewegung. Auch Tarantino verwendet nur Songs und keine Kompositionen.

Und was sagen Sie zum Vorwurf der Manipulation durch die Musik?

DESPLAT: Kino ist immer Manipulation. Bereits die Art, wie eine Geschichte erzählt wird, ist pure Beeinflussung. Warum soll Musik manipulativer sein als ein Drehbuch? Oder jene Träne, die dem Schauspieler über das Gesicht rollt? Nur schlechte Musik ist wie Kleister. Ein guter Score unterstützt den Film. Nehmen Sie Roman Polanski. Bei ihm gibt es während spannender Szenen nie Musik, jedoch davor und danach. Wodurch die Wirkung viel intensiver ausfällt.

Score – Eine Geschichte
der Filmmusik

Vom 4. Januar an in den Kinos

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