Lade Login-Box.
E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer

Einer der letzten großen deutschen Liedermacher geht auf Abschiedstournee: Interview mit Hannes Wader: „Meine Lieblingsstimmung ist die Melancholie“

Im Sommer wird er 75 Jahre alt: Anlass für den Liedermacher Hannes Wader, sich von seinem Publikum zu verabschieden. Auch mit einem Auftritt in Darmstadt.
Auch im Alter kein bisschen leise: Liedermacher Hannes Wader. Foto: Karlheinz Schindler (dpa-Zentralbild) Auch im Alter kein bisschen leise: Liedermacher Hannes Wader.

Ein halbes Jahrhundert „on the road“ und kein bisschen leise: Hannes Wader, Polit-Provokateur und Poet mit unverkennbar sonorer Stimme, gilt als einer der letzten großen deutschen Liedermacher im traditionellen Sinne. Am 23. Juni wird der Sänger 75 Jahre alt. Auf seiner Abschiedstournee, die ihn am 6. Februar auch in die Darmstädter „Centralstation“ führt, präsentiert er persönliche, politische und gesellschaftskritische Lieder, gewürzt mit schwarzem Humor und Selbstironie. Olaf Neumann befragte Hannes Wader zu seinen Anfängen und Idolen.

Herr Wader, Sie sind im selben Alter wie Bob Dylan, der seit 30 Jahren auf seiner „Never Ending Tour“ ist. Warum wollen Sie nächstes Jahr mit der ewigen Tourerei aufhören?

HANNES WADER: Ich werde in diesem Jahr 75. Es beginnt, mich anzustrengen. In den letzten 50 Jahren habe ich nie länger als ein Vierteljahr ausgesetzt. Ich war immer auf der Straße. Bevor nicht nur ich, sondern noch andere das Alter bei mir bemerken, möchte ich lieber mit dem Herumreisen aufhören. Im Grunde sind es noch fünf Tourneen, die ich bis Anfang 2018 spielen werde. Und dann tschüs! Es wird danach sicher noch vereinzelt Auftritte geben, aber nicht mehr ein Dutzend am Stück.

Was macht Sie beim Rückblick auf Ihre bisherige Karriere zufrieden?

WADER: Daran habe ich bisher noch gar nicht gedacht. Meine Karriere ist ein Wechsel von Siegen und Niederlagen, da muss ich erst Papier und Kugelschreiber in die Hand nehmen und das aufschreiben. Ich muss mich noch mit dem Gedanken anfreunden, aufzuhören. Jetzt gucke ich erstmal nach vorne.

Haben Sie für Ihren Erfolg einen Preis zahlen müssen?

WADER: Es kommt mir so vor, dass der Preis, den ich gezahlt habe, gar nicht so hoch war, sondern dass andere dafür einen hohen Preis zahlen mussten. Mir war das alles nur möglich mit einer Art von Rücksichtslosigkeit. Ich war darauf von Anfang nicht vorbereitet. Ich habe Dekorateur in einem Schuhgeschäft gelernt, nach acht Jahren Volksschule. Eigentlich war mein Weg vorbestimmt, aber mit dieser Vorbestimmung habe ich gebrochen, ohne Rücksicht auf Verluste.

Verlangt die Kunst eine gewisse Rücksichtslosigkeit?

WADER: Ich würde sagen: ja. Das trifft aber nicht nur auf mich zu, sondern auf alle, deren Weg nicht vorbestimmt ist. Es sei denn, sie sind in einem entsprechenden sozialen Umfeld aufgewachsen. Solche Leute sind von ihrer Herkunft her begünstigt. Mich aber hat niemand gefördert, ich entstamme dem ostwestfälischen Landproletariat. Mein Vater war Knecht auf einem Bauernhof, meine Mutter Putzfrau. Wenn man überhaupt nicht das macht, was andere auf dem Zettel haben, eckt man logischerweise an. Das macht man nicht ohne Hautabschürfungen.

Sie galten schon früh als Rebell. Sind Sie das noch immer?

WADER: Ja, aber dazu gehört nicht viel. Schon die Idee, einfach nur singen zu wollen, statt Schaufenster zu dekorieren oder auf den Bau zu gehen, ist schon rebellisch genug. Damit zieht man sich raus aus dem Üblichen. Das macht man nicht ungestraft, das wird sofort geahndet von allen, die um einen rum sind.

Welchen Anspruch haben Sie an Ihre Lieder?

WADER: Ich möchte schon, dass sie etwas bewirken. In meinen Anfängen war die Frage sehr präsent, ob man mit Liedern die Welt verändern kann. Mir war klar, das ist unmöglich. Aber man kann ganz bestimmte soziale Bewegungen begleiten. Damals hatten die Studentenproteste und die Friedensbewegung die gesamte westliche Welt ergriffen. Anfänglich gab Bob Dylan diesen Bewegungen eine Stimme, obwohl er das gar nicht so wollte. Er ist ein Genie, und das ist alles aus ihm herausgebrochen. Dylan ist auch ein sehr rücksichtsloser Mensch, der nicht nach links und rechts guckt. Aber er hat sich auch gewehrt gegen die Festnagelung als Protestsänger und als die Stimme der Weltjugend. Das hat ihn angekotzt, er wollte singen! Ich kann das sehr gut verstehen, ich lasse mich auch nicht gern auf irgendwelche Inhalte oder Botschaften festnageln.

Was wird an Ihnen verkannt?

WADER: Ich fühle mich nicht verkannt, nicht mal von denen, die mich hassen. Mit dem Echo, das ich hervorrufe, bin ich zufrieden. Man kann nicht allen gefallen.

Schreiben Sie auch Lieder, weil Sie an der Welt leiden?

WADER: Ganz bestimmt. Sie haben das schon richtig gesagt: „auch“. Weltschmerz ist nicht der einzige Grund für das Schreiben von Liedern. Aber besonders das Singen selbst ist für mich etwas in hohem Grad Therapeutisches. Lieder schreiben und Singen ist Autotherapie. Ich bin von Haus aus kein besonders heiterer Mensch, in meiner Grundstimmung war ich immer aggressiv-depressiv. Meine Lieblingsstimmung ist die Melancholie.

Hat das etwas mit der Zeit zu tun, in der Sie aufgewachsen sind? Als Kind haben Sie die letzten Jahre des Zweiten Weltkriegs miterlebt.

WADER: Natürlich, das war absolut prägend. Ich war schon immer sensibler als andere. Wehleidiger. Ich habe als Kind viel geweint, sagen meine acht und neun Jahre älteren Schwestern. Ich habe mich immer unverstanden gefühlt. Es hat mir alles immer unheimlich viel ausgemacht und mich direkt getroffen. Für diese Überempfindlichkeit kann meine Familie nichts, die mich im Krieg und in der Nachkriegszeit zwangsläufig auch ein bisschen vernachlässigt hat. In gewisser Weise war ich verwahrlost. Und mit meiner Empfindlichkeit bin ich anderen ziemlich auf den Wecker gegangen.

Muss man Optimist sein, wenn man Lieder schreiben will?

WADER: Ich bin es, aber grundsätzlich muss ein Künstler gar nichts. Er muss frei sein.

Wie blicken Sie in die Zukunft?

WADER: Im Augenblick nicht besonders optimistisch, was die nationale und internationale Lage betrifft. Aber es gibt auch immer Entwicklungen oder einzelne Menschen, die einen wieder hoffen lassen. Gandhi hat eines der größten Völker der Erde befreit. Ein anderes Beispiel ist Mandela. Oder diese wunderbare Ohrfeige, die Beate Klarsfeld damals Bundeskanzler Kiesinger verpasst hat. Der Frau möchte ich gerne mal die Hand schütteln! Oder Willy Brandts Kniefall in Warschau. Das sind Sternstunden, an die man sich emotional halten kann.

 

Centralstation Darmstadt, Im Carree,
6. Februar, 20 Uhr. Ausverkauft!
Eventuell Restkarten an der Abendkasse. Telefon (0 61 51) 78 06-9 99. Internet www.centralstation-darmstadt.de

 

Zur Startseite Mehr aus Kultur

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2017 Frankfurter Neue Presse