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Das Haus der Geschichte in Bonn will auch das Thema Terroranschläge abbilden: Interview mit Hans Walter Hütter: Kommt der Terror-Laster ins Museum?

Der Lastwagen, mit dem der Berliner Terroranschlag verübt wurde, ist ein Mordwerkzeug, aber wohl auch ein Objekt deutscher Zeitgeschichte.
Soll der Lastwagen, mit dem ein Attentäter in Berlin 12 Menschen tötete, ins Museum? Diese Frage wird von Historikern diskutiert. Bilder > Foto: Britta Pedersen (ZB) Soll der Lastwagen, mit dem ein Attentäter in Berlin 12 Menschen tötete, ins Museum? Diese Frage wird von Historikern diskutiert.

Ist der Lastwagen, mit dem der Anschlag auf dem Berliner Weihnachtsmarkt verübt wurde, ein Museumsstück? Oder wäre das geschmacklos, gleichsam ein Ritterschlag für den Täter? Das sind Fragen, die derzeit den Präsidenten der Stiftung Haus der Geschichte in Bonn, Hans Walter Hütter, bewegen. Der 62 Jahre alte Historiker ist seit 2007 Präsident der Stiftung. „Geschichte erleben“ ist für den gebürtigen Mönchengladbacher das Motto des Hauses. Christoph Driesen von der Deutschen Presse-Agentur traf Hans Walter Hütter zum Interview.

Herr Hütter, wird sich das Haus der Geschichte um den Lastwagen bemühen, mit dem der Berliner Terroranschlag verübt wurde?

HANS WALTER HÜTTER: Es ist noch zu früh, um darauf eine abschließende Antwort geben zu können. Es läuft ja noch ein Untersuchungsverfahren. Und um die richtige Auswahl treffen zu können, braucht man auch zeitlichen Abstand. Der ganze Lastwagen ist wohl auch zu groß. Eher müsste man an ein bestimmtes Teil denken. Wir zeigen in Bonn zum Beispiel die Tür eines Bundeswehr-Fahrzeugs, das in Afghanistan beschossen wurde.

Viele Menschen werden vermutlich gar nicht verstehen können, dass man auch nur darüber nachdenken kann, ein solches Mordwerkzeug ins Museum zu stellen. Ist das nicht gleichsam ein Ritterschlag für den Täter?

HÜTTER: Diese Frage stellen wir uns natürlich auch immer: Erreichen die Täter dadurch nicht gerade das, was sie wollen, nämlich öffentliche Aufmerksamkeit, und das auch noch dauerhaft? Ganz wichtig ist für uns deshalb: Das Geschehen darf auf keinen Fall nur aus Sicht des Täters dargestellt werden, das wäre falsch. Aber wenn ein Thema von gesellschaftlicher Relevanz ist, und das ist in diesem Fall ja in der Tat so, dann gehört es zu unserer Geschichte, ob wir das wollen oder nicht. Und wenn wir den Auftrag haben, das materielle Erbe der Vergangenheit zu bewahren, dann gehören auch solche Themen dazu. Aber ausdrücklich immer in dieser Kontextualisierung. Und man braucht immer einen zeitlichen Abstand, um die Tat selber und die Folgen überhaupt bewerten zu können.

Was haben Sie bisher zum Thema Terrorismus in Ihrer Sammlung?

HÜTTER: Wir zeigen in der Dauerstellung in Bonn verschiedene Objekte des RAF-Terrorismus, unter anderem das Flächenschussgerät, mit dem die Bundesanwaltschaft angegriffen wurde. Die Kölner Nagelbombe der Neonazi-Zelle NSU steht für den aktuellen Rechtsradikalismus. Und wir haben jetzt auch Teile der Twin Towers aus New York bekommen, einige durch den Terrorangriff am 11. September brutal verbogene Metallträger und Teile der Fassade, die diese schiere Gewalt zeigen. Aber auch eine kleine ID-Card eines Mitarbeiters der Deutschen Bank, der dort zu Tode gekommen ist. Sie steht für das menschliche Leid dieses Terrorverbrechens. In welcher Form der in Deutschland angekommene IS-Terror in die Sammlung integriert wird, ist noch zu diskutieren.

Woran könnte man da denken?

HÜTTER: Verschiedene Aspekte sind hierbei zu berücksichtigen: Die Tat selbst, die Täter und das Tatwerkzeug, die Opfer, deren Angehörige und die gesellschaftlichen Folgen. Man braucht also ein ganzes Konvolut von aussagekräftigen Objekten, Dokumenten, Fotos, Ton- und Filmbeiträgen.

Das Rijksmuseum in Amsterdam hat sich vor einigen Jahren die Pistole gesichert, mit der 2002 der Rechtspopulist Pim Fortuyn erschossen wurde. Das verursachte anfangs einige Aufregung.

HÜTTER: Ja, unmittelbar nach der Tat ist das immer schwierig, vor allem für die Angehörigen der Betroffenen. Man muss mit Respekt den richtigen Zeitpunkt abpassen. Aber dann muss man als Museumsmensch, der für die Überlieferung des materiellen Erbes der Vergangenheit zuständig ist, handeln – und zwar immer mit dem notwendigen Augenmaß.

Gibt es ein Ausstellungsstück aus diesem Zusammenhang, das bei Ihnen selbst nachhaltigen Eindruck hinterlassen hat?

HÜTTER: Kürzlich habe ich im Heeresgeschichtlichen Museum in Wien die Waffe gesehen, mit der der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand 1914 in Sarajevo erschossen wurde. Das Original vor Augen zu haben, ist schon eindrucksvoll, wenn man bedenkt, dass die Tat mit dieser Waffe den Ersten Weltkrieg mit ausgelöst hat. Allerdings ist in einer Ausstellung immer der Kontext herzustellen. Ansonsten handelt es sich eben nur um eine Waffe.

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