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Erstaufführung von „Jeanne d’Arc au Bûcher“: Interview mit Johanna Wokalek: „Hier muss ein Mensch sterben“

In der Titelrolle der Johanna von Orleans wird Johanna Wokalek im Frankfurter Opernhaus auf den Scheiterhaufen steigen – in einem Oratorium von Arthur Honegger.
"Johanna auf dem Scheiterhaufen" mit Johanna Wokalek, Oper Frankfurt Bilder > "Johanna auf dem Scheiterhaufen" mit Johanna Wokalek, Oper Frankfurt
Frankfurt. 

Vor allem vom Film kennt man die Schauspielerin mit dem besonderen Blick und der ernsthaften Art: Johanna Wokalek ließ sich für die „Päpstin“ eine Tonsur schneiden, spielte in „Der Baader-Meinhof-Komplex“ die Terroristin Gudrun Ensslin und raubte Ulrich Tukur als Fotoreporterin in „Nordwand“ den Verstand. Jetzt ist die langjährige Burgschauspielerin an der Frankfurter Oper in Arthur Honeggers dramatischem Oratorium (1935/50) nach dem Text des Franzosen Paul Claudel als französische Nationalheilige „Jeanne d’Arc au Bûcher“ (Jeanne d’Arc auf dem Scheiterhaufen) zu sehen. Unter der Regie von Alex Ollé, Mitglied der spanischen Performance-Truppe „La Fura dels Baus“, ist am 11. Juni deutsche Erstaufführung. Im Interview mit Bettina Boyens zeigt sich Johanna Wokalek aufgewühlt von der Intensität ihrer Sprechrolle.

Frau Wokalek, 75 Minuten lang auf einem Scheiterhaufen stehen, der jede Sekunde angezündet werden kann, und sich gegen Anfeindungen wehren: Das ist Ihre Situation in Arthur Honeggers Oratorium. Das hört sich anstrengend an.

JOHANNA WOKALEK: Es ist unglaublich intensiv, ich muss mir die Kräfte bis zur Premiere einteilen. Es hat keinen Sinn, sich jetzt schon die ganze Zeit zu verausgaben. Das Stück fängt mit dem Ende an. Jeanne ist kurz davor zu erleben, dass der Scheiterhaufen angezündet wird, und sie weiß, dass sie jetzt sterben muss. Dazwischen ziehen noch mal die Szenen ihres Lebens an ihrem geistigen Auge vorbei. Wie eine Art Nahtod-Erlebnis. Eine beeindruckende Idee von Arthur Honegger und Paul Claudel, ihr Werk so aufzubauen.

Setzt Ihnen die Intensität von Honeggers Musik zu? Man kann das nur mit Arnold Schönbergs Melodram „Ein Überlebender aus Warschau“ vergleichen.

WOKALEK: Richtig, das hat eine ebenso große physische Wucht. Und das wird auch von unserem Regisseur Alex Ollé so empfunden. Und deshalb sind natürlich auch die Proben so aufreibend.

Honeggers „Jeanne d’Arc“ wird eine Art Markenzeichen für Sie. Sie steigen jetzt bereits das dritte Mal auf den Scheiterhaufen. Hier in Frankfurt wird es zum ersten Mal inszeniert, und Sie sprechen das erste Mal Französisch.

WOKALEK: Szenisch wirkt das Werk ganz anders. Ich muss jetzt meine Sinne anders schärfen, damit ich das, was ich brauche, auch wirklich höre, vor allem in dem riesigen Bühnenraum, den wir hier haben. Aber auch eine rein konzertante Aufführung ist extrem physisch. Musik, Sprache und Theater, alles hat mit dem Atem zu tun. Ab dem Moment, wo dieser erste Chor anhebt „Dunkel, dunkel“, fängt meine Spannung, meine Atmung an. Die innere Reise ist konzertant genauso notwendig, um das fühlbar zu machen.

Sie leben in Paris. Sprechen Sie so gut Französisch, dass Sie die Rolle ohne weiteres interpretieren können? Paul Claudels Libretto ist ja sehr anspruchsvoll.

WOKALEK: Der Schlüssel liegt in der Liebe zur Sprache. Musikalisch ist der Text im Original von Honegger genauer notiert, als wir es im Deutschen in der Übersetzung leisten können. Die Sprachfarben bedingen oft die Expression eines Ausdrucks. Ich muss mich manchmal wirklich zwicken zwischendurch vor Glück, weil es auch für mich so ein aufregendes Erlebnis ist, jetzt diese Rolle endlich auch im Französischen zu interpretieren und dazu noch szenisch. Ich bin sehr fleißig und habe einen Coach, der mir hilft.

Kommen Sie durch die Originalsprache der historischen Jeanne d’ Arc näher? Wer war diese rätselhafte Frau für Sie?

WOKALEK: Ich empfinde sie als sehr stark, in dem Sinne, dass sie durchsetzte, was sie wollte und wohin sie wollte. Das ist revolutionär, mit all den positiven wie mit den negativen Seiten. Hier im Oratorium Honeggers ist sie jemand, der in der Situation einer grausamen Unmenschlichkeit feststeckt. Sie wird für etwas zu Unrecht verurteilt, was sie nicht begreift und nicht begreifen kann. Das ist etwas, was wir alle verstehen können, weil es das tagtäglich überall gibt. Einfach, weil jemand unbequem ist, etwas vertritt, was nicht erwünscht ist, wird er gefoltert bis zum Tode. Und hat nicht die Chance, sich über das Wort allein zu befreien. Die Sprachohnmächtigkeit ist das Grauenhafte an der Situation von Jeanne d’Arc.

Haben sie die berühmten Prozessakten von 1431 gelesen?

WOKALEK: Ich habe ein Hörspiel über Jeanne d’Arc mit Anna Seghers, basierend auf den Prozessakten, aus dem Bertolt Brecht sein Theaterstück gemacht hat. Ihre Antworten sind von einer derart klugen, sphinx’schen Art, obwohl sie nicht lesen und schreiben konnte, dass ich mir oft beim Hören dachte: „Die hätte ich gern getroffen“. Und wenn sie etwas nicht beantworten will, sagt sie einfach: „Fragt was anderes“. Das ist so stark.

Glauben Sie, dass in Claudels Libretto alle auftretenden Tiere und Personen die inneren Visionen von Jeanne sind?

WOKALEK: Ich finde nicht notwendig zu beantworten „Was ist Vision und was Realität?“ Wir können uns gar nicht vorstellen, was ein Mensch in einer solchen Situation empfindet, wissend, er wird gleich sterben. Wichtiger ist doch: Wie verhalten wir uns dazu? Vor mir ist ein Mensch, der sterben wird. Was tue ich?

Bei ihrem Lehrer Klaus Maria Brandauer habe Sie Ihre Rollen zu denken gelernt, als Voraussetzung für glaubhaftes Spiel. Wie denkt man sich in diese Jeanne d’Arc von Paul Claudel?

WOKALEK: Die Inbesitznahme, das Einverleiben der fremden Sätze, in diesem Fall sogar einer fremden Sprache, findet dadurch statt, dass die Worte immer in mir kreisen. Wenn ich abends nach Hause gehe, ins Apartment, in den Park, dann kommen sie immer wieder, und sie lassen mich nicht mehr los. Was ich so allerdings noch nicht erlebt habe und was mir fast ein wenig unheimlich war: Nach einer der ersten Proben hier drehte sich die Sprache und die Musik eine ganze Nacht in mir, immer wieder, wie ein Karussell, wie ein Rausch, so dass ich gar nicht mehr schlafen konnte. Ich musste das richtig abstellen. Licht an, bewusst ein gutes Buch zu Hand nehmen und mich ablenken.

Welche Szene berührt Sie am meisten?

WOKALEK: Das kann ich nicht sagen: Paul Claudel zeigt sie ja vor allem als echten Menschen. Sie ist eben nicht nur stark und heldenhaft, sondern strahlt diese existenzielle Angst aus. Mich berührt das von Anfang an. Sie versteht einfach nicht, warum sie sterben soll.

Gegen welche Weltmächte würde Jeanne d’Arc heute kämpfen?

WOKALEK: Einerseits steht sie wie keine andere ein für die Freiheit des Wortes und die Freiheit des Denkens. Aber auf der anderen Seite: Heute leben wir auch in einer erschreckenden Freiheit des Wortes, besonders im Internet. Und wie setzt der anonyme Hass der Massen Künstlern und Politikern zu. Da denkt man an unsere Chöre hier, die Jeanne d’Arc bedrängen. Viele können sich davor gar nicht mehr schützen und hören auf, sich zu äußern. Eine Jeanne d’Arc müsste heute einen Krieg gegen diese Form von Netzwelt fechten. Aber wie wäre der umsetzbar? Meine Hoffnung ist, dass auf Dauer nicht Internet, Smartphone und Tablets, sondern die Sprache und der „direkte“ Austausch die stärkere Kraft zwischen den Menschen bleiben.

 

Oper am Willy-Brandt-Platz, Frankfurt. Premiere 11. Juni, 18 Uhr. Weitere Aufführungen bis 30. Juni. Karten unter Telefon (069) 212-49 494.
Internet www.oper-frankfurt.de

 

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